Sonntag, November 08, 2009

Großartige Musik für neugierige Ohren (X)


Dampf kringelt sich über heißem Tee, die ersten Spekulatius des Jahres linsen verstohlen vom Teller aus dem Fenster und sehen Blättern zu, die aus Baumkronen segeln. Herbstzeit, Zeit für gute Musik. Und so krabbelt auch die alte Tradition dieser Seite wieder aus der Schublade, gefischte Klangperlen zu teilen. Diesmal in einer durchweg stillen Etappe, herbstzeitlose Musik, wenn man so möchte.

Vor geraumer Zeit schon einmal angepriesen, kommen Lewis & Clarke hier noch einmal zu Ehren mit ihrer zauberzarten, weltversunkenen, wunderbaren Ballade Before it breaks you. Bis heute findet ihr Album "The blasts of holy birth" den Weg hierher nur über Umwege. Zu Unrecht.

Mehr Aufmerksamkeit verdient hätte auch Gary Jules, der nur kurz in den Blickpunkt schwirrte mit seiner Coverversion der Tears For Fears-Nummer "Mad world" vom Donnie-Darko-Soundtrack. Doch gibt es bei ihm weit mehr Schönes und Stilles zu entdecken, wie Falling awake und Wichita aus den Daytrotter-Sessions beweisen.


Zu den spannendsten und cleversten Klangtüftlern des Jahres gehören auch Grizzly Bear mit ihrem neuen Album "Veckatimest". Als Kostprobe servieren wir hier Cheerleader.

Ebenso prachtvoll und erfrischend erkundet Patrick Watson auch auf seinem neuen Album "Wooden arms" die stillen, düster-verträumten Seiten der Klangwelt. Hier gibt's Tracys waters auf die Ohren.

Einen großen Wurf haben auch The Antlers in diesem Jahr mit ihrer Scheibe "Hospice" gelandet. Begeisternd prächtig singen sie über Krankenhausbetten wie in Shiva, über Zahlen wie in Two oder den perfekten Moment zum Gehen, bevor alles zu spät ist wie in Kettering.

Mit Kennerlobhudeleien überschüttet worden sind auch Mumford & Sons für ihre Folkperle "Sigh no more", die unter einem Hauch alter Patina mit Kontrabass, Banjo Schwung aufnimmt. Hier gibt es Little lion man zu entdecken.


Eine Welle der Stille brandete infolge des Debüts von Kings Of Convenience zu Beginn des Jahrzehnts. Der Albumtitel "Quiet is the new loud" ist das lyrische Paradoxpendat zu "Dumm aber schlau" von Das Bo, bei allem musikalisch aber weit nahrhafter. Fünf Jahre nach ihrem letzten Album sind die Skandinavier nun wieder mit neuen Liedern aus der Deckung gekommen. Im Klangkosmos hat sich wenig geändert, doch wie schön beschwingte Stille sein kann, zeigt auch Boat behind einmal mehr.

Das gilt haargenauso für Chris Garneau, der mit "El radio" just wieder auf dem Markt ist. Hier gibt es jedoch einen Sprung zurück zum herrlichen Vorgänger, "Music for tourists" mit der Nummer Not nice.

Als Abschluss des stillen Herbstliederreigens gibt es noch Flume des famosen Bon Iver.

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Donnerstag, Oktober 09, 2008

Wenn der Sturm

Nun, da der Herbst sich senkt, umklammern die Hände den Kaffeebecher fester. Füße schlüpfen in Wollsocken, Blätter rascheln über den Boden, Nebelschwaden verhüllen die Weiden. Herr, es ist Zeit. Zeit auch, einmal wieder einen Musiktipp hervorzuziehen. Zartschmelzend, traumschön und leise schweben Lewis & Clarke durch ihre feinen Songs. Balladen, die sich sachte aufbäumen, Traumfäden spinnen, die Sterne vom Himmel holen und sachte auf reglose Wasserspiegel legen. Das Album "Blasts of holy birth" ist hier leider immer noch nicht erschienen. Umso mehr: Reinhören! In Before it breaks you, in We think we have eyes und in die komplette, grandiose Daytrotter-Session. Für stille Abende, wenn der Sturm draußen das Land zerzaust.

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Freitag, August 08, 2008

Omas Teich / Fest van Cleef

Drei Tage lang bebte das winzige Kaff Ulbargen, rechts der Bundesstraße zwischen Leer und Aurich. Die Windräder ließen sich nicht beirren von Ostfrieslands größtem Rockfestival. Hier ein paar Schnappschüsse (wegen hartem Runterrechnen leider ein wenigpixelig geworden).



Kettcar



Reimer Bustorff (Kettcar) zupft sich um Kopf und Kragen.



Tu immer, was Dein Herz Dir sagt, und begrab es in der Biegung des Flusses" - Marcus Wiebusch (Kettcar)



Reimer rockt.



Aydo Abay (Blackmail) als Gegenlichtgestalt.



Aydo's got the blues (oder so).



Helge Omen Kaizer - das Tastenungeheuer der norwegischen Polkatrolle.



Janove Ottesen (Kaizers Orchestra) steht über vielemn.



Die Orgel riecht muffig. Vorsichtshalber die Maske aufsetzen.



Keith Caputo ist kaputt.



Luftblasen.



Rotze Santos (Turbostaat) rockt.



Jan Windmeier (Turbostaat) schreit, aber nicht den Namen seiner Mutter.

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Samstag, Dezember 22, 2007

Hyvää Joulua


Viel zu tun in diesen Tagen. Netzjenseitiges Gewusel. Viel zu regeln, erleben, treffen, besorgen. Doch wünsche ich Euch allen famose Festtage, gespickt mit passgenauen Geschenken, durchsprudelt von tollen Stunden, erfreulichen Begegnungen, besinnlichen Momenten und formidablen Festschmäusen. Als kleines Weihnachtsgeschenk gibt es hier noch das herrliche Asthma came home for christmas meiner Lieblings-Schotten von Aereogramme zum freien Runterladen. Frohe Weihnachten Euch!

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Donnerstag, Dezember 13, 2007

Goldene Gelegenheit


Die großartigen Okkervil River haben zur Adventszeit das "Golden opportunities mixtape" als MP3s zum kostenlosen Herunterladen bereitgestellt - eine Zusammenstellung aus seltenen Fassungen von eigenen Songs und diversen Coverversionen. Ein tolles musikalisches Vorweihnachtsgeschenk, dass hier zum Abholen bereit liegt. Sogar mit Artwork und Liner-Notes zum Ausdrucken.

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Donnerstag, November 29, 2007

Weakerthans live

Weihnachten ist in diesem Jahr musikalisch vorgezogen worden. Binnen vier Tagen zwei meiner absoluten Lieblingsbands live in Münster im Konzert erleben zu können - eine absolute Seltenheit. Und nach den famosen Okkervil River lieferten gestern die mindestens so großartigen Weakerthans im Skaters Palace ein traumhaftes, begeisterndes Set mit überbordender Spielfreude. Auch wenn der Schock tief saß, als John K. Samson & Co. nach kaum einer Stunde die Bühne das erste Mal verließen. Knappe anderthalb Stunden wurden es dank insgesamt sieben Zugaben noch, die das Publikum frenetisch einforderte. Ganz großes Tennis, ganz nah am Netz!

(Klick auf die Aufnahmen macht sie größer.)













Sollte irgendwer die fantastischen Herren noch nicht entdeckt haben: Hierhin spaziert!

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Montag, November 26, 2007

Okkervil River

Ein unglaublich großartiges Konzert. Gestern abend im Gleis 22. Wer sie noch nicht für sich entdeckt haben sollte, kann hier die äußerst feinen Versionen aus den Daytrotter-Sessions kennen lernen. Auch Kennern dringend empfohlen!









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Donnerstag, September 20, 2007

Großartige Musik für Neugierige Ohren (IX)


Der Herbst rückt näher. Die ersten Blätter schrubben sich das Grün vom Leib, frösteln im erkaltenden Wind und segeln regentropfenumtanzt gen Boden. Mancher hat das Sommerbett zurück in den Schrank gestopft und kuschelt sich wieder unter dickere Decken. Die ersten Heizungen werden eingeschaltet. Klamme Finger klammern sich an warme, dampfende Becher mit Heißgetränken. Zeit, den Herbst mit einem tiefen Griff in die musikalische Schatztruhe zu begrüßen und neugierigen Ohren neues Futter und die Möglichkeit zum Entdecken von vielleicht Unbekanntem zu ermöglichen. Und vielleicht im Anschluss auch ein paar lohnende Neuanschaffungen ins CD-Regal zu stellen.
Mit „The stage names“ haben die famosen Okkervil River für mich eins der großartigsten Alben des an Höhepunkten wahrlich reichen Musikjahres geschaffen. Schwungvoller, knackiger als vorher und doch schimmert noch immer die sanfte Sehnsucht durch’s Unterholz. Neugierig? Our life is not a movie or maybe gibt einen ersten Eindruck.
Binnen kürzester Zeit hat sich auch Patrick Watson mit seinen unglaublich traumversponnenen, einfallsreichen Kleinoden einen Spitzenplatz in meiner Gunst ersungen. Die Songs brauchen mehrere Anläufe, geben ihre Strahlkraft und ihren Zauber erst allmählich frei, zünden dann aber ein poetisches Feuerwerk im Hirn. Luscious life und Giver gibt es hier zu entdecken.
Herrlich ist auch Make a plan, einer der neuen Songs von Saturday Looks Good To Me. Auch Beirut haben ihrem famosen Balkan-Folk-Erstling einen Nachfolger zur Seite gestellt, von dem es hier A Sunday smile zu hören gibt. Wunderschönen, zarten Indierock gibt es im Anschluss von The Good Life mit >You don’t feel like home to me. Famos entwickelt sich auch das neue Album von Maritime. For science fiction bricht nicht in den Orbit auf, bohrt aber tolle Powerpop-Melodien in die Hirnrinde und lässt die Knie vergnügt wippen. Große Gesten, treibende Rockriffs, bombastische Momente und verschlungene Pfade verzwirnen Circa Survive auf „On letting go“, ihrem neuen Album. Großes Kino, das hier mit The difference between medicine and poison is in the dose über die trommelfellene Leinwand flimmert.
Quirligen, vorwärts wuselnden Rock zwischen Ohrwurm und angeschrägten Riffs bieten Pinback mit From nothing to nowhere. Wahnsinnig und großartig zugleich entwickelt sich auch das neue Album von Sunset Rubdown. Nichts für flüchtige Ohren, wächst es mit jedem Hören mehr und erfrischt das Ohr mit brachialer Zartheit und tonnenschwerer Leichtigkeit. Winged/Wicked things lässt schon mal vorschmecken. Rogue Wave haben auch ein neues Album gebastelt und lassen mit Chicago x 12 einen feinen Popsong vom Stapel. Filigran gewobenen, leichtfüßigen und bezaubernden Pop gibt es auch von den Moonbabies mit Walking on my feet. Nicht sonderlich krank, aber ebenso schön ist auch die Countryfolkballade Just a little insane von Kristofer Aström, einem meiner Lieblings-Schweden.
Nochmals hinweisen möchte ich auch auf die fantastische, liebevoll gestaltete Internetseite Daytrotter, wo sich unzählige musikalische Geheimtipps tummeln, die extra für die Seite neue, frische Versionen ihrer Songs noch einmal einspielen, von denen es dann gleich mehrere zum kostenlosen Download gibt. Eine wahre Offenbarung. Von dort stammen auch die beiden famosen Versionen von Hail Mary und Fierce little lark der absolut fantastischen Shearwater sowie Get down und Hand in hand der großartigen Get Him Eat Him. Eine verblüffende Erkenntnis in den verspulten Jungs von Carribean ins Hirn geschlüpft: Stockhausen dient dem Imperialismus. Wer’s nicht glaubt, darf hier nachhören.
Mit seinem butterweichen, traumschönen Cover der alten The Knife-Nummer „Heartbeats“, zu der in einem Werbeclip Myriaden bunter Flummis durch San Francisco hüpften, ist José González mitten in die gleißenden Scheinwerfer des Ruhms gestolpert. Nun hat er eine neue, kargschöne Platte gemacht, auf der sich diesmal abermals eine Coverversion findet – der Massive Attack-Klassiker Teardrops, hier in einer Live-Aufnahme. Auch sehr nett: My rights versus yours der New Pornographers. Und noch immer sprengen Giardini Di Miró jedes Klischee zeitgenössischer italienischer Musik. Verträumt, kühl, rockig, fast ein wenig nordisch. Von ihrer neuen Platte „Dividing opinions“ könnt Ihr hier die Nummer Broken by einem Intensivtest unterziehen. Allseits abgefeiert als aufregendste Elektronik-Tanzplatte der Saison, haben Justice mit ihrem Album „“ abgeräumt. Zum Abschluss darf hier also mit D.A.N.C.E. der Astral-Arsch geschwungen werden.

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Dienstag, August 07, 2007

Großartige Musik für neugierige Ohren (VIII)



Einmal mehr haben trübgraue Schleier die Sonne versteckt. Bürgersteigpassanten ziehen ihre Kragen wieder tief ins Gesicht, haben die langen Stiefel übergestülpt und das Spaghettiträgertop zurück in die hintere Ecke vom Kleiderschrank geknüllt. Ein Murks-Sommer ist das. Zeit, die man nun wieder weit weniger verbringt mit Sonnenbrille, frischen Fruchtsäften, After-Sun Lotion und einem guten Buch in der Sonne zubringt oder abends mit Freunden im Biergarten, im Straßencafé oder mit den Füßen im Kanal baumelnd. Doch diese Zeit kann, wer mag, der Entdeckung der neuesten Musiktipps hier widmen und sich (hoffentlich positiv) überraschen lassen.

Beschwingte Popnummern, schmissige Rhythmen, Melodien süß und zart wie frische Erdbeeren, hier und da ein paar schrägere Tonsprenkel, um es nicht zu überzuckern.
Vielleicht ist ja das ein oder andere (oder gar alles) für Euch dabei und reizt Euch dazu, die Künstler intensiver zu erkunden - viel Spaß mit dem Sommersampler 07!

1. Someone Still Loves You Boris Yeltsin - Half awake (Deb)
2. The Weakerthans - Night windows
3. Johnossi - Man must dance
4. Seymore Saves The World - Love song
5. Maritime -Guns of Navarone
6. Shout Out Louds - Tonight I have to leave it
7. Friska Viljor - Oh oh
8. The XYZ Affair - Little fool
9. Rock Plaza Central - The things that bind you
10. Architecture In Helsinki - Heart it races
11. Iron & Wine - Boy with a coin
12. The Coach And Four - In transit
13. Kevin Drew - Tbtf
14. Spoon - The underdog
15. Hallelujah The Hills - Hallelujah the hills
16. Caribou - Melody day
17. The Maccabees - Toothpaste kisses (Daytrotter version)
18. Jens Lekman - Friday night at the drive-in bingo

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Dienstag, Juli 10, 2007

Das Sommerpopalbum des Jahres

Es gibt sie noch die perfekten Scheiben für den Sommer. Eine der vergnügtesten, beschwingstesten und vor potenziellen Ohrwürmern strotzendsten Platten des Jahres kommt von The Format, nennt sich "Dog problems" und erscheint hier offiziell Ende Juli. Mehrheitlich famos instrumentierte Songs, die - mal nur mit Schrammelgitarre und Schlagzeug, dann aber wieder mit Klarinetten, Streichern, Himmelschören, Glockenspiel und weiteren geschickt platzierten Klangarben um die Ecke turnen und munter zwischen Sgt. Pepper und Nada Surf, zwischen Maritime und den Beach Boys, zwischen Modest Mouse und Neutral Milk Hotel hin und her tanzen.

Absolute Kaufempfehlung meinerseits. Allein das Bastelcharme-Artwork und den auseinanderklappbaren Papphundegrüppchen lohnt den Kauf zudem.

Und wer sich noch nicht entscheiden kann, der mag hier das komplette Album noch bis zum 16. Juli kostenlos und legal herunterladen. (S)eine Mailadresse hinterlassen, runterladen, hören, begeistern und dann das Wort für diese famose kleine Band weiter verbreiten, die unlängst aus kaum verständlichen Gründen gleich zweimal von ihrem Label gekickt worden ist.

Edit: Zuweilen spinnt die Seite (vielleicht wegen Überfrachtung) leider. Insofern seien hier auch noch einige Songs der Scheibe auf anderem Wege angeboten (wobei eins der besten, das grandios verspulte und famos instrumentierte "Matches", außerhalb leider nicht als Links zu entdecken waren):

The Compromise
Oceans
She doesn't get it
If work permits
I'm actual

Der Titeltrack und beste Song des Albums ist zudem hier als Video zu bestaunen. Zeit nehmen bis zum Ende. Es lohnt sich und wird immer spannender.

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Mittwoch, Juni 27, 2007

Eine magische Stunde - Rock you like a hurricane (III)

Dein Herz weitet sich und zerspringt in glitzernde Scherben, Deine Hände krallen sich zusammen, beim Versuch, die Zeit anzuhalten, den magischen Moment einzufrieren. Zu viel Schönheit reißt Dir den Boden unter den Füßen weg. Du taumelst fast. Möchtest das Glück und die Trauer heraus schreien. Dein Innerstes birst. Worte zerfallen zu schillerndem Sternstundenstaub beim Versuch, das Erlebte zu beschreiben. Ich bin nah am Wasser aufgewachsen. Weit weniger nah am Wasser bin ich eigentlich gebaut. Hier jedoch sind Dämme gebrochen. Hier habe ich geweint. Silberglänzende Tränen. Zum ersten Mal bei einem Konzert seit ich denken kann. Selten habe ich mich sprachloser gefühlt als nach dem unfassbar überwältigenden Auftritt von Aereogramme am späten Samstag abend auf dem Hurricane. Ein Auftritt, wie ich fast noch nie einen erlebt habe, der mich weggeblasen, mitgerissen und angerührt hat wie fast keiner je zuvor und der wohl unvergesslich bleiben wird.

Wie habe ich diesem Konzert im Vorfeld entgegen gefiebert, und welch bittere Gewissheit mischte sich darein. Schon im letzten Jahr hatte das Schicksal der Band auf der Kippe gestanden. Eine schwere Kehlkopfkrankheit hatte sich in die Stimmbänder von Craig B., dem Sänger, gefressen. Es dauerte Monate, ehe er wieder einen Ton traf. Doch es schien ein gutes Ende absehbar. Das neue Album wurde weit ruhiger, verzichtete auf schmerzverzerrte, schreiende Leidenschaftsausbrüche. Zurecht wurde es als Wiedergeburt gefeiert und alles schien hoffnungsvoll, vielleicht gar der Durchbruch in Sichtweite. Doch so kam es nicht. Mitte Mai, nur wenige Monate nach der Veröffentlichung, plötzlich das Aus. Komplexe Problembündel, vor allem das finanzielle Darben, hatten die Band zu einer erschütternden Auflösungs-Erklärung gebracht. Am Ende war keine Kraft mehr für einen Kampf. Eine der großartigsten, intensivsten und anrührendsten Bands der letzten Jahre baut ermattet und resigniert ihre Zelte ab. Die dicken, bärtigen Zottelschotten senken den Kopf, packen ihre Sachen, nicht jedoch ohne wenigstens sich auf den letzten Konzerten von ihren Fans zu verabschieden.

"The quickest way to end a war is to lose it", das Zitat George Orwells, ziert den Rücken der Abschieds-T-Shirts. Ich schlucke, als ich es mir überstreife. Dieses Konzert wird mein persönlicher Abschied. Und so wohnen zwei Herzen, ach, in meiner Brust, irrsinnige Vorfreude und triste Wehmut, als ich den wirklich tollen Auftritt von Bright Eyes schon nach einer Dreiviertelstunde verlasse, den ich liebend gern zu Ende gesehen hätte, und hinüberschlurfe zum Zelt, wo meine Lieblings-Schotten aufspielen werden. Es ist die Crux von Festivals, sich oft zwischen verschiedenen tollen zeitgleichen Möglichkeiten entscheiden zu müssen. Dies hier ist jedoch zu wichtig, hier gibt es keine wirkliche Frage.

Fast schüchtern betreten sie die Bühne, bauen selbst ihre Instrumente auf, mit nur wenig Hilfe von Roadies. Schüchtern winken sie ins Publikum; warmer Applaus brandet ihnen entgegen. Dann ziehen sie sich wieder zurück. Vorerst. Als sie zurückkehren beginnt die vielleicht eindringlichste, mitreißendste und berückend schönste Konzertstunde seit immens langer Zeit. Selten hat Craig B. seine Melodielinien zarter, inniger gesungen, die Hände ans Mikrophon geklammert, mitgerissen vom gewaltigen musikalischen Strudel. Mit unglaublicher Intensität und meilentiefer Empfindsamkeit walzen sie mit Riffgewittern und Monstergrooves alles nieder, schichten Klangschicht über Klangschicht, punktgenau und kristallklar, brachial und doch gefühlvoll, um im nächsten Moment alle schwarzen Wolken in lichtdurchflutete Sanftmut aufzulösen, auf herrlichen Melodien weiter zu schweben. Innere Zerrissenheit, die sprachlos macht. Die reinigende Kraft der tragischen Katharsis.

Wie im Rausch versinkt das Publikum in den Klangfluten, dem Wechselbad schüchterner Zurückhaltung und großem Pathos, trinkt den Moment, den klavierversunkenen, wunderschönen Trauerwalzer "Barriers", das irre, traumhafte Wechselbad von "Indiscretion #243", das zauberschöne Conscious life for coma boy. Mit jeder Minute wird der Jubel frenetischer, die Menge verzauberter. Und plötzlich fliegt sogar noch ein roter Slip auf die Bühne. Schweiß tropft vom Zeltdach. Fast gerührt klaubt Craig ihn auf. Es ist der erste überhaupt in der Bandgeschichte - im drittletzten Konzert überhaupt. Dass sie ihren ganz besonderen Reigen ausgerechnet noch mit Post tour pre-judgement, dem vielleicht schönsten und intensivsten Song der Bandgeschichte beenden, macht diese Stunde fast noch magischer. Am Ende ist das Publikum sprachlos, überwältigt, in Trance. "Thank you... we are... we were Aereogramme" haucht Craig B. am Ende mit zittriger Stimme. "My heart has a wish that you would not split up", saust mir eine Abwandlung des letzten Albumtitels durch den Kopf. Aber wenn schon abtreten, dann so. Das perfekte Requiem für einen (geplatzten) Traum. Eine geschlagene halbe Stunde lang donnert ein Applaus-Orkan gen Bühne. Techniker, die zum Abbau verpflichtet sind, werden ausgebuht.

Zugabeforderungen aus nicht müde werdenden Kehlen reißen gar nicht mehr ab. Draußen stehen die Fans von Hayseed Dixie, die den Abend beschließen sollen, doch sie haben keine Chance. Hier geht erst einmal keiner. Hier ist die Stunde des Abschieds gekommen, und der soll gefeiert werden . Das Publikum sprengt den Zeitplan. Mit tränenfeuchten Augen betreten die einzelnen Bandmitglieder fast schüchtern noch einmal die Bühne, heben hilflos die Hände. Sie dürfen nicht weiter spielen. Das Publikum lässt sich nicht beirren, dies ist der Abschied von den persönlichen Helden und der wird ausgekostet. Niemand will sie gehen lassen. Ein Wahnsinns-Ausstand für eine fantastische Band. Irgendwann gehen wir dann doch, erschlagen, ermattet, beseelt, tief berührt. Interpol, die ein wirklich gutes Set auf der großen Bühne hinlegen, können mich zwar durchaus begeistern, doch können sie trotzdem nach diesem gigantischen Auftritt von Aereogramme nur verlieren. Eine Konzertstunde wie diese erlebt man nur ganz selten. Ich bin froh, dabei gewesen zu sein und hoffe, dass es auch nach ihrem Hinscheiden noch viele geben wird, die sich mit neugierigen Ohren einlassen und die fantastische, origininelle und berückend großartige Musik dieser Band für sich entdecken.

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Montag, Juni 25, 2007

Rock me like a hurricane (I)

Wir kommen vergleichsweise spät an. Erst am frühen Freitagnachmittag erreicht unser Kombi über die ausgewiesenen Feldwege den abgelegenen Landstrich zwischen Waldstreifen, Äckern und Wiesen, wo sich das Festivalgelände rund um den alten "Eichenring" bei Scheeßel versteckt. Eine dicke Anweiserin mit neongelber Weste schickt uns auf einen abgeernteten Maisacker, wo wir in Reih' und Glied dirigiert werden und den Wagen abstellen. Schon von Weitem lugt zwischen den Baumwipfeln das riesige Camping-Gelände hindurch mit einem kaum übersehbaren Wirrwarr abertausender oft schlecht abgespannter Iglu-Zelte und Pavillons hinter Metalldrahtzäunen. In unregelmäßigen Abständen ragen meterhohe, selbstgebastelte Fahnenmasten empor, an denen Flaggen im Wind baumeln. Gern Totenköpfe, manche Deutschlandfahnen schlabbern als Relikte der letztjährigen WM-Begeisterung umher, auch Jägermeisterbanner stehen hoch im Kurs. Leuchttürme der Orientierung, die das Wiederfinden der eigenen Zelte erleichtern.

Schon von Weitem riecht es nach Holzkohle und billigem Grillfleisch. Eine schlafsack- und zeltbepackte Karawane schlurft die letzten paar Hundert Meter bis zum Einlass. Im Trott vor uns scheppern die Böhsen Onkelz blechern aus einem Ghettoblaster. Er baumelt, festgeknotet mit Zeltabspannschnur, unter einem Bundeswehrrucksack. Dutzende Bierfässer werden, mit meterweise klebrigem Panzertape auf eine Schubkarre gefesselt, durch den Schlamm geschoben. Wir staksen zwischen Matschpfützen hindurch zum großen Eingangszelt und tauschen Eintrittskarten gegen Armbändchen. Nun sind wir angekommen, betreten den abgeernteten Stoppelacker, den Campingplatz, die wilde Großstadt für ein Wochenende. Das neue Abenteuer beginnt. Eine vielleicht Fünfzehnjährige torkelt uns entgegen. "Nadja mit den Zaubertitten! Bock, mich zu ficken?", hat sie mit Edding auf ein Stück Klebeband gekrakelt und sich quer über die Brüste gepappt.

Drei rotbekopfte Halbstarke mit bierbefleckten Muskelshirts kleben ein Pappbanner an ihren windschief abgespannten Pavillon: "Tofu ist was für Schweine! Wir grillen ganze Rinder!" Ein halbes Dutzend johlender Mädchen spielt Flunkiball. Sie stehen in zwei Gruppen einander gegenüber und versuchen mit promilleschwankenden Händen eine Wasserflasche, die aus dem Matsch aufragt, mit einem Gummiball zu treffen und umzuwerfen. Im elften Versuch hat die linke Gruppe getroffen. Sofort rennen die Mädels zu einem großen Kanister, in dem wohl Vodka-Orangensaft schwappt, reißen ihn hoch und kippen das Gesöff in gierige Kehlen. Schneller, schneller. Jeden Moment könnte die andere Gruppe die Flasche umplumpsen lassen. Dann dürfen die weitertrinken, bis man selbst wieder getroffen hat - was dauern kann, wenn der Blick zu schwindeln beginnt. Und vorher sollte man doch den Löwenanteil in den eigenen Schlünden versenkt haben. die auf dem damit diese umkippt und sie selbst weitertrinken können. Ein Langhaariger mit "Led Zeppelin"-Shirt und Kinnbart sitzt selbstversunken auf einem wackligen Campinghocker am Wegrand und versucht "Stairway to heaven" zu zupfen. Der Weg ist da, wo keine Zelte stehen. Sonst gibt es keinen Unterschied. Er verfehlt unentwegt die richtigen Bünde auf dem Griffbrett, gibt irgendwann auf, spielt "Knocking on heaven's door". Bob Dylan geht leichter von der Hand.

Wir erreichen unser Ziel: Ein Teil unserer Gruppe ist schon vorgefahren, hat netterweise auch unsere Zelte schon aufgebaut, gerade das dritte Fass Bier angestochen und grillt munter. Das Fleisch brutzelt über der qualmenden Kohle, braucht aber noch ein wenig. Einige von uns haben als Chemie-Doktoranden Trockeneis besorgt, was die mitgebrachten Lebensmittel das Wochenende über kühl halten wird. Ein nicht zu unterschätzender Vorteil. Nur brauchen sie ein wenig länger, bis sie verzehrfertig sind. Der Weg von -78° C bis zur Knusprigkeit ist weit. Inzwischen sind wir schon eine Viertelstunde auf dem Gelände. Erstaunlich: Noch hat niemand "Heeelgaaa!" gebrüllt.

Wir beziehen die Zelte, schlürfen das erste frische Pils. Auf dem "Weg" bildet sich eine Menschentraube. Ein volltrunkener Schrank wankt barfuß, umhüllt von einem billigen Regencape, durch den Schlamm. Erste Krusten sind getrocknet und bröckeln ihm aus dem Gesicht. Er taumelt beinahe. Einige Umstehende feuern ihn an. Dann nimmt er Anlauf, springt ab und bauchklatscht mit einem kraftvollen Flachköpper ins brackige Gegubbel. Die Menge johlt. Er liegt mitten in einer Schlammpfütze, grinst triumphierend und nimmt einen Kräftigen Schluck aus seiner halbzerquetschten Bierdose. Dann torkelt er zurück. Hält sich an einer wackeligen Pavillonstange fest. Beide müssen ad hoc gestützt werden, um einen doppelten Zusammenbruch zu vermeiden. Der Mob ist gewachsen und feuert den volltrunkenen Schlammriesen zu neuen Taten an. Der lässt sich zunächst abermals rückwärts in den Schlamm plumpsen und nimmt einen breiten Plastikschlauch in den Mund, an dessen oberem Ende ein Trichter festgeklebt ist. Einer seiner Kumpels sticht eine Faxe-Dose an und kippt deren Inhalt in den Trichter. Bier-Rutsche! Effektmaximiertes Kampftrinken in Hochform. Einige lange Sekunden bleibt der Schlammsack reglos liegen. Dann patscht er mit den Handflächen in den Matsch, drückt sich mühsam hoch, kippt rücklings fast wieder um, schwankt bedenklich, wird abermals gestützt. Und abermals angefeuert. Und dann nimmt er, der tollkühne barfüßige Flieger erneut Anlauf, rutscht, springt, klatscht in den Modder. Das Publikum applaudiert. Wir setzen uns unter die Pavillondächer. Die Wolken verfinstern sich wieder. Das Fleisch wird allmählich garer, das Bierfass lockt. Ich durchblättere den Konzertplan. Fünfundzwanzig der knapp über siebzig Band-Auftritte will ich selbst in Augenschein nehmen. Ein stolzes Vorhaben, für das man sich ordentlich stärken sollte. Noch bleiben zwei Stunden - ein gemütlicher Start in ein aufregendes Wochenende.

[P.S.] An alle Kurzentschlossenen: Von 1:00-2:00h läuft im WDR ein Mitschnitt vom Auftritt des Esbjörn Svensson Trios bei den Leverkusener Jazztagen. Traumhafter Klaviertriojazz. Dringendst empfohlen!

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Mittwoch, Juni 13, 2007

Ein neuerlicher Besuch im Paralleluniversum - Ole wagt sich auf ein Konzert der Münchener Freiheit (I)


Dort, wo die Masse des Publikums an die Bühne brandet, findet man gemeinhin den "Moshpit". Zumindest bei brachialeren Rock-Fraktionen. Entfesselte Fans verheddern sich zu Knäueln, quetschen sich gegen einander und die Absperrungen, zucken mit ihren jungen Hälsen im Takt, schleudern ihre Haare umher, recken ihre Arme, tanzen, springen, keifen und grölen. Just, bei einer krachenden Punk-Combo in einer Seitenstraße. Auch auf dem Domplatz drängelt sich das Volk bis dicht vor die Bühne, doch ist ansonsten vieles anders.

Wenn sich noch Haare auf den Häuptern finden, so eignen sie sich nicht zum Umherschleudern. Dafür sind sie zu kurz geschnitten. Vielfach umkränzen sie silberglänzend und schütter die Falten der hohen Stirn. Bisweilen sind sie auch durch Dauerwellen oder umfassenden Schaumfestigereinsatz auch in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt. In diesem Fall fehlt dem Moshpit vielleicht vor allem die Jugend, der Ungestüm, der das Explodieren der Masse in wilder Ekstase ausbleiben lässt. Nun hat sich für heute abend allerdings auch keine Band der brachialeren Rock-Fraktion angesagt, auch wenn das riesige Drumset mit zwei Bassdrums, haufenweise Toms und einem Himmel aus Becken fast derlei vermuten ließe.

Herzschlag ist der Takt für sanftes Hüftwiegen und Klatschen an diesem Abend. Es ist gesetzter Jubel, reife Anerkennung und Freude an sanft ergrauten Erinnerungen. An die Zeit vor etwa zwanzig Jahren, als vier junge Münchener mit komplexer Mehrstimmigkeit, einer Mischung aus schmeichelweicher Zärtlichkeit und deftigen Gitarrenakkorden ihre eigene, anspruchsvolle Variante der Schlagermusik erfanden und Teile des Landes in Bann schlugen.

Heute ist also der Abend, seine eigenen Erinnerungen zu bejubeln. An damals, als man selbst noch viel jünger war, als alles viel intensiver roch und schmeckte, als das Leben noch weit wilder kribbelte. Bei mir selbst sind es Erinnerungen an die Zeit der Einschulung. An den selbstgenähten Teddy, den mir meine Mutter geschenkt hat, an die Schultüte, meine riesigen, kreisrunden Brillengläser, an Höhlen aus Ästen, Gras und Laub im Wald, an die Minitrix-Eisenbahn oder die ersten Paraden als Torhüter in der E-Jugend des VfR Heisfelde. Ohne Dich schläft heute keiner der Anwesenden ein. Die Münchener Freiheit ist auf das Münsteraner Eurocityfest gekommen, um open air und kostenlos "Gefühle, die ich nie vergaß" zu wecken. Nach dem Konzertbesuch bei den Hawaiihemdengöttern des Schlagers ergibt sich nun also die zweite Chance in eine musikalische Welt fernab meiner sonstigen musikalischen Präferenzen.

Klebrig kräht das Keyboard zu Beginn, als die Band die Bühne stürmt. Die Bindung zu den Erinnerungen erwacht prompt. Mehrere Tausend Ichs bejubeln mit "Tausendmal Du" gleich den ersten Hit, der in ihrem Gedächtnis wieder lebendig wird. Der Schlagzeugsound ist ein wenig mumpfig; ansonsten klingt alles haargenau wie damals. Die Stimme Stefan Zauners ist immer noch traumhaft weich und angenehm, herrlich zart wie Erdbeercreme und gleitet zum Refrain geschmeidig ins Falsett. Aron Strobel sieht immer noch leicht brägenklöterig zwischen seinen langen Krüssellocken hindurch, während er sein Plektrum über die Gitarrenseiten schubbert.

Und doch sind zwanzig Jahre nicht spurlos die Isar hinab geflossen. Stefan Zauner hat sich längst getrennt von den einstigen haarspraybetonierten Fransenzotteln. Ersetzt hat er diese durch eine pomadetrunkene Fönwelle, mit der er optisch nahe an den ehemaligen Erotikfilmdarsteller und Glücksrad-Moderator Peter Bond und an - ja - die tschechische Goldkehle, den Titelliedbarden von Biene Maja, an Karel Gott rückt. Micha, der Bassmann, hat seinen schnöden Viersaiter inzwischen ersetzt. Inzwischen zupft er, kokett und lässig lächelnd, einen silberglänzenden, kleinbauchigen Fünfsaiter mit überdimensionalem Tragegriff, der eher an einene futuristische Weltraumwaffe oder eine Science-Fiction-Holzsäge erinnert.

Dass es bei allem eher die großen Glanzlichter der Karriere sind, auf die das Publikum wartet und die es kennt, wird gleich danach deutlich. Denn nach ihrer großen Zeit, Ende der achtziger Jahre, haben die Vier durchaus noch in munterer Reihenfolge Alben eingespielt, siebzehn inzwischen, doch hat kaum noch jemand ernstlich Notiz davon genommen, scheint es. Diejenigen, die eben noch vollkehlig jede Zeile auswendig mitsangen, kräuseln unsicher die Stirn, bewegen die Lippen nurmehr unsicher oder gar nicht mehr. Eher lauschen sie interessiert den Songs, von denen sie sich erst eine Meinung bilden müssen, ob sie diese für interessant halten.

to be continued...

P.S.: Das Foto stammt von Andreas Lepsi und erscheint hier mit dessen freundlicher Genehmigung.

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Sonntag, Mai 06, 2007

Großartige Musik für neugierige Ohren (VII)


Die ersten waschwassergrauen Wolken sind in den Frühling gezogen und senken sich über die Dachfirste, um sich kalt und nass zu ergießen. Pollenallergiker jubeln, die zuletzt überbevölkerten Balkons verwaisen wieder ein Stück weit. Plötzlich halten viele sich wieder häufiger innerhalb der vier Wände auf. Und vielleicht findet sich da sogar etwas Zeit, das Datenkabel schwitzen zu lassen, die Boxen aufzudrehen und einmal mehr die Ohren zu spitzen, um sich für die neuesten Musiktipps begeistern zu können. Wie immer kann ich den Kauf der jeweiligen Original-CDs nur empfehlen.

Ein wahres Füllhorn genialer und hoch origineller Ideen, gewitzter und geschickt instrumentierter Arrangements, virtuos verzwirnter Popsongs und herrlicher Melodien finden sich auf "Trompe l'oeil", dem in meinen Ohren fast schon unverschämt großartigen neuen Album von den frankophilen Kanadiern Malajube. Es rumpelt, taumelt, bricht auseinander ohne zu zerfallen und verzaubert und betört im selben Augenblick. Nichts ist, wie es scheint, alles hat mehr als einen Boden, aber was es ist, ist fantastisch. Ohren weit aufsperren, reinlauschen, lieben lernen und danach zum Plattenhändler rennen: Montreal -40. Sie erinnern auch ein wenig an die ähnlich augenzwinkernd-verrückten und versponnenen Islands, die hier spontan gleich noch im Anschluss kennen gelernt werden können mit ihren rohen und zugleich verspielten, ungeschliffenen Diamanten. Die Islands wiederum nannten sich ja zuvor The Unicorns und waren nicht weniger irrwitzig und famos, wie sich hier nachhören lässt.

Fast schon unverschämt unscheinbar, auf spektakuläre Weise unaufdringlich und zugleich berückend schön sind die Songs von The National. Lieder, gut abgehangen wie edler Parmaschinken, vollmundig, sanft und in Ruhe gereift wie ein teurer Rotwein. Irgendwo zwischen Leonard Cohen, American Music Club, Nick Cave und Wilco. Fast beiläufig brennen sich die kleinen Mikro-Epen ein, bleiben die feinen Gitarrenlinien, das perlende Klavier, die luftigen Grooves, sanften Bläser und der schnurrende Bariton von Matt Berninger hängen. Hier lassen sich zwei tolle Songs der Vorgängeralben kennen lernen. Wichtiger aber noch: Mit "Boxer" erscheint in knapp zwei Wochen ihr großartiges neues Album, das ich nur zum Kauf empfehlen kann. Und mit The fake empire gibt es hier den ersten Song zum Reinschnuppern.

Um kein falsches, sondern um das Ottomanische Imperium geht es im Song von A Hawk And A Hacksaw, dem neuen Projekt des ehemaligen Neutral Milk Hotel- und Bright Eyes-Schlagzeugers Jeremy Barnes. Nachdem auch er für die famos rumpelnde, weltmusikalische Balkancountry-Platte von Zach Condons Beirut (siehe hier für Anspieltipps) hinter der Schießbude saß, scheint er auf den Geschmack gekommen zu sein. Während Condon für Beirut seine Songs aus dem Gedächtnis im Anschluss an seine Balkanreise schrieb, sind Jeremy Barnes und seine Mitstreiter stracks nach Rumänien gedüst, um direkt vor Ort mit den Blechblasderwischen, der Speedpolka-Legende Fanfare Ciocarlia ihre Titel einzuspielen. Wild wirbelnder Klezmer trifft Country, Punk und Rock. Neugierig? God bless the Ottoman empire! und Zozobra.

Auch Björk bringt dieser Tage ein neues Album heraus - "Volta". Davon gibt es vorab noch nichts Schillerndes zu hören. Beim Buddeln habe ich aber immerhin die sehr fein versponnene Nummer Verandi vom Vorvorgänger "Vespertine" wiederentdeckt. Wer's noch nicht kennt, kann es nun prompt ändern.

Fluffig zarten Sommersonnenpop mit unschuldiger Mädchenstimme und cleveren Arrangements bieten The Postmarks mit Goodbye. Ähnlich gut gelaunt, aber weit druckvoller und mitreißender poltern The Lodger, eine der neuesten Hype-Bands von der "Insel", durch ihre beschwingten Punkpopnummern wie You got me wrong. Auch von der Insel (genauer: von einer Insel vor der Insel, der Isle of Wight) kommen The Bees, die ansonsten aber mit ihren wuseligen Kollegen aus Leeds kaum etwas verbindet. Vielmehr machen sie herrlich gestrigen, leicht psychedelisch angehauchten und schleiervernebelten Indierock. Tief entspannt, enorm wandelbar und zugleich quicklebendig, mal mit sägenden Gitarren, oft mit zigstimmen Himmelschören, manchmal auch mit brodelndem Gänsemarsch-Arschwackel-Funk. Auch sie haben mit "Octopus" just ein neues Album draußen. Eine ihrer vielen Facetten zeigen sie hier.

Eine kleine Träne hatte ich am Rande verdrückt für David & The Citizens, eine der feinsten Indie-Rockbands der letzten Jahre. Anscheinend ohne Grund. Denn wie völlig überraschend in den Kommentaren zu lesen ist, stimmt das Gerücht, dass sie sich aufgelöst hätten und das ich einer Meldung einer Musikzeitschrift entnommen hatte, wohl nicht. Wärmstens empfehle ich hier The end, eine famos quirlige Nummer mit dengelnden Fuzzgitarren, wumpernden Tubas und einem Hauch von Pulp Fiction.

Sehr feiner deutscher Indie-Rock, nicht mehr so sehnig und rumpelig wie früher, stattdessen aber zupackender und geradliniger und mit großem Pop-Appeal, kommt von Pale und hier gibt es die Hymne You wanna be so good vom aktuellen Album "Brother. Sister. Bores!". Auf demselben Hamburger Label, dem feinen Grand Hotel Van Cleef, tummelt sich auch ein neuer, talentierter Songwriter, der sich Ola Podria nennt, und dessen Song Cindy Ihr hier für Euch entdecken könnt. Nicht aus dem hohen Norden, sondern aus Wiesbaden kommen die immer noch viel zu unbekannten, aber sehr talentierten Scut, die just ein wirklich gelungenes neues Album vorgelegt haben. Davon gibt es leider nichts zum kostenlosen Kennenlernen, wohl aber eine ältere Nummer, eine zarte, zerbrechliche Ballade: You love me 'cause I'm always late

Beinahe sensationell ist auch das Comeback der Indierock-Legenden von Dinosaur Jr. gelungen. Höchst vital und überraschend frisch sind J Mascis und seine Companeros zurückgerauscht auf die Bühnen der Welt. Und hier kann man sich mit "Beyond" davon überzeugen. Weit weniger legendär aber auch klasse sind die Schweden von Surrounded, die hier mit Safe tomorrow sun angeschippert kommen.

Ein tolles neues Album haben auch Blonde Redhead hingelegt. Zu hören gibt es hier davon 23. Selbiges gilt für die quirligen, cleveren Songs von Birdmonster, die hier mit All the holes in the walls vertreten sind.

Schrullig bis zum Anschlag, verquer, aber enorm faszinierend sind Make Believe. Einen Einblick in ihren verschrobenen Kosmos gibt es hier mit Pat tillman, emmitt till. Ebenfalls spinnert, einfallsreich, hoch energie geladen und vorwärts sausend ist der Schweiß treibende Rockquirl der Klaxons, die ihre erste Single nach Thomas Pynchons genialem Romanmonstrum "Gravity's rainbow" benannt haben und hier mit Atlantis to interzone angedüst kommen.

Nachtrag: Zusätzlich sei mit Dank an den famosen Musiktipp-Pionier Uli noch heißestens hierauf hingewiesen. Ein Videosammlung gewordenes Sammelsurium fantastischer Bands, die auf Kamera mitgeschnitten wurden.

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Mittwoch, Mai 02, 2007

Großartige Musik für neugierige Ohren (VI)


Bekannt ist, dass es hier immer wieder gern erlesene Musikempfehlungen zu entdecken gibt. Schade ist, wie unbekannt der Großteil der Musik aus vergangenen Jahrhunderten inzwischen ist. Ehe also in den kommenden Tagen wieder Neues und Spannendes aus Indie, Rock & Pop kommt, gibt es heute einmal "etwas andere" aber mindestens so empfehlenswerte Musiktipps, die ich der geneigten Leser- und Hörerschaft heute besonders ans Herz lege als Soundtrack für entspannte, sonnige Frühlingstage.

Musik des 1918 erschossenen Toivo Kuula gehört zu haben, beispielsweise, ist ein über alle Maßen eindringliches Erlebnis, was wohl den wenigsten bislang vergönnt war - denn die Zahl derer, die sich mit skandinavischer (Chor-)Musik des 20. Jahrhunderts auskennen, ist leider verschwindend winzig. Und doch gibt es gerade hier atemberaubende Entdeckungen zu machen und einzigartige Werke kennen zu lernen. Beispielsweise mit Auringon noutessa (1902) in seine lichtdurchwobenen und zugleich zartzitternden Harmoniefolgen einzutauchen, den lang geschwungenen Bögen zu lauschen, alle Viere von sich zu strecken und sich in dieser herrlichen Aufnahme des Ensemble Accentus unter Leitung der lebenden Legende Eric Ericsson treiben zu lassen.

Berückend schön, still in seiner hauchzarten Trauer, formvollendet, sublim und von unfassbarer Intensität ist auch das Lento assai e cantate tranquillo, der langsame Satz des F-Dur Streichquartetts op.135 (1826) von Ludwig van Beethoven. In einer fantastischen Einspielung des weltberühmten Sándor Végh-Quartetts ist es hier anzuhören.

Fantastisch ist auch Altro canti d'amor eins der bezaubernden Madrigale aus dem achten Madrigalbuch von Claudio Monteverdi (1638) über "Liebe und Krieg". Traumhafte Musik auf der Schwelle zwischen Renaissance und Barock, hier ist der "Stile nuovo" noch taufrisch, gleißende Kantilenen schweben über sanft gesetzten Generalbass-Akkorden auf dem Cembalo... Kennenlernen und genießen.

Voll innerer Ruhe, jedoch gewitzt in der originellen Harmonik, zart im Klang und berührend ist auch die Sonate für Violine und Klavier (1917) von Claude Débussy, deren 1. Satz: Allegro vivo der Violinist David Grimal gemeinsam mit Georges Pludermacher am Klavier nun in einer tollen Neueinspielung vorgelegt hat und die hier anzuhören ist.

Abschließend gibt es hier noch das ebenfalls herrliche, sanft melancholische, mit zartem ungarischem Schmelz überzogene Andantino aus den Sechs Variationen für Piano und Violine g-Moll, KV 360 (1781) von Wolfgang Amadeus Mozart über das französische Lied "Au bord d'une fontaine" in einer Einspielung des fantastischen Violinisten David Oistrach gemeinsam mit dem Pianisten Paul Badura-Skoda. Neugierige vor. Es gibt einiges zu entdecken.

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Montag, April 02, 2007

Tausend Mal berührt? Musik zum Millennium (I)

Kein Trommelwirbel trillerte von Ferne, von nirgendwo wehte Fanfarenhall. Kein Spatz zwitscherte es von der Dachrinne. Niemand hatte eine Konfettikanone vorbestellt, denn kaum jemand besaß auch nur den blassen Schimmer einer vagen Ahnung. Doch es gibt etwas zu feiern. So überrascht ich selbst noch bin, so ist doch dieser Beitrag hier der 1000. Text, den ich für die "Nachrichten aus Absurdistan" in Worte kleide. Verrät der Zählmechanismus hinter den Kulissen. Geld, um eine Schampussause zu schmeißen, klimpert keins in meiner Börse. Stattdessen gibt es aber - nach langer Zeit einmal wieder - zum feierlichen Anlass einen neuen musikalischen Rundumschlag mit jeder Menge mehr oder weniger bekannter Künstler, von denen ich finde, dass sie bereits zurecht die Aufmerksamkeit genießen, die ihnen gebührt, oder die es verdient hätten, mehr Ohren geliehen zu bekommen. Möglicherweise findet über diese Songs ja die ein oder andere Neuentdeckung oder Erinnerung ihren Weg auf Eure Plattenwunschzettel. Der Frühling hat einen blühenden Strauß knackfrischer Musik verdient. Hier kommt er. Viel Spaß!

Den Auftakt machen Maximo Park, die sich mit ihrem furiosen Debüt "A certain trigger" vor zwei Jahren Fans und Kritikern verblüffte Schweißperlen auf die Stirn zauberten. Ohrwurm drängte sich hier derart eng an Ohrwurm, dass man beinahe Vergleiche zur Bevölkerungsdichte von Hong-Kong heran ziehen mochte. Verspulte Gitarrenriffs verknoteten sich selbst die Füße, wie ein Flummi sprangen die Songs wild umher, über Stock und Stein und liefen doch nie aus dem Ruder. Jetzt ist mit "Our earthly pleasures" der fantastische Nachfolger am Start - derzeit mein absoluter Liebling des Jahres. Die Songs brauchen länger, um zu wirken, sind zunächst unscheinbarer, aber hintenrum kriegen sie Dich, und zwar gewaltig. Reinhören geht hier über das vergleichsweise poppige und klavierselige Your Urge.
Auch die großartigen Arcade Fire - die verspulten Feuilletonhelden und erklärte Lieblingsband von Größen wie David Bowie oder Brian Ferry - haben mit "Neon bible" einen neuen Monolithen von einem Album gemeißelt. Hier gibt es den Opener Black mirror zu bestaunen. Ganz vorne dabei ist auch die neue edle Perle von Bloc Party und hier verteten mit Vision of heaven.
Tief in die Trickkiste vertrackter Rockmusik hat auch das irre Trio 31 Knots auf ihrem neuen Album wieder gegriffen und ein gutes Dutzend zupackender, komplexer und frisch dampfender Nummern zusammengeschraubt. Kennenlernen? Kein Problem Man become me sowieso der Hit der Vorgängerscheibe, Hearsay, stehen Euren Ohren offen.

Zucker für die Lauscher ist auch immer wieder der feine Indiepop der Shins, die mit ihrem bezaubernden neuen Album "Wincing the night away" um die Ecke turnen. Dass man nicht nur seinen Feind, sondern auch seine Zwiebel kennen sollte, beweist augenzwinkernd Know your onion. Und auch Phantom limb nimmt beschwingt prompt Kurs auf die Gehörgänge.

Die bislang aufregendste und ungewöhlichste Band, die mir dieses Jahr über den Weg gestolpert sind, nennt sich Larrikin Love, kommt aus England, tobt durch alle Schubladen und bringt jeden ins Schwitzen, der versucht, zu beschreiben, wie ihre Musik klingt. Mal klingen sie, als hätten die Arctic Monkeys an einem Salsa-Kurs teilgenommen, dann als ob die frühen Police in einem kroatischen Bergdorf einen Achsbruch mit ihrem Bulli erlitten und auf eine Balkanpolka eingeladen worden wären. Mit fesselnden Melodien, verspulten Ideen und erfrischendem Schmiss bleiben sie spannend ohne zu überfordern und sind bei mir bislang die Neuentdeckung des Jahres. Einen Höreindruck kann man auf ihrer Myspace-Seite bekommen. Kostenlos zum Mitnehmen gibt es in diesem Fall leider nichts, und leider fehlen einige der besten Songs der Band dort. Sei's drum. Immerhin.

Mit erfrischendem, detailverliebten Indie-Pop, fein gesponnenen Melodiebögen und originellen Ideen haben sich auch Destroyer einen Platz im Reigen meiner aktuellen Lieblinge erspielt. Wie verstanden gefühlt ich mich beispielsweise bei Painter in your pockets gefühlt habe, wo Stifte (neben [sauberen!] Joghurtlöffeln) doch beinahe Dauergäste in meinen Hosentaschen sind.

Rumpelnder, druckvoller Indie-Rock - ungewaschen, verschwitzt, schlecht rasiert, aber unverschämt anziehend - kommt auch von The Velvet Teen. Von ihnen gibt's hier In a steadyman spray.

Jamie T
hingegen verquirlt auf seiner neuen Scheibe ohne mit der Wimper zu zucken HipHop mit Reaggae, Punk oder BigBeat mit flirrendem Geplucker, windschiefen Salsaklavierkaskaden und verschrobenen Bläsern. Eine der aufregendsten HipHop-Scheiben der bisherigen Saison, finde ich. Antesten? Bittesehr - Oh my girl. Das staubschluckende, dreckspuckende und enorm elektrisierende Retrorockgebräu von Wolf & Cub reinigt den Magen und sorgt für frischen Drive beim Frühjahrsputz, der ersten Cabriofahrt der Saison oder beim Wachrocken unter der Dusche. Passt auf Euer Hab und Gut auf, denn hier kommt Steal their gold.

Der elektrische Tanzflächenknaller des Jahres sind bislang sicherlich !!! mit ihrem grandiosen Hüftschwinger "Myth takes". Zwei Songs vom Album - perfekt für den Tanz in den Mai in Richtung Sommer - gibt es hier.

In epischer Panharmonie, hauchfeiner Traurigkeit und malmender Wucht schwelgen Aereogramme auch auf ihrer neuen Scheibe "My heart has a wish that you would not go" - eine meiner Lieblingsbands, die hier bereits mehrfach angepriesen wurden. Diesmal mit Conscious life for coma boy vom neuen Album. Viel zu unbekannt sind leider auch immer noch die fantastischen, herzzerreißenden und traumschönen Songs der Indierocker von Okkervil River. Wer es nicht eh schon im Regal stehen hat, lässt sich ja vielleicht von No pan, no key überzeugen. Feinnervig, ein bisschen hektisch, aber einfallsreich bis zum Umfallen ist auch der spannende Achterbahnpop von Deerhoof, bei denen unter den Melodiebögen einer kindlichen Mädchenstimme Bläser knarzen und Gitarren knurren, während ihnen der wuselnd-treibende Groove die Schnürsenkel über kreuz verknotet. Testfahrt ab sofort und hier mit +81.

Teil II folgt.

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Donnerstag, Januar 25, 2007

Whispers of winter


Draußen klirrt die Kälte. Erste Eiszapfen glitzern im fahlen Straßenlaternenschein von den gewölbten Decken der Eisenbahnunterführungen als wären es Raubzähne. Fast schon zu warm war es hingegen drinnen. Seit Wochen ausverkauft, der Abend dreier musikalischer Leisetreter im Gleis 22. Und bis in die letzte Ecke haben sie sich gequetscht, geschoben, gedrückt und ihre Zehen gespitzt. Viele haben noch gebrabbelt oder waren noch nicht da, als "Wolke" spielten. Ein vierkantiger Sänger, steifer als zehn Minuten lang geschlagene Sahne mit verklemmt-sanft-sentimentaler und tief gefühliger Aura und sein Klaviercompagnon ließen teils kalt und berührten teils unfreiwillig komisch. Als coverte Xavier Naidoo unplugged Konstantin Wecker und Blumfeld.

Maria Taylor, die wunderschöne Stimme von Azure Ray bannte den Gesprächslärm allmählich und ließ ihn in glänzenden Klangperlen ihrer Songs verschmelzen. Doch gekommen waren die meisten wegen ihm - wegen Kristofer Aström. Fast schüchtern schrubbte er sein buttermilchbärtiges Kinn, als sei er über den zugepfropften Zuschauerraum verwundert. Selten haben sich im Gleis hunderte Menschen so andächtig aneinandergequetscht. Und traumschön war's. Zwar strahlen seine Songs in den ausgefeilten Band-Arrangements noch heller und vielschichtiger. Und doch. Schönheit, stripped to the bones. Hach.

Hier reinhören!

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