Mittwoch, Dezember 13, 2006

Zu Besuch im Paralleluniversum - Ole wagt sich in ein Konzert der Flippers (III)

Bildquelle: www.sonybmg.de
Sie haben schon eine Menge gezeigt. Aber in der zweiten Konzerthälfte legen sie erst richtig los. Musikalisch bleibt nichts anders, aber modisch haben sie noch eine Schippe draufgelegt und beweisen, dass ihnen in puncto schillernder Geschmacksfragwürdigkeit so schnell keiner die Butter von der Schrippe schrappt. Bewegen sich die Flippers musikalisch auch auf routiniertem Terrain - was textile Wagnisse angeht, untermauern sie ihre Spitzenreiterambitionen.

Verblüffte Bernd zuvor noch mit seinem kreischroten Schlafanzug, tänzelt er nun mit einer buttermilchorangenen Bügelfaltenstoffhose auf die Bühne. Von seinem Oberkörper fräst sich ein lachshellblaubeigeorangen appliziertes Glitzerjackett direkt in die Netzhaut und sorgt beinahe für optischen Gefrierbrand. Mit dieser von innen kommenden Heiterkeit, diesem Sinn für das harmonische, fröhliche, innige Füreinander, drängen die hellen Kleiderfarben sein Erscheinungsbild dennoch in Richtung Milchsemmel. Oder, wie Tante Hedwig einst auf der Zugfahrt nach Ahlbeck zu Mutters 70. Geburtstag kurz vor der Kurve von Holzhausen zu Renate Lohse sagte: "Schade, es macht Dich so blass."

Olaf glitzert nun in Ganzkörperapricot (die Hose karottig geschnitten) und genehmigt sich - mit Dank an die Fans - noch einen Schluck aus einer geschenkten Sektbuddel. Der Manfred hat sein Funkeln von Aralblau auf Karminrot umgestellt. Ansonsten wuppert der Schunkelexpress munter weiter. Das Weltklassepublikum schwankt inzwischen etwas betüterter zwischen den Sitzreihen. Der glasiger werdende Blick lässt die Augen noch heller strahlen. Die Menge hat Spaß. Und das verbindet sie allem Anschein nach mit ihren Vortänzern. Denn so auswendig gelernt das Set sein mag, so durchgebimst und vorkalkuliert die Gesten und Posen, das Lächeln und die Hüftschwünge sein mögen: Die quietschbunt alternden Boys, die "auch mit 80, 90 noch auf der Bühne stehen" wollen, augenbezwinkern sich selbst und schaffen es bei aller völligen Reproduktion des Ewiggleichen tatsächlich noch, den Eindruck zu erwecken, sie hätten Spaß an der Sache. Der Manfred klöppelt vergnügt auf seine elektrischen Bratpfannen, hört dann mitten im Stück auf, um sich mit seinem Schlagzeuger und unterhalten, während die Hitlawine munter weiterrollt: Er ist ja nicht angeschlossen.

Bildung kommt auch nicht zu kurz bei den drei lustigen Zweien: Mal erhellen sie die italienische Klassik rund um das liebevolle Treiben des Giacomo Casanova (1725 - 1798), dann zitieren sie Friedrich Nietzsche ("Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum.") oder Mark Twain ("Gib jedem Tag die Chance, der schönste Deines Lebens zu werden."). Natürlich immer eingeflochten in die Flippers-Geschichtsstunden und wortgewandten Überleitungen von Stück zu Stück. Doch genug der Theorie. Schauen wir uns das einmal in der Praxis an. Ich habe stenografiert.

Der letzte Akkord des vorangegangenen Schlagers ist verklungen. Venezianische Karnevalsmasken erscheinen auf der Videoleinwand. Olaf ergreift erst das Mikro und dann die Menge. Er raunt mit meilentiefer, lasziver Stimme.

"Man sagt ja schnell, wir würden nur Masken tragen als Schlagersänger und uns verkleiden, dabei kommt unsere Musik von Herzen. Auch wenn wir den Karneval lieben. Vor allem den in Venedig. So wunderschön sind die Kostüme dort, und nirgends auf der Welt werdet Ihr solch eine sensationelle Stimmung erleben wie dort - sie wird nur noch übertroffen von Flipperskonzerten. (Brüller sitzt, Menge bejubelt den Helden und sich selbst, der Held grinst schlingelig) Ich habe dieses Jahr auch wieder Karneval gefeiert. Nicht in Venedig, in Knittlingen. Und da habe ich mit Sonja überlegt, wie wir uns denn verkleiden. 'Nicht als Flipper, als Delfin', habe ich mir gedacht. Denn dann erkennt Dich jeder. Und wenn Du auch die andern Mädels mal umarmen willst, wollen sie gleich Autogramme. Und so habe ich zu Sonja gesagt: 'Schatz, Hase, kauf Du diesmal die Kostüme.' Und sie rennt also zu Hertie und kommt spät am Nachmittag heim. Sie drückt mir eine Tüte in die Hand und sagt: 'Schatz, Hase, da ist Dein Kostüm.' Ich schaue so in die Tüte rein und werde blass. (Der Held spielt Entsetzen) 'Schatz... das...das... ist ja... wieso willst Du, dass ich mich als Pferd verkleide?' Sie antwortet nur: 'Tja mein Lieber - ich fand das super. Denn Pferde saufen nur Wasser.'"

Die Menge kreischt. Die Band legt mit los mit "In Venedig ist Maskenball". Kurz später darf auch Bernd nochmal. Erst sinniert er von Herzen und völlig ironiefrei darüber, wie schön es doch noch immer ist, verliebt zu sein und gleichzeitig verheiratet. In die selbe Frau, natürlich. Auch im hohen Alter noch Schmetterlinge im Bauch zu haben. Seine Frau ist, seit die Kinder aus dem Haus sind, immer dabei auf Tour. Sie pflegt ihn auch. Und dabei fällt ihm ein: "In jeder Stadt, in der wir spielen, in JEDER Stadt, in der wir mit unseren tollen Fans feiern dürfen, kenne ich genau drei Orte. Genau drei. Den Veranstaltungsort. Das Hotel. Und die Apotheken. Denn wir Sänger müssen ja auf unsere Stimme acht geben und brauchen immer wieder mal was zum Lutschen. Und so war ich auch gestern in einer Apotheke. Ich betrete sie. Vor mir wartet ein älterer Herr und wirkt verärgert. Ich frage: 'Was haben Sie denn?' Er sagt: 'Ich bin hierhergekommen, um Zäpfchen zu kaufen. Aber es sind schon alle ausverkauft. Sogar seit den Morgenstunden schon.' Ich frage: 'Wie kann denn das passieren?' Er sagt: 'Hier stürmen sie alle hin, denn hier verkaufen sie die Zäpfchen noch zum Einführungspreis.' (Menge tobt ob schlechten Kalauers) Ich kaufe dann doch nur eine Packung Salbeibonbons. Doch dann entdecke ich: Sie verkaufen sogar Flohpuder." Hernach ertönt die Anfangsfanfare, und es folgt "Der Floh in meinem Herzen".

Und so lauert das K immer wieder unter, neben und auf der Bühne. Die Damenherzen schmelzen, die Herren johlen pilsbeduselt mit (sehnen sich allerdings sporadisch nach der Theke), und kurz vor dem Ende brechen alle Dämme. Auf Kommando dürfen sie alle nach vorne stürmen, direkt vor die Bühne, in Handkussweite vom Olaf, dem Bernd und dem Manfred. Und hier tanzen sie, hier winken sie ihren Helden zu, die Damen. Nahezu ausschließlich. Hier zeigen sie ihren Göttern ihre neuen Frisuren und das frisch erstandene Kleid. Noch zehn Minuten dürfen sie ihren Schwärmen, den schrill schillernden Werkzeugmachern, dem singenden Reisebüro, entgegenklatschen, sie anlächeln und sich mit ihnen hinfortträumen an mild besonnte Strände. Zehn Minuten noch. Wir verdrücken uns während des Zugabenmedleys. Es ist hier auch ohne uns "alles La Paloma".

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Sonntag, Dezember 10, 2006

Zu Besuch im Paralleluniversum - Ole wagt sich in ein Konzert der Flippers (II)

Bildquelle: www.sonybmg.de
Eine synthetische Fanfare knattert aus den Boxen, und unter streicherschwangerem Getöse springt die riesige Videoleinwand an. Ein Kamerateam stolpert durch weißgetünchte Katakomben. Und da, plötzlich: Ein Flippers-Zettel an einer Tür. Sie öffnet sich für uns. Dahinter steht er, der Bernd. Seine Frau richtet ihm noch die Föhnwelle hinter den Ohren, schrägt die Haarspraydose und lässt noch etwas Festiger auf die güldengraue Haarpracht zischen. Bernd lächelt ins Objektiv, winkt und zupft die Bügelfalten seines kreischroten Anzugs mit den asiatischen Goldapplikationen glatt. Ein wenig wirkt er wie der roylose Siegfried aus Las Vegas nur ohne weiße Tiger und ohne operative Liftungsstraffungen. Ein winziges Doppelkinn baumelt vor seinem Kehlkopf.

Doch wir verlassen Bernd schon wieder und kurven zur Kabine nebenan. Tür auf. Guck an. Der Manfred. Er streichelt seinen Bauch, rückt die Aufschläge seines aralblauen Glitzerpaillettenjacketts, winkt und telefoniert noch. Und auch den Olaf holen wir noch ab. Der tuschelt noch ein wenig mit seiner Sonja und funkelt uns in silberner Paillettenjacke entgegen. Fast will dank der Kamera-Einblicke leise Boxkampf-Atmosphäre aufkommen. Nur dass die Protagonisten nicht zwei sondern drei sind und dass sie keine Gegner schlagen sondern uns mit Schlagern begegnen wollen.

Jetzt geht's lohoos...

Die drei lustigen Zwei folgen unserer Kamera dann beschwingten Schrittes durchs Ganggewirr irgendwo in den Gebäudekomplexen, bekommen noch "a Glaserl Sekt", mit dem sie anstoßen, sich und uns einen wunderschönen Abend mit herrlicher Musik wünschen und an dem sie noch einmal kurz nippen, ehe sie in einem blauen Vorhang verschwinden. Und der führt direkt auf die Bühne. Auch die Hüftsteifsten hält es nun nicht mehr auf den Sitzen. Riesige Jubelwellen branden und brechen sich am Bühnenrand. Die füllige Dame vor mir quiekt noch vergnügter und fuchtelt ekstatisch mit ihrem Blinkflipper.

"Hallo Münster. Welt-klas-se! Ihr seid immer noch das tollste Publikum der ganzen Republik!", jubelt der Olaf. Die Menge glaubt ihm und legt noch eine Jubelschippe drauf. Auch die drei Begleitmusiker haben inzwischen Platz genommen. Ein schmächtiger Fratz hinter der Schießbude, der dem Manfred die lästige Rhythmusarbeit abnimmt, lugt zwischen seinen Plastikbecken hindurch. Der junge Herr am "Frontkeyboard" heißt Holger, hat einen Kinnbart, sehr lange Haare und trägt ein "Nightwish"-T-Shirt. Und der legt mit seinem Kumpan am Hinterkeyboard (Name ist der Redaktion entfallen) gleich los. Glockenhelle Keyboardzuckerwürfel purzeln aus den Boxen, das Schlagzeug wuppert mit dem lebendigen Schwung eines Plastikblumenstraußes hinterher. Dumm - tschack - dumm - tschack. Synthieschwaden glänzen hochpoliert, naturidentische Trompeten-Aromen werden zackig eingestreut. Der Manfred klöppelt auf seine beiden Frisbeescheiben ein. Den Takt halten muss er gottseidank nicht, es ist die Geste die zählt, seine Fans lieben ihn auch, ohne dass man sein Getrommel hört. Olaf schringelt eifrig auf der Gitarre. Was er spielt, weiß nur er selbst, schließlich gibt es keine Gitarren im Song. Zwischendurch unterbricht der Manfred sein Geklöppel, grinst in die Menge, demonstriert seinen geschmeidigen Hüftschwung, zeigt mit seinem Schlagzeugstock auf eine dauergewellte Dame und winkt ihr. Die fällt fast vom Hocker. Manfred hat auf sie gezeigt.

Das Publikumsblut gerät in Wallung, die füllige Dame vor mir schwingt die Hüften, versucht, den Takt nachzuklatschen, entscheidet sich aber bald für die vergleichsweise einfachere Aufgabe, mit ihrem Blinkdelfin zu wedeln. Mutter und Tochter daneben versuchen sich an die Discofox-Schrittfolge zu erinnern. Olaf schäkert mit den Frauen in der ersten Reihe. Die werden ganz rot, wenn er ihnen zuzwinkert. Die Videokamera verfolgt alles Treiben auf der Bühne und projiziert es in Großaufnahme auf die Riesenleinwand, so dass Oma Bilsenkötter aus Billerbeck neben der Hornbrille nicht auch noch ein Fernglas braucht, um ihre Lieblinge zu sehen. Das Live-Bild wird perfekt eigefasst von digitalen Bilderrahmen aus dem Computer, so dass je nach Song herrliche Herzen am Rand entlangschweben, Blumen erblühen, hübsche Damen sich räkeln oder Sonnenuntergänge schimmern.

Man muss schon sehr genau hinhören...


Gleich mehrfach nacheinander spielen die Flippers denselben Song. Scheint es. Er heißt nur immer ein wenig anders. Wobei: Irgendwas mit "Liebe", "Herzen", "Traum", "Rose" oder "Insel" ist immer im Titel. Ich bewundere einige Damen im Publikum, die jede Textzeile des gesamten Abends auswendig mitsingen. Eine äußerst anspruchsvolle Aufgabe, bedenkt man den Detailteufel, dass nicht nur die Musik sondern auch die Texte den Regeln der "Minimal music" gehorchen: Permanente Reproduktion des Ewiggleichen mit klitzekleinen Variationen im Detail. Man muss schon sehr genau hinhören.

Zwischen den Songs halten die funkelnden Glitterboys auf der Bühne immer wieder Geschichts-Stunde. Dass sie gerne nach der Show nen Absacker trinken, erzählt Bernd, der blonde Engel. Er ist das ironiefreie Drittel der Truppe, der perfekte Schwiegersohn, der brave Pathosjünger mit dem reinen Herzen, dem es ein inneres Anliegen ist, mit seiner Musik Freude zu schenken. Und der Bernd verträgt nicht viel Alkohol, verrät er uns. So auch gestern. Und dann ist er nach dem Absacker nämlich betrunken vom Stuhl gefallen. Das Publikum johlt. Und dann haben der Manfred und der Olaf auf ihn gezeigt und gesagt: "Schau, der Olaf weiß immer, wann er genug hat."

Alle Hits spielen sie. Ihren ersten Oberkracher "Weine nicht kleine Eva" von 1969, der schon genauso klingt wie alles, was sie danach komponiert haben, natürlich auch "Die rote Sonne von Barbados". Wer Barbados war, kann die Dame schräg vor mir auf Nachfrage nicht beantworten, aber Schweißperlen purer Freude überglitzern ihr Antlitz. Und auch die Damen hinter uns sind ganz aus dem Häuschen. "Hey junger, schicker Mann", tippt mich die Mittvierzigerin mit der Ilona-Christen-Gedächtnisbrille hinter mir an und scheint meine Verkleidung ehrlich toll zu finden, "schunkeln sie ein bisschen mit mir?" Ich lasse mich beknien, habe aber in der Folge das Problem, mein Taktgefühl auszuschalten und den unberechenbaren Schunkelrhythmus der musikbezauberten Dame zu erahnen. Keine leichte Aufgabe.

Und plötzlich häufen sich die Tüten...

Einige geschliffen schillernde Schlagerdiamanten später ereignet sich dann tatsächlich, wovon man mir im Vorfeld bereits zugeraunt hatte. Eine Dame mit altmodischer Kurzhaarfrisur, zu Ehren des Abends in ein goldenes Kostüm gewandet, schiebt sich aus der Tiefe des Raumes mit drei goldenen Taschen und Freudentränen in den Augen an uns vorbei. Sie stöckelt vor zum rechten Bühnenrand, wird dann aber prompt aufgehalten von einem geldschrankigen Security-Guard. Sie muss die Taschen auspacken. Man muss vorsichtig sein in terrorverdächtigen Zeiten. Aber es ist alles ganz harmlos. Hervor zaubert sie drei goldene Oscar-Figuren. Aus jeder Tüte eine. Und das passt doppelt. Einerseits zu ihrem feschen Goldkleid, andererseits zum Titel des neuen Albums: "Du bist der Oscar meines Herzens". Mit Sicherheit haben die Figuren ein Heidengeld gekostet. Aber die Flippers sind ihrem Publikum eine Menge wert. Plötzlich hält der glitzernde Schlagerreigen inne, und es ist Bescherungszeit. Ganz hibbelig vor Freude, zitternd, darf sie dem Olaf, dem Manfred und dem Bernd ihre Geschenke überreichen.

Und plötzlich brechen die Dämme. Erst eine, dann zwei, dann wird es wuselig. Gleich eine Hundertschaft begeisterter Damen stürmt nach vorne. Alle haben sie Geschenke dabei. Niemand wirft Schlüpfer, kaum jemand bringt Teddies, aber sie haben stundenlang zu Hause Weihnachtsplätzchen gebacken, haben frisches Tannengrün gepflückt, sich für teuren Rotwein ins Zeug gelegt, haben voller Liebe und Zuneigung selbst Strohsterne gebastelt, Schneekugeln gekauft, Schokonikoläuse erstanden und Bilder gemalt. "Das ist auf jedem Konzert so", erfahre ich. Kurz vor der Halbzeitpause des Konzertes ist Bescherung. "Wir freuen uns, denen was zu schenken und die freuen sich, von ihren treuen Fans etwas geschenkt zu bekommen." So einfach ist das.

Die drei heiligen Knittlinger schütteln brav Hände, haben die dankbare, gerührte Maske angelegt und nehmen die Schenkungen entgegen. "Der Peter", seines Zeichens glatzkahler Bühnenroadie, hat alle Hände voll zu tun, den Geschenkeberg zu ordnen. "Endlich wieder Eierlikör!", jubelt der Manfred. "Und sogar selbstgemachter." Die Schenkerin errötet. Der Manfred hat einmal in einem Interview auf die Frage, was er sich am Meisten wünsche, gesagt: "Eine neue Leber." Natürlich mit seinem berühmten Augenzwinkern. Der Manfred ist ein Schelm. Ob in einer der glänzenden Papiertüten auch eine solche steckte, bleibt geheim. Im Hintergrund wird der Mob ungeduldig und skandiert "Wir.... wolln.... die.... Flippers seh'n, wir wolln die Flippers sehn..." Mit beschwichtigenden Gesten beruhigen die glitzernden Helden ihre Anhängerschaft. Und nachdem "der Peter" alle Geschenketüten geordnet hat, gibt es noch zwei weitere Hits, ehe die drei Schlagergötter weiter an ihrem Sekt nippen können und sich das gemeine Volk Pils und Bratwurst gönnen oder am Merchandise-Stand noch eine Kuscheldecke für unterm Weihnachtsbaum kaufen kann.

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Samstag, Dezember 09, 2006

Zu Besuch im Paralleluniversum - Ole wagt sich in ein Konzert der Flippers (I)

Bildquelle: www.sonybmg.de

Wüst peitschen Orkanböen über den weiten Platz vor der Halle Münsterland. Mehrere Dutzend Reisebusse parken am Rand. Mit Plastiktüten versuchen einige Damen ihre Frisur zu retten. Schließlich haben sie sich extra fein gemacht für ihre glitzernden Helden, haben den Toupierkamm ins Schwitzen gebracht oder Stunden mit Lockenwicklern unter der Trockenhaube gesessen. Ich selbst habe mich auch vorbereitet. Zwei Pils sind bereits meine Kehle hinabgeperlt, um leichter ertragen zu können, was kommen wird: Mein erstes Konzert mit dem "singenden Reisebüro" (Harald Schmidt).

Sogar optisch habe ich mich vorbereitet: Man sagt mir, die Flippers selbst und auch die Fans trügen zumeist extravagante Hawaiihemden und Glitzeranzüge. Glitzeranzüge und Hawaiihemden besitze ich nicht, eine Neuanschaffung wäre zuviel der Geschmacksverirrung, aber es gelingt mir, bei einem meiner besten Freunde ein karamellfarbenes Hemd mit Palmen darauf aufzutreiben. Dies ziehe ich unter leichter Selbstbefremdung an und muss entgeistert schmunzeln, als ich im Spiegel betrachte, das es mir mit einem Riesenklumpen Gel und einer Haarbürste gelungen ist, meinen Wuschelschopf in eine aalglatte Schlagersängerfrisur zu verwandeln. Mich fröstelt ein wenig vor meinem "Method-acting".

Und das morbide Schaudern kribbelt um so wiggeliger über meinen Rücken, als wir die Pressekarten am Vorverkaufsschalter abholen. Es gibt kein Zurück mehr. Es heißt Eintauchen in ein paralleles Universum, dessen Bewohner sich für Dinge begeistern, die mir fremd sind, ein Terrain, das ich nie zuvor betreten habe. Eine andere Welt, irritierend und auf verstörende Weise seltsam.

Wir sind spät dran. Einige letzte Fans drängen sich um den Merchandise-Stand. "Hier können sie sich stilgerecht eindecken", denke ich noch, als ich bemerke, dass einer der zentralen Fanartikel neben CDs, Shirts, Postern und blinkenden Plastikdelfinen eine exklusive Flippers-Kuscheldecke aus Fleecestoff ist. So wird den Fans nicht nur warm ums Herz sondern auch um die Hüften. Wir betreten die Halle. Annähernd dreitausend Menschen hocken vorfreudig auf ihren Stühlen und warten auf ihre Knittlinger Helden. Die toupierten Föhnfrisuren und Dauerwellen vom Eingang finden sich hier zighundertfach. Überwiegend sprießen sie aus Köpfen, die schon mehr als fünfzig Winter erlebt haben. Auch Jungvolk ist anwesend, wenngleich in recht kleiner Zahl. Ein paar Kegelklubs grölen bierbefeuert. Hawaiihemden finden sich wenige, dafür sehr viele quergestreifte Strickpullover.

Quer durch die Halle blinken überall die vergnügt geschwenkten Plastikflipper mit ihren Glasfaserkabelflossen. Wir sitzen am rechten Rand von Reihe sechs in der Premiumkategorie auf den teuersten Plätzen mit perfektem Blick auf die Bretter, die die Schlagerwelt bedeuten. Ein Pappmachée-Delfin taucht am rechten Bühnenrand in den Boden und am linken wieder auf. Gleich zwei Keyboards stehen in unterschiedlichen Ebenen hintereinander. Und - oh Wunder - sogar ein echtes Drumset versteckt sich im linken Bühnenhintergrund. Wer es wohl bedienen mag? Mittig auf der leuchtenden Showtreppe steht dennoch das Markenzeichen der Band: die zwei elektrischen Bratpfannen, auf denen Manfred, der "Schlagzeuger", zuweilen herumklöppelt.

Dieser Manfred ist, wie ich belehrt werde, der letztverbliebene Manfred der Band. Früher waren sie zu sechst, und der Manfred-Anteil betrug 50%. Doch schon seit etwa 25 Jahren ist er auf ein Drittel geschrumpft, da nur halb so viele Glitzeranzüge unter Flipperflagge durch die Republik kreuzen. Wie das Programmheft verrät, eint die Flippers aber ein anderer Umstand: Alle drei haben ursprünglich irgendwo im Schwäbischen eine Werkzeugmacherlehre absolviert, ehe sie begannen Schlager zusammenzuschrauben und Liebe, Sonnenuntergänge hinter fremdländischen Inseln, Rosen und Träume in butterweichen Melodien aufzulösen.

"Sind Sie auch so aufgeregt?", fragt die füllige Dame vor mir, rutscht auf ihrem Stuhl umher als handele sich um eine heiße Herdplatte und wedelt vorfreudig mit ihrem blinkenden Delfin. Viele der Zuschauer haben riesige Rucksäcke zwischen ihren Beinen verstaut. Urplötzlich senkt sich das Licht. Die Dame vor mir quiekt und hibbelt auf ihrem Stuhl. Nicht nur sie ist aufgeregt und gespannt, wie wohl werden mag, was uns direkt bevorsteht.

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Freitag, Dezember 08, 2006

Ich habe meinen Mut zusammen genommen. Ich bin bereit für das Äußerste. Ich habe die Chance bekommen, nun werde ich sie nutzen. Ich werde mich in Abgründe wagen, die sich keiner meiner Freunde je zu betreten gewagt hat. Ich werde etwas tun, was eine Menge Mut erfordert. Keiner wird mir glauben mögen. Ich gehe aus freien Stücken, auch wenn keiner es mir zutrauen würde. Vielleicht werde ich Qualen durchleiden. Vielleicht werde ich zittern und bibbern. Vielleicht werde ich nach heute Nacht einige Dinge anders sehen. Vielleicht werden sich meine schlimmsten Vorstellungen bewahrheiten. Heute nacht werde ich mehr wissen. Ich gehe zu einem Flippers-Konzert. Heute.

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