Donnerstag, März 08, 2012

Das Lied des Renovierens






















Der Putz kreischt, schreit rhythmisch auf, während der Spachtel schräg auf ihn einschlägt, immer wieder, wenn Metall an Kalk schabt. Papier ratscht. Tapete. Mal knurrend, in großen Stücken, oft nur in kleinen Fitzeln. Dann, wenn der Spachtel flach einhackt, sich unter die störrischen Schichten zwängen soll. Schwisch. Klatsch. Der Quast wischt über die Farbe, Schwung für Schwung, um die festgeklebten Bahnen zu tränken, auf dass sie sich vollsaugen, an Halt verlieren und den Widerstand aufgeben, sich packfest an die Wand zu klammern. Mehr als nur einmal lauert ein raschelndes Geheimnis, wenn der Kleber sich löst und das Papier fällt. Da bröselt Putz, da klackern Brocken hinaus, da klaffen Löcher, über die scharf ratschend der weit größere Mörtelspachtel schaben muss. Da rauscht seit Jahren nicht weggeputzte Asche kiloweise aus dem Schornsteinschacht, und Du riechst wie ein kirgisisches Braunkohlekraftwerk. Du wischst Dir Tapetenfetzen von der Stirn, zupfst Farbplacken aus den Augenbrauen, grummelst, fluchst, die Nerven sirren, der Puls puckert.

Das Lied des Renovierens hallt im Hinterkopf nach, wenn Du aus Träumen hochschreckst, geweckt von wirbelnden Gedanken, die aufschrillen, die "Vergiss mich bloß nicht!" schreien, die "Denke dran" knödeln, die in wilden Strichen schraffieren, was alles noch passieren kann, was schiefgehen könnte, die skizzieren, was alles noch vor Dir liegt. Das, was sich entweder zum gefühlten Gebirge auftürmt oder Dich wie ein Malmstrom strudelnd hinabreißt. Das, was eisig hochkriecht, wie eine kalte Quelle am Grund eines warmen Sees aufwallt und Dich packt, was den Puls aus den Tiefen der Ruhe hochjagt, Dich ins Trudeln bringt, wenn Du nicht schnell genug gegensteuerst, inmitten von Gedanken, die wie ein Schwarm Mücken an einem warmen Sommerabend über Dir hängen, blutdurstig, stechwütig. Du wälzt Dich nach links, winkelst Die Arme übereinander, zerrst die Decke über den Kopf, gräbst Dich tief in Kissen, doch es juckt hinterm Ohr, die Armbeuge schmerzt, schläft ein (anders als Du), Du drehst Dich nach rechts, doch so liegt es sich auch nicht gut, und irgendwann, Momente, bevor der Wecker klingelt, findest Du Deine Ruhe wieder, nickst ein, ehe der neue Tag beginnt, gebraucht wie die alten Tapeten, die Du auch heute wieder abreißen wirst. "Wer erneuert mich selbst bloß nach all dem Renovieren?", fragst Du Dich, und dann packst Du wieder den Spachtel und das Lied des Renovierens erklingt von vorn.

2 Wortmeldung(en):

Anonymous Sofasophia meint...

oh mann, das bleibt mir zurzeit erspart. klingt aber (trotz horroransätzen) irgendwie so, als hättest du doch auch ein wenig spaß dabei?
renovierst du die wohnung, a.) die du verlässt, b.) die du bewohnst oder c.) in die du nächstens einziehst?
how ever ... das kommt schon gut und eines tages - im rückblick - wirst du darüber grinsen.
liebgrüß, d.

9/3/12 13:36

 
Blogger queen of maybe meint...

Die Suche nach dem Schlaf haben wir gemein. Und man sollte doch unbedingt, um am naechsten Tag wieder - !

10/3/12 13:24

 

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