Montag, März 05, 2012

Betörende Klangwildnis aus der Schwiiz

Wäre er damals nur nicht tauchen gegangen, zwischen den Schären bei Stockholm, an diesem Tag im Juni vor dreieinhalb Jahren. Nun, er hätte Monate später beim Brötchenholen stolpern können, auf die Fahrbahn strumpeln und von einem Betonmischlaster überfahren werden können. Er hätte sich an der Tankstelle eine Kippe anzünden können, den Laden in die Luft jagen und von der Explosion hingerafft werden, von einem herabfallenden Wasserspeier aus Stein erschlagen... oder höchstselbst in die Tasten hauen können beim Festival der Konjunktive. Doch Esbjörn Svensson ging im an diesem Tag Sommer 2008 tauchen, und er tauchte nicht wieder lebendig auf, wurde unweit des Stegs reglos, leblos unter Wasser gefunden, mit schweren Verletzungen am Kopf. Seitdem klafft ein Loch am Rande des Jazz. An der Stelle, die Puristen meiden, wo sich die Neugierigen aber scharen. Dort, wo Rock, TripHop, Elektronik, Pop-Melodien, knackige Grooves und Experimentierfreude wirbeln und mit frischem Wind Staub vom alten, in Gediegenheit erstarrten Jazz fegen.

Nun gab es durchaus auch Andere, die sich getraut haben. Die Brachial-Rumpler von "Bad Plus" etwa. Die Neugierigen im Grenzgebiet raunen nun aber von einer wunderbaren Neuentdeckung in der Schweiz. "Rusconi". Einen ersten Echo hat Stefan Rusconi bereits eingeheimst. Nun ist bei ihm "Revolution". Ein wunderbar erfrischendes Album hat er eingespielt, eins, das faucht und aufbegehrt, eins das Ideen gegeneinander ausspielt, eins, in dem wuchtig krachender Rock, lyrische Melodien, keck gegeneinander gesetzte Rhythmen, vieldeutige Harmoniefolgen aufhorchen lassen. Eins voller Spielwitz und Wagemut, voll stillem Lärm, voll raubeiniger Zärtlichkeit, mit Abenteuerlust gewaschen. Und es ist eins, bei dem - wie vor Jahren bei Radiohead - der Hörer selbst entscheiden kann, wie viel er dafür zahlen mag, wenn er es runterlädt. Viel zu großartig ist die Musik, um nichts dafür zu geben, aber wer möchte, kann auch kostenlos eine Erkundungsreise machen und später alle Freunde begeistern und motivieren, gegen Geld das Album zu erwerben. Hier gibt es das feine Stück, dank dessen wieder neues Leben pulsiert in den Grenzgebieten am Rande des Klaviertrio-Jazz, wo es so still und karg geworden war, seitdem Esbjörn Svensson nicht wieder lebendig auftauchte.

4 Wortmeldung(en):

Anonymous Frau H. meint...

Sehr hübsch. Plätschert. Fließt. Hinterlässt was GUTES...

5/3/12 23:57

 
Anonymous Sofasophia meint...

das schlägt mein schweizerisches herz gleich ein paar takte schneller :-)

noch dies, am rande: schwyz mit y geschrieben ist nicht das land, sondern ein schweizerischer kanton (= bundesland).

die jungs hier kommen, so lese ich, aus der region basel (also nix schwyz, sondern basel).

so klein ist sie nämlich gar nicht, die schweiz. ausgesprochen wird der ländername in schweizerdeutsch schwiiz, da bist du voll gut informiert :-)

gefällt mir, dieser sound ... mal wieder etwas neues.

6/3/12 12:37

 
Blogger Oles wirre Welt meint...

@sophasophia: verflixt, reingefallen. den lapsus hab ich sofort mal geradegebogen. als ostfriese will man ja auch nicht mit west- oder nordfriesen oder emsländern verwechselt werden, auch wenn die unterschiede für außenstehende marginal oder unbekannt sind. :)

6/3/12 21:25

 
Blogger Oles wirre Welt meint...

@frau h: wenn es was gutes hinterlässt, ist das doch schon einiges wert. :)

7/3/12 19:41

 

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