Freitag, Mai 18, 2007

Schieb nichts auf die Stadt

Schieb nichts auf die Stadt, sie hat Dich nicht gefressen. Auch wenn Sie Dir mit ihren grollenden Lastzügen den Schlaf raubt, mit ihren grölenden Nachtschwärmerhorden an Deinen Nerven zerrt. Sie streckt Dir nicht die Zunge raus, es ist nur Deine Angst. Du selbst hast getrödelt. Schon drei Mal hat sich der Uhrzeiger seit Mitternacht um sich selbst gedreht, und noch immer sitzt Du da, mit einem Hirn voll trauriger Leere, ohne Ideen und Kraft, aber mit herunter gelassener Hose, den Schritt im Griff, den Blick auf den flackernden Bildschirm geheftet. Doch Dein Schritt ist kein Los und so lässt sich Dein Glück nicht errubbeln. Früh schlafen gehen wolltest Du, zupacken, Kraft tanken - stattdessen wieder der Rückfall in die Einsamkeit der eigenen Höhle, nachts wach, Zeit mit dem Nichts verplempernd. Dein Rücken schmerzt Dich, niemand stützt ihn, niemand greift Dir unter die Achseln, um die Wirbel zu entlasten. Glaubst Du, und Du bist sicher, es stimmt. Deine Haut ist wie Wachspapier, von Deinen Augen lösen sich Hautfetzen. Unter Deinen Fingernägeln klemmt der Dreck der letzten Wochen, Kummerspeck versperrt seit Monaten den Blick auf Deine Hüftknochen. Die Zukunft ein haltloses Loch, dass Dich ins Nichts saugt, auslutscht und in gallschwarzer Säure verdaut? Auf eigenen Füßen stehen wollen, aber nicht einmal aufstehen können, so sieht es doch aus. Nichts wird sich zum Besseren wenden, wenn Du nur zwischen Kissen gekauert Dich unter Bettdecken versteckst. Die Welt rattert weiter, es ist an Dir, Deinen Schritt zu beschleunigen, den Kronkorken nicht abfliegen zu lassen, sodass Du sprudelnd und erfrischend bleibst statt schal und matt herumzusiechen. Wann ist ein Mann ein Mann? Das fragst Du Dich. Du willst Abenteuer, traust Dich aber nicht vor die Tür. Du willst Ruhm, krümmst aber nicht einmal den Finger. Du willst die Welt sehen, aber nicht, wenn Du die eigene Höhle verlassen musst. Und es ist nicht die Stadt, die Schuld ist. Kein Schotterstein am Bahngleis kann etwas für Deine Lethargie. Kein vom Regen gebeugter Lindenast hat Dir ins Hirn geritzt, es nicht zu versuchen. Die Welt ist kein Haifischbecken, sie wird Dich nicht auffressen, aber ob Brust oder Rücken, schwimmen musst Du schon selbst, wenn Du nicht untergehen willst.

Labels:

35 Wortmeldung(en):

Blogger nachwort meint...

Doch, schieb es auf die Stadt, auf die Grölenden, auf die mit den Haifischzähnen. Nachts tut das gut. Am Morgen sind wir dann wieder unschuldig schuldig geworden, egal ob Hauptgewinn oder Niete. Wenn einer über seine Lethargie so schreibt wie du, dann hat er seine Finger schon krumm gemacht bis zur Erschöpfung. Und ich sage dir, das macht den Mann zum Mann.

18/5/07 13:14

 
Anonymous MC Winkel meint...

Aber hey - man hat doch LAN.
Vllt. sogar WLAN.
Und 2nd Life und so - ist doch alles i.O.!

18/5/07 15:08

 
Blogger Mephistascripts meint...

Richtig. Ob man das schreibt oder liest, wenn man bedeutungsschwanger dabei nickt und "hört hört!" murmelt, ist das n Anfang. Und darum geh ich jetzt auch raus und mach das, was ich seit zehn Tagen machen sollte. Danke.

18/5/07 15:17

 
Blogger Oles wirre Welt meint...

@MC: Manch LKW-Fahrer hat sogar MAN. Oder Scania. Es ist durchaus alles in Ordnung. :)

18/5/07 15:57

 
Blogger Oles wirre Welt meint...

@nachwort: Inwieweit ich hier über meine eigene Lethargie schreibe... äh... nein. :)

Es gibt hier mit Sicherheit autobiografische Bezüge, aber bloß nicht alles für bare Münze nehmen, das führt gewaltig auf's Glatteis. :)

18/5/07 15:59

 
Blogger Oles wirre Welt meint...

@mephistascripts: Recht so! Keine Ahnung, was Du seit zehn Tagen machen wolltest, aber das Wetter bietet sich momentan ja zu so ziemlich allem an, was nicht "deprimierter Einzelspaziergang in strömendem Regen" heißt. :)

18/5/07 16:01

 
Anonymous MoniqueChantalHuber meint...

"Doch Dein Schritt ist kein Los und so lässt sich Dein Glück nicht errubbeln." selten noch, dass ich so laut losprustete. eine wunderbar nette umschreibung wahrlich.

18/5/07 16:35

 
Blogger Oles wirre Welt meint...

Gut ist, wenn und dass man Bildschirme problemlos abwischen kann. Blöd ist, wenn man Hefeweizen auf Tastaturen kippt (ist mir vor vier Jahren mal passiert, brachte seltsames Buchstabenwirrwarr wegen Kurzschlussverschaltung und eine generell unbrauchbare Tastatur mit sich). :)

18/5/07 16:47

 
Anonymous texttourist meint...

Selbsboykott muss einfach boykottiert werden. :)

18/5/07 19:20

 
Anonymous burnttongue meint...

Und trotzdem schiebt man es auf die Stadt, denn sie ist die einzige, auf die man mit all seiner Wut eindreschen kann, ohne, dass sie zu heulen beginnt. Sie bleibt das stumme Opfer, das nichts fühlt und doch ist. Wir suhlen uns in ihr wie kleinliche Schweine, die Stadt ist unser Sündenpfuhl und gleichzeitig unser Ablassbrief.

18/5/07 19:43

 
Anonymous Opa meint...

Was meinst du, weshalb Opa sich ganz ohne Herr Schäubles Mitwirkung eine Webcam zugelegt hat?

(Erneute großartige Schreibe, übrigens!)

18/5/07 20:18

 
Anonymous sabbeljan meint...

ein dorf mitten in der city!

18/5/07 22:36

 
Blogger neo_vi meint...

11von12.
nath

19/5/07 05:41

 
Anonymous Rationalstürmer meint...

Oooch Möööönsch, echt nicht autobiographisch? Und ich hab mich schon so gefreut, dass du auch endlich mal kopfüber hängst ;-)

Aber mal ernsthaft, mein Lieber: Ganz fein geschrieben. Hat bis hierher wehgetan.

19/5/07 11:14

 
Anonymous Anonym meint...

Grandios geschrieben. So ist es, war es und wird es manchmalsein.

19/5/07 13:10

 
Anonymous FrauH. meint...

Berührend wahrer Text, Ole, wunderbar in Worte gepackt. Schwimmen muss man immer selbst....

Ich hab' mal was ähnliches in einem Gedicht formuliert, das such ich jetzt 'mal....

19/5/07 14:21

 
Blogger Markus Quint meint...

Die Welt ist ein Haifischbecken. Aber dieser Text ist der scharfe Zahn einer Muräne.

19/5/07 21:56

 
Blogger kein einzelfall meint...

Und auf Deine Stirn trat kaltes Metall, Spinnen suchten Dein Herz?

Sieht für Aussenstehende nach einem verschärften Fall von Expressionismus aus.

20/5/07 14:26

 
Blogger Oles wirre Welt meint...

@K.E.: Ein Licht war es nicht, das in meinem Mund erlosch. Auf keiner Heide fand ich mich nachts - starrend vom Unrat und Staub der Sterne. Traklisches hatte ich eigentlich gar nicht im Sinn. Und doch mag das Eine oder Andere dran sein. Bewusst hatte ich nix Expressionistisches im Blick beim Schreiben, aber es ist ja auch dereinst bei den Bechern, Werfeln, Benns, Stadlers oder Golls nicht selten vor allem das Unbewusste gewesen, was die Schreibfeder lenkte. :)

20/5/07 15:44

 
Blogger Oles wirre Welt meint...

@Texttourist: Charles C. Boycott hat dem hungernden Irland im 19. Jahrhundert ja selbst eine Menge Übel beschert, der Welt aber immerhin ein neues schickes Verb beschert. :)

20/5/07 15:58

 
Blogger Oles wirre Welt meint...

@Opa: Um fremde Männer beim Nachthobeln zu filmen? :)

20/5/07 16:00

 
Blogger Oles wirre Welt meint...

@sabbeljan: Immerhin ohne Düssel. :)

20/5/07 16:21

 
Blogger Oles wirre Welt meint...

@ratze: Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen sind in diesem Fall nicht unbedingt beabsicht. Wobei: Nichts ist ja völlig eindeutig. Aber die Tendenz geht klar dahin, dass ich persönlich mit dem lyrischen Du des Textes maximal am Rande zu tun habe, wenn überhaupt. :)

20/5/07 16:23

 
Blogger Oles wirre Welt meint...

@burnttongue: Das heißt, die Stadt kriegt eine gesamtklerikale Dimension und es steht zu erwarten, dass demnächst jemand 95 Thesen an irgendwelche Türen hämmert, in denen er die "Stadtpraktiken" anprangert, um die Stadt zu reformieren oder direkt eine Gegenstadt auszurufen? :)

20/5/07 16:25

 
Blogger Oles wirre Welt meint...

@neo_vi: Visions-Bewertungsskala?

20/5/07 16:26

 
Blogger Oles wirre Welt meint...

@FrauH: Ich hoffe, Du findest auch. :)

20/5/07 16:26

 
Blogger Oles wirre Welt meint...

@markus: Danke. Wobei: Können Muränen eigentlich Karies kriegen?

20/5/07 16:27

 
Blogger mkh meint...

/Ole
Nur wenn sie zu viel Süßwasserfisch fressen, aber ich möchte mq´s Antwort natürlich nicht vorgreifen.

20/5/07 16:58

 
Blogger Markus Quint meint...

Mir ist jedenfalls kein Fall bekannt, dass sich eine Muräne an einem Hai die Zähne ausgebissen hätte.

20/5/07 18:36

 
Anonymous Opa meint...

Nein. Damit ich selbst erst gar nicht auf ähnliche Gedanken komme. Die Webcam ist ein Hilfmittel zur Selbstkontrolle.

20/5/07 22:33

 
Anonymous Anonym meint...

Oh Baby
du hast mir mein Herz geklaut

nur Götter oder Engel sind so wie du gebaut.
Oh Baby
komm schenk' mir diesen Tanz

ich laß' mich gern verführen von deiner Eleganz.

Ich muß dich einfach küssen
weißt du
wie du mich betörst

ich flüst're dir die Worte zu
die du so gerne hörst:

Oh Baby
verlieb' dich
lieb mich im Mondschein.
Mondlicht ist silber
Liebe wird gold sein.

Oh Baby
jezt krieg' ich Gänsehaut

nur Götter oder Engel sind so wie du gebaut.
Oh Baby
was heut' mit mir geschieht

ich könnte brüll'n vor Glück
ich bin ja so verliebt.

Ich muß dich einfach küssen
weißt du
wie du mich betörst
...
Oh Baby
verlieb' dich
lieb mich im Mondschein....

:))

21/5/07 00:47

 
Blogger Oles wirre Welt meint...

@anonym: Was auch immer der grausigste Song, den die Münchener Freiheit vielleicht je unters Volk gebracht hat, hier zu suchen haben mag... :)

22/5/07 20:21

 
Blogger Oles wirre Welt meint...

@opa: Selbstkontrolle ist besser als Selbstzerfleischung. :)

22/5/07 20:23

 
Blogger Oles wirre Welt meint...

@mkh: Heißa, das mag sein.

22/5/07 20:24

 
Blogger Oles wirre Welt meint...

mq: Ähnliches ist mir von Zitteraalen ebensowenig bekannt. Und auch von Lemmingen nicht.

22/5/07 20:26

 

Kommentar veröffentlichen

<< Home