Zu Besuch im Paralleluniversum - Ole wagt sich in ein Konzert der Flippers (III)
Bildquelle: www.sonybmg.deSie haben schon eine Menge gezeigt. Aber in der zweiten Konzerthälfte legen sie erst richtig los. Musikalisch bleibt nichts anders, aber modisch haben sie noch eine Schippe draufgelegt und beweisen, dass ihnen in puncto schillernder Geschmacksfragwürdigkeit so schnell keiner die Butter von der Schrippe schrappt. Bewegen sich die Flippers musikalisch auch auf routiniertem Terrain - was textile Wagnisse angeht, untermauern sie ihre Spitzenreiterambitionen.
Verblüffte Bernd zuvor noch mit seinem kreischroten Schlafanzug, tänzelt er nun mit einer buttermilchorangenen Bügelfaltenstoffhose auf die Bühne. Von seinem Oberkörper fräst sich ein lachshellblaubeigeorangen appliziertes Glitzerjackett direkt in die Netzhaut und sorgt beinahe für optischen Gefrierbrand. Mit dieser von innen kommenden Heiterkeit, diesem Sinn für das harmonische, fröhliche, innige Füreinander, drängen die hellen Kleiderfarben sein Erscheinungsbild dennoch in Richtung Milchsemmel. Oder, wie Tante Hedwig einst auf der Zugfahrt nach Ahlbeck zu Mutters 70. Geburtstag kurz vor der Kurve von Holzhausen zu Renate Lohse sagte: "Schade, es macht Dich so blass."
Olaf glitzert nun in Ganzkörperapricot (die Hose karottig geschnitten) und genehmigt sich - mit Dank an die Fans - noch einen Schluck aus einer geschenkten Sektbuddel. Der Manfred hat sein Funkeln von Aralblau auf Karminrot umgestellt. Ansonsten wuppert der Schunkelexpress munter weiter. Das Weltklassepublikum schwankt inzwischen etwas betüterter zwischen den Sitzreihen. Der glasiger werdende Blick lässt die Augen noch heller strahlen. Die Menge hat Spaß. Und das verbindet sie allem Anschein nach mit ihren Vortänzern. Denn so auswendig gelernt das Set sein mag, so durchgebimst und vorkalkuliert die Gesten und Posen, das Lächeln und die Hüftschwünge sein mögen: Die quietschbunt alternden Boys, die "auch mit 80, 90 noch auf der Bühne stehen" wollen, augenbezwinkern sich selbst und schaffen es bei aller völligen Reproduktion des Ewiggleichen tatsächlich noch, den Eindruck zu erwecken, sie hätten Spaß an der Sache. Der Manfred klöppelt vergnügt auf seine elektrischen Bratpfannen, hört dann mitten im Stück auf, um sich mit seinem Schlagzeuger und unterhalten, während die Hitlawine munter weiterrollt: Er ist ja nicht angeschlossen.
Bildung kommt auch nicht zu kurz bei den drei lustigen Zweien: Mal erhellen sie die italienische Klassik rund um das liebevolle Treiben des Giacomo Casanova (1725 - 1798), dann zitieren sie Friedrich Nietzsche ("Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum.") oder Mark Twain ("Gib jedem Tag die Chance, der schönste Deines Lebens zu werden."). Natürlich immer eingeflochten in die Flippers-Geschichtsstunden und wortgewandten Überleitungen von Stück zu Stück. Doch genug der Theorie. Schauen wir uns das einmal in der Praxis an. Ich habe stenografiert.
Der letzte Akkord des vorangegangenen Schlagers ist verklungen. Venezianische Karnevalsmasken erscheinen auf der Videoleinwand. Olaf ergreift erst das Mikro und dann die Menge. Er raunt mit meilentiefer, lasziver Stimme.
"Man sagt ja schnell, wir würden nur Masken tragen als Schlagersänger und uns verkleiden, dabei kommt unsere Musik von Herzen. Auch wenn wir den Karneval lieben. Vor allem den in Venedig. So wunderschön sind die Kostüme dort, und nirgends auf der Welt werdet Ihr solch eine sensationelle Stimmung erleben wie dort - sie wird nur noch übertroffen von Flipperskonzerten. (Brüller sitzt, Menge bejubelt den Helden und sich selbst, der Held grinst schlingelig) Ich habe dieses Jahr auch wieder Karneval gefeiert. Nicht in Venedig, in Knittlingen. Und da habe ich mit Sonja überlegt, wie wir uns denn verkleiden. 'Nicht als Flipper, als Delfin', habe ich mir gedacht. Denn dann erkennt Dich jeder. Und wenn Du auch die andern Mädels mal umarmen willst, wollen sie gleich Autogramme. Und so habe ich zu Sonja gesagt: 'Schatz, Hase, kauf Du diesmal die Kostüme.' Und sie rennt also zu Hertie und kommt spät am Nachmittag heim. Sie drückt mir eine Tüte in die Hand und sagt: 'Schatz, Hase, da ist Dein Kostüm.' Ich schaue so in die Tüte rein und werde blass. (Der Held spielt Entsetzen) 'Schatz... das...das... ist ja... wieso willst Du, dass ich mich als Pferd verkleide?' Sie antwortet nur: 'Tja mein Lieber - ich fand das super. Denn Pferde saufen nur Wasser.'"
Die Menge kreischt. Die Band legt mit los mit "In Venedig ist Maskenball". Kurz später darf auch Bernd nochmal. Erst sinniert er von Herzen und völlig ironiefrei darüber, wie schön es doch noch immer ist, verliebt zu sein und gleichzeitig verheiratet. In die selbe Frau, natürlich. Auch im hohen Alter noch Schmetterlinge im Bauch zu haben. Seine Frau ist, seit die Kinder aus dem Haus sind, immer dabei auf Tour. Sie pflegt ihn auch. Und dabei fällt ihm ein: "In jeder Stadt, in der wir spielen, in JEDER Stadt, in der wir mit unseren tollen Fans feiern dürfen, kenne ich genau drei Orte. Genau drei. Den Veranstaltungsort. Das Hotel. Und die Apotheken. Denn wir Sänger müssen ja auf unsere Stimme acht geben und brauchen immer wieder mal was zum Lutschen. Und so war ich auch gestern in einer Apotheke. Ich betrete sie. Vor mir wartet ein älterer Herr und wirkt verärgert. Ich frage: 'Was haben Sie denn?' Er sagt: 'Ich bin hierhergekommen, um Zäpfchen zu kaufen. Aber es sind schon alle ausverkauft. Sogar seit den Morgenstunden schon.' Ich frage: 'Wie kann denn das passieren?' Er sagt: 'Hier stürmen sie alle hin, denn hier verkaufen sie die Zäpfchen noch zum Einführungspreis.' (Menge tobt ob schlechten Kalauers) Ich kaufe dann doch nur eine Packung Salbeibonbons. Doch dann entdecke ich: Sie verkaufen sogar Flohpuder." Hernach ertönt die Anfangsfanfare, und es folgt "Der Floh in meinem Herzen".
Und so lauert das K immer wieder unter, neben und auf der Bühne. Die Damenherzen schmelzen, die Herren johlen pilsbeduselt mit (sehnen sich allerdings sporadisch nach der Theke), und kurz vor dem Ende brechen alle Dämme. Auf Kommando dürfen sie alle nach vorne stürmen, direkt vor die Bühne, in Handkussweite vom Olaf, dem Bernd und dem Manfred. Und hier tanzen sie, hier winken sie ihren Helden zu, die Damen. Nahezu ausschließlich. Hier zeigen sie ihren Göttern ihre neuen Frisuren und das frisch erstandene Kleid. Noch zehn Minuten dürfen sie ihren Schwärmen, den schrill schillernden Werkzeugmachern, dem singenden Reisebüro, entgegenklatschen, sie anlächeln und sich mit ihnen hinfortträumen an mild besonnte Strände. Zehn Minuten noch. Wir verdrücken uns während des Zugabenmedleys. Es ist hier auch ohne uns "alles La Paloma".







