Mittwoch, Februar 15, 2012

Der Buddha im Schutt























Sein Lächeln hat der kleine Buddha nicht verloren, auch wenn ihm die Wucht der riesigen Explosion vor etwas mehr als einem Jahr den Unterleib wegsprengte, einen seiner Arme abfetzte, und er einen Winter später noch immer im Schutt liegt – alleingelassen zwischen herabgestürzten Styroporplatten, Schnapsflaschen, zersplitterten Glasscheiben und umhergeflogenen Plastikblumen. Er lächelt dasselbe Lächeln, das er den Gästen eines China-Restaurants schenkte, ganz gleich, wer kam, wie er aussah und was er bestellte. Auch am Abend, bevor es geschah. Das, womit nahezu niemand rechnete.

Ein eiskalter Hauch durchwehte die letzte Nacht des Weihnachtsfestes, als es gut zwei Stunden nach Mitternacht krachte. Als Scheiben zersplitterten und Mauern barsten unter der Druckwelle der Explosion, inmitten der schneebedeckten Ödnis am Rand eines ostfriesischen Ortes. Im Schatten der Dunkelheit hatten Gestalten, mit Brandbeschleuniger bepackt, viel Brandbeschleuniger, sich durch die Hintertür ins Gebäude geschlichen.
Irgendwo in die Düsternis der Küche eines italienischen Restaurants, im Erdgeschoss, unterhalb der Räume, in denen chinesisch kredenzt wurde. Dort gossen sie aus, was Minuten später explodierte, und worunter das komplette Gebäude zerbarst.

Die Pizzeria flog im Inferno auseinander, das chinesische Restaurant genauso, von den Räumen der freikirchlichen Gemeinde blieb kaum mehr als Schutt und Schrott. Die Menschen in zwei Wohnungen des Gebäudes kamen mit riesigem Schrecken heil davon. Trümmerteile aber flogen hunderte Meter durch die Gegend, krachten auf Ausstellungsstücken eines Autohauses nieder oder auf Nachbarhäusern.

Die Helfer halfen, wo sie konnten. Die Ermittler ermittelten. Das Areal wurde abgesperrt. Die Ruine des "Palastes", wie das Haus im Volksmund heißt, ragte fortan umzäunt am Straßenrand auf.

Wie es darin aussah? Blieb Sache apokalyptischer Kopfkino-Vorführungen. Noch immer hängt in der Dusche des Hinterhauses ein Handtuch, als käme gleich jemand, um sich zu waschen. Wind bauscht weihnachtliches Lametta, das sich noch immer an einigen Pfeilern emporrankt. Christbaumkugelscherben liegen zwischen zerschepperten Vasen, Überresten eines Aquariums und herausgesprengten Wandputzteilen. Verloren stehen Gefriertruhen umher, das einstige Treppenhaus liegt in Trümmern. Nun, bald, wird die Ruine weichen, die Abrissbager werden ihre Schaufeln ins einsturzgefährdete Gebäude nagen, und sie werden auch den verbliebenen Schutt herausräumen. Wo der Buddha am Ende auch landen wird, sein Lächeln wird er weiter tragen.


6 Wortmeldung(en):

Anonymous Sofasophia meint...

schön erzählt, diese dramatische geschichte. hat man die schuldigen gefunden?
beeindruckende und berührende bilder - in wort und pixel -, die du da mit uns teilst!

15/2/12 12:42

 
Blogger Oles wirre Welt meint...

Es gibt wohl zwei dringend Tatverdächtige, gegen die die Staatsanwaltschaft ermittelt. Ob sie die Schuldigen sind? Wird ein Gerichtsverfahren klären müssen, das aber noch aussteht. Und: Danke.

15/2/12 14:49

 
Blogger mq meint...

Auch Buddha ist sterblich. Wie alle Götter.

15/2/12 20:22

 
Blogger Oles wirre Welt meint...

Er verabschiedet sich anscheinend aber lächelnd.

15/2/12 22:05

 
Anonymous mkh meint...

Da fehlen mir die Worte ...

16/2/12 00:56

 
Anonymous bee@home meint...

Welch' schöner Text für eine so grauslige Geschichte.
Und wieder wundervolle Bilder - dank dir.

19/2/12 22:27

 

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