Mittwoch, August 06, 2008

Und sogar im selben Zug

Wie unzählbar viele Häuser und Wohnungen in tausenden von Städten wir doch Zeit unseres Lebens nie betreten. Und auch die Menschen, die darin leben oder sporadisch oder häufiger ein und aus gehen in den Wohnungen, werden wir nie treffen und nicht hören, welche Geschichten sie erlebt haben und sie bewegen. Weil wir sie nie gekannt haben, vermissen wir sie nicht, wie wir uns nicht nach Dingen sehnen, von denen wir nichts wissen und von denen wir insofern keine Vorstellung haben.

Tausende Menschen huschen in den Städten an uns vorbei – auf dem Bürgersteig, in U-Bahn-Schächten, auf verschlungenen Parkwegen, zwischen Kleiderständern in Einkaufsmeilen oder Behördenfluren. Und über unseren Köpfen sitzen manche von ihnen hinter Fenstern in Räumen, von denen wir den Großteil nicht einmal vom Hörensagen kennen, und höchstens Schilder – aus Blech neben Hauseingänge geschraubt – berichten knapp davon, was dort vielleicht zu finden sein wird. Eine Frauenarztpraxis oder eine Anwaltskanzlei für Schuldrecht oder ein Nagelstudio. Und vielleicht sind Bruchstücke der Räume zwischen den Fenstersprossen sichtbar, und vielleicht blickt jemand herab und drückt sein Gesicht kurz an die Scheibe und betrachtet die dahinfließenden Menschen unterhalb.

Und die wenigsten nehmen wir wahr, und vielleicht nehmen noch viel weniger der vorbeihuschenden Menschen uns wahr. Für Sekunden durchstreifen wir ihre aktuellen Geschichten, die ineinander verwoben sind, für Augenblicke überschneiden sich unsere und deren Gegenwart, und doch merken wir es gar nicht, oder stellen erst viel später fest, wie seltsam verwoben doch alles ist, wenn wir einen oder zwei der Menschen auf völlig anderem oder ähnlichem Wege kennen lernen und bemerken, dass wir seit Jahren aneinander vorbei gelebt haben, obwohl schon weit eher die Chance bestanden hätte, sich kennen zu lernen.

Vielleicht fahren wir mit dem Zug an einem der Häuser vorbei und erhaschen einen flüchtigen Blick in die Küche, wo vielleicht gerade ein Wellensittich allein durch seinen Käfig hüpft, weil die Frau des Hauses noch schnell zum Markt geeilt ist, um Suppengrün zu kaufen. Denn wenn ihr Mann von der Arbeit heimkommt – vielleicht ist er Maschinenschlosser und trägt einen blonden Schnurrbart über wulstigen Lippen – wünscht er sich etwas Warmes auf dem Tisch, und er mag gern Erbsensuppe mit dicker Wursteinlage.

Vielleicht sitzt aber auch eine alte Dame hinter gerüschten Gardinen hinter dem Fenster, streicht mit dem Zeigefinger eine gefärbte Haarsträhne aus ihrer faltigen Stirn, nippt an einem Cognac, obwohl es noch Vormittag ist, und denkt an die Jahrzehnte zurück, als sie noch jung und knackig war und ihr die Herzen der Männer zuflogen, als sie mit wehendem Rockschoß über den Prachtboulevard der Stadt flanierte und ihren Rücken ein wenig ins Hohlkreuz drückte, damit ihre Brüste noch üppiger erschienen. Heute sammelt sie vielleicht Porzellanputten oder stickt Ansichten des spätgotischen Rathauses, und es hängen selbstgehäkelte Topflappen an Metallhäkchen über der Spüle.

Womöglich bekommt sie nur noch selten Besuch. Und womöglich weiß niemand, dass sie kaum hörbar Schlaftabletten schluckt, weil sie häufig nachts wach liegt, und Erinnerungen an die Vergangenheit sie quälen, oder die traurige Gegenwart sie nicht schlafen lässt. Im Flur riecht es vielleicht nach Patschuli, und jeden Sonntag zur gleichen Zeit zieht sie die Standuhr aus Eichenholz auf, wischt zärtlich über das Ziffernblatt und küsst danach das vergilbende Hochzeitsfoto ihres längst an einer Lungenentzündung verstorbenen Gatten, der seine Parade-Uniform der Wehrmacht zur Feier des Tages angezogen hatte.

Vielleicht aber wohnt die alte Dame schon längst nicht mehr in der Wohnung, wenn wir vorbeisausen mit dem Zug, und längst sind neue Mieter eingezogen, die ihren Kaffee in einem zischenden und gurgelnden Chromklotz kochen. Die kinderlos bleiben wollen, einen großen Sportwagen fahren und die Küchenwände in mintgrün und orange gestrichen haben. Vielleicht ist alles aber auch ganz anders. Wir bekommen es nicht mit, denn wir bekommen keinen Einblick. Wissen nicht, ob eine Schrankwand aus furnierter Fichte an der Stirnwand des Wohnzimmers steht und ob die Sesselgarnituren aus mattbraunem Leder oder rotem Rattan sind. Ob Ölgemälde von Schwarzwaldhütten und gestellte Familienfotos an den Wänden hängen, oder vielleicht ein Kunstdruck der „Entschwebenden Klänge“ von Max Ackermann oder ein Poster von Jim Morrison. Und wir wissen nicht, wie die Kinder aus dem Stock darüber heißen, die womöglich im Treppenhaus toben und sich in der Pubertät zanken und monatelang nicht mehr miteinander reden – falls es sie an der Stelle denn gibt.

Und sogar im selben Zug, in dem wir vielleicht fahren, sitzen hunderte anderer Menschen, von denen wir nicht wissen, die ohne Vorwarnung einsteigen, kurz verbleiben und wieder entschwinden, ohne dass wir mit ihnen gesprochen und von ihnen erfahren haben, was sie bewegt. Jeden von ihnen könnten wir ansprechen, wenn wir uns ihnen näherten, und dann könnten wir einen Bruchteil ihrer Geschichte erfahren, falls sie denn erzählen, und immer würden sie viele Details aussparen und wir würden nie die gesamten Zusammenhänge erfahren. Und vielleicht würden wir uns auch langweilen, weil sie gar nichts zu erzählen haben, was uns interessiert, oder sie würden uns anekeln, weil sie anscheinend seit Wochen darauf verzichtet haben, sich die Zähne zu putzen und sauer aus dem Mund riechen.

Vielleicht würden sie auch davon erzählen, dass sie einen Kleinwagen mit Wimpern über den Scheinwerfern fahren oder dass der Bruder in seiner Jugend in der linken Gesichtshälfte mehr Pickel hatte als rechts, und wir würden uns langweilen und heimlich verfluchen, solch eine öde Nase ohne Not in ein Gespräch verwickelt und uns darin gefangen zu haben. Vielleicht würde das Gegenüber aber auch davon erzählen, dass die Eltern einen Versandhandel für Fliegengitter betreiben und kommende Woche der Flug auf die Philippinen geht, wo ein Filmprojekt über Wunderheiler, die mit der bloßen Hand operieren, ansteht. Und wir würden gebannt lauschen und uns wundern und vielleicht darüber nachdenken, wie viel mehr man im Leben erreichen kann, wenn man sich nur traut und welch spannende Dinge sich erleben lassen, wenn man sie nur wagt. Vielleicht.

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Samstag, Juli 07, 2007

Bald

Draußen fällt das Morgenlicht schräg und scharf ein wie eine Rasierklinge und schneidet die Häuser entzwei. Auf dem Bordstein zerrt eine Taube an einer Sardinenbrotrinde herum, die von streunenden Katzen liegen gelassen worden ist. Ein Müllwagen rollt heran und bremst. Die beiden Männer, die sich an sein Heck klammern, springen von ihren Trittbrettern, krallen sich rumpelnd neue Tonnen und leeren sie in seinen Bauch. In scheinbarer Endlosschleife. Türen klappen im Hausflur. Die Nachbarn, in dicke Mäntel gehüllt, eilen zur Arbeit. Wir stehen immer noch da und drehen uns im Kreis. Mit Worten. Ohne Worte. Die Nacht hindurch, seit Stunden. Es bleibt die unsichtbare Wand, an der Fragen und Antworten zerschellen und im ewiggleichen Meer verschwimmen.

Wie schön Du bist, wie Du still am Küchentisch lehnst und Kringel mit dem Zeigefinger ins Geröllfeld verschütteter Zuckerkrümel zeichnest. Eine Träne trocknet auf Deinen rotweinblühenden Wangen. Gern würde ich etwas Kluges sagen. Doch das Hirn greift ins Leere. Unten auf der Straße pinkelt ein Dackel gegen einen Stromverteilerkasten. Der Schatten eines Blinden, dessen Stock sich zaghaft vorwärts tastet, tanzt neben ihm her. Schulkinder quasseln auf ihren Fahrrädern, feine Damen tragen ihre Einkäufe heim. Niemand bemerkt draußen, wie still es in unserer Küche geworden ist.

Hier, wo wir früher laut gelacht und uns wild geküsst haben. Hier, wo meine Finger durch Deine champagnerfarbenen Locken spielten. Hier, wo wir uns ins Ohr geflüstert haben, während unsere Hände geheime Bereiche streichelten während unsere Blicke gemeinsam aus dem Fenster schwirrten. Erinnerungen rieseln herab wie Blütenstaub in unser gegenwärtiges Schweigen. Und ich schaue immer noch aus dem Fenster, um Worte zu finden, die mir nicht gleich auf der Zunge zerfallen. Worte, die wir einander nicht im Mund herumdrehen, Worte, die den Abwärtskreisel sprengen. Vielleicht. Bald.

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Freitag, Mai 18, 2007

Schieb nichts auf die Stadt

Schieb nichts auf die Stadt, sie hat Dich nicht gefressen. Auch wenn Sie Dir mit ihren grollenden Lastzügen den Schlaf raubt, mit ihren grölenden Nachtschwärmerhorden an Deinen Nerven zerrt. Sie streckt Dir nicht die Zunge raus, es ist nur Deine Angst. Du selbst hast getrödelt. Schon drei Mal hat sich der Uhrzeiger seit Mitternacht um sich selbst gedreht, und noch immer sitzt Du da, mit einem Hirn voll trauriger Leere, ohne Ideen und Kraft, aber mit herunter gelassener Hose, den Schritt im Griff, den Blick auf den flackernden Bildschirm geheftet. Doch Dein Schritt ist kein Los und so lässt sich Dein Glück nicht errubbeln. Früh schlafen gehen wolltest Du, zupacken, Kraft tanken - stattdessen wieder der Rückfall in die Einsamkeit der eigenen Höhle, nachts wach, Zeit mit dem Nichts verplempernd. Dein Rücken schmerzt Dich, niemand stützt ihn, niemand greift Dir unter die Achseln, um die Wirbel zu entlasten. Glaubst Du, und Du bist sicher, es stimmt. Deine Haut ist wie Wachspapier, von Deinen Augen lösen sich Hautfetzen. Unter Deinen Fingernägeln klemmt der Dreck der letzten Wochen, Kummerspeck versperrt seit Monaten den Blick auf Deine Hüftknochen. Die Zukunft ein haltloses Loch, dass Dich ins Nichts saugt, auslutscht und in gallschwarzer Säure verdaut? Auf eigenen Füßen stehen wollen, aber nicht einmal aufstehen können, so sieht es doch aus. Nichts wird sich zum Besseren wenden, wenn Du nur zwischen Kissen gekauert Dich unter Bettdecken versteckst. Die Welt rattert weiter, es ist an Dir, Deinen Schritt zu beschleunigen, den Kronkorken nicht abfliegen zu lassen, sodass Du sprudelnd und erfrischend bleibst statt schal und matt herumzusiechen. Wann ist ein Mann ein Mann? Das fragst Du Dich. Du willst Abenteuer, traust Dich aber nicht vor die Tür. Du willst Ruhm, krümmst aber nicht einmal den Finger. Du willst die Welt sehen, aber nicht, wenn Du die eigene Höhle verlassen musst. Und es ist nicht die Stadt, die Schuld ist. Kein Schotterstein am Bahngleis kann etwas für Deine Lethargie. Kein vom Regen gebeugter Lindenast hat Dir ins Hirn geritzt, es nicht zu versuchen. Die Welt ist kein Haifischbecken, sie wird Dich nicht auffressen, aber ob Brust oder Rücken, schwimmen musst Du schon selbst, wenn Du nicht untergehen willst.

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