Sonntag, April 22, 2007

Krümel, Hack und Pappteller (II)

g„Wie läuft es eigentlich mit der Kirche, die Du gegründet hast?“
„Es gab die erste Schenkung.“
„Die erste Schenkung?“
„Ja. Pappteller. Drei Riesenstapel. Dreihundert Stück insgesamt. Alle mit 23cm Durchmesser. Das ist gut.“
„Wieso?“
„Sonst hätte ich sie selbst zahlen müssen. Aus dem Opferstock. Außerdem ist auf ihnen mehr Platz als auf den Papptellern mit 20cm Durchmesser.“
„Das klingt nachvollziehbar. Und wer hat Dir die Futterpappen gespendet?“
„Ich kenne den Namen nicht.“
„Und wie bist Du daran gekommen?“
„Eine heilige Stimme in mir hat mich geführt. In die Moltkestraße.“
„Du vernimmst heilige Stimmen?“
„Sonst hätte ich doch keine Kirche gegründet.“
„Und was hat die Stimme gesagt?“
„Geh am Donnerstag morgen in die Moltkestraße.“
„Mehr nicht?“
„Nein. Doch. Aber den Rest konnte ich nicht verstehen. Es muss eine Störung im Äther gegeben haben.“
„Und dann bist Du einfach in die Moltkestraße gegangen?“
„Ganz genau. Am Donnerstag morgen.“
„Stand da dann ein heimlicher Kontaktmann, der Dir die Tellerstapel überreicht hat?“
„Nein. Sie lagen einfach da. Neben gelben Säcken. Originalverpackt. Ich musste sie nur aufklauben. Es war ein Wunder.“
„Ein Wunder im Müll. Unglaublich.“
„Wunder kann es überall geben, glaube ich. Auch im Müll.“
„Und wie entwickelt sich Deine Kirche neben dem ersten Wunder?“
„Ich stecke noch in Verhandlungen.“
„Mit wem?“
„Mit Schlachthöfen.“
„Mit Schlachthöfen? Planst Du einen industriellen Kollektivselbstmord?“
„Nein, aber es ist Frühling.“
„Was hat Frühling mit Schlachthöfen zu tun?“
„Ich verhandle doch auch mit Bäckereien.“
„Äh.“
„Im Winter sollte es doch Spekulatius geben. Mangels Mitgliedern habe ich die alle selbst gegessen.“
„Wie viele?“
„Fünfzig Packungen.“
„Ganz allein.“
„Ja. Es war sonst keiner da.“
„Hatte das irgendwelche Folgen?“
„Mein Arzt hat es mir irgendwann verboten.“
„Wieso das?“
„Ich hätte beinahe Skorbut bekommen.“
„Aber das kriegen doch nur Piraten.“
„Es ist eigentlich vor allem Vitaminmangel. Und scheinbar sind Spekulatius nicht sehr vitaminreich.“
„Das erklärt noch nicht, warum Du jetzt mit Schlachthöfen verhandelst.“
„Und mit Bäckereien.“
„Ich vergaß, stimmt. Und mit welchem Ziel verhandelst Du?“
„Um günstige Konditionen zu erreichen.“
„Ja, wofür denn?“
„Es soll im Frühling doch Mettbrötchen geben.“
„Solltest Du dann nicht auch mit Molkereien in Kontakt treten?“
„Ich glaube, ich kann nicht auch noch für Milch sorgen.“
„Aber Du solltest wenigstens an Butter denken. Sonst werden die Brötchen sehr trocken sein.“

Teil 1 siehe hier

7 Wortmeldung(en):

Blogger Johnny3000 meint...

Tja. Dann sind wir Vegetarier wohl raus. Spekulatius wäre ja wohl noch gegangen, ne Scheibe Eisbergsalat drauf, dazwischen etwas Tomate. Da bleibt dann auch der Skorbut außen vor. Aber Mettbrötchen... Sind da dann wenigenstens ordentlich Zwiebeln drauf?

Ich würde Fischbrötchen bevorzugen. Am besten mit Matjes.

22/4/07 13:04

 
Anonymous frauH. meint...

Also MICH kriegen Sie nicht mehr. MICH NICHT!
Ansonsten sehr hübsch geschrieben ;)

22/4/07 14:35

 
Blogger Oles wirre Welt meint...

@jök: Alter Ovolaktoist! :)

23/4/07 13:32

 
Blogger Oles wirre Welt meint...

@frauh: Wenn der Glaube erstmal erschüttert ist...

23/4/07 13:32

 
Blogger Markus Quint meint...

Ein echter Prophet lässt sich von Firlefanz wie Kreuzigungen oder Skorbut nicht von seiner Mission abbringen.

23/4/07 14:55

 
Anonymous bittersweet choc meint...

spätestens jetzt werde ich sehr hungrig auf mettbrötchen! mettbrötchen! du liebe güte!

23/4/07 16:53

 
Anonymous MoniqueChantalHuber meint...

muss nun ununterbrochen "we are building a religon" summen, netter text, sowohl von cake als auch der von dir.

27/4/07 01:36

 

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