Montag, Oktober 22, 2007

Zwischen Nummern-Revue und Frühstücksbier


Draußen vor dem winzigen Terminal döst ein grauer Reisebus. Transfer zum Bahnhof in Tampere: Sechs Euro. Diese Fahrkarte ließ sich nicht im Flieger lösen. Ein Busticket nach Dublin hülfe hier indes kaum. Mit angekautem Kippenstummel im Mundwinkel knarzt der Busfahrer kehlige Laute auf Finnisch. Obskure Silbenfolgen stolpern hintereinander in meine linke Ohrmuschel, bleiben unverstanden, taumeln zur anderen Seite wieder heraus. Er zeigt zum Terminal-Eingang. Fahrkarten nur am Infoschalter.

Ich pirsche schnell zurück in den Terminal, um mir ein Ticket zu kaufen. Kein weiterer Kunde in Sicht, doch muss ich zunächst einen Nummernzettel ziehen, bevor die Dame am Schalter mich bedient. Eine der großen und intensiv gepflegten Errungenschaften der finnischen Kultur begegnet mir damit früh. Nummernzettel. An der Fleischtheke in der Markthalle, am Freiluft-Gemüsestand unweit des Theaters, an Bank-, Behörden- und Bahnhofs-Schaltern. Das finnische Leben als Nummern-Revue. Erst Nummer ziehen, dann wird bedient. Und bevor man bedient wird, reiht man sich feinsäuberlich in eine Warte-Schlange ein, die es potenziell nicht bräuchte – man hat schließlich soeben eine Nummer gezogen. Wie sich später zeigen wird: Beinahe verwirrt wirken einige Finnen an den Verkaufstresen, wo sich nummernfrei angestellt werden kann. Wirre Schlangen, ratlose Gesichter, Reihenfolgenkuddelmuddel.

Draußen zieht der Busfahrer an seinem matschigen Glimmstängel. Knisternd schmilzt das verbleibende Weiß. Rauchwolken klettern aus seinen Nüstern. Tiefe Furchen in seiner Stirn laufen auf den Nasenholm zu wie Äste auf einen Baumstamm. Als verlade er Kartoffelsäcke, schnappt er sich die Koffer der Reisenden und schleudert sie in den Gepäckbauch des Busses. Kurz darauf springt das Vehikel rumpelnd an und karrt uns etwa zwanzig Kilometer weit über breite Ausfallstraßen direkt vor einen schmucklosen, dunklen Ziegelkasten in Tampere. „Rautatieasema“ prangt daran in schmutzigweißen Lettern. Der Bahnhof. Wenige Meter entfernt schimmern die grünspanpatinierten Zwiebeltürmchen der orthodoxen Kirche matt im Sonnenlicht. Sonst: karge Betonblöcke, mit bunten Reklametafeln behängt. Einkaufsstraße. Der Wind pfeift eisig. Beim Aussteigen aus dem Bus komme ich ins Gespräch mit Tine, einer jungen Deutschen aus Bremen, und Passi, einem pausbäckigen BWL-Stunden aus Helsinki. Da wir allesamt noch warten müssen, bis unsere Züge abfahren, beschließen wir, noch gemeinsam zu frühstücken. Vorher will ich noch kurz meine Fahrkarte lösen. Niemand sonst in der großen Schalterhalle. Doch ich habe gelernt, ziehe brav meine Nummer, werde kurz danach aufgerufen, buche meine Fahrt nach Turku. Fensterplatz. Nun also Frühstück. Im „Coffee House“, einem dunklen, neuschicken Lädchen in einem der Betonbunker, gibt es Latte Macchiato für deftige 4,50 € und keine freien Sitzplätze. Zwar muss man keine Nummern ziehen, doch ziehen wir doch lieber weiter. Passi raucht.

Wir halten an einer Fußgänger-Ampel. Der kleine Yorkshire-Terrier unseres Nebenmanns wird neugierig, bäumt sich auf und reißt sich ein Stück weit mit der Leine vom Herrchen los, schnuppert. Zisch. Feuchte Nase an der Glut. Passi zuckt zusammen. Entschuldigt sich. Der Hund springt rückwärts, vergräbt die Schnauze unter den Pfoten, winselt. Über den Bürgersteig turnt ein menschengroßes, knatschgelbes Plüschwesen – eine vermeintliche Kreuzung aus Gespenst und Banane. Es ist das Maskottchen der „wilden Wochen“ bei Stockmann, dem schwedischen Karstadt-Verschnitt in Finnland. Im Marktinneren balgen sich Menschenhorden um vergünstigte Negerküsse, Wimperntusch-Döschen, Lakritzbeutel oder Damen-Mieder.

Wir meiden das Getümmel und schlagen uns in einen Dönerladen, wo es Kaffee für einen Euro gibt. Ebenfalls nummernfrei. Ein kinnfusselbärtiger Finne im Südwester kauert stumm vor seinem großen Glas Bier. Er blickt zur Uhr. Es ist kurz nach zehn. Morgens. Tine erzählt lachend von den wissenschaftlichen Meriten ihres Freundes. Er hat empirisch ermittelt, dass Mitglieder der Gothic-Szene stärker rauchen als Fernfahrer, dass aber Eltern trotzdem froh sein dürfen, wenn ihre Kinder sich dieser Szene anschließen. Passi erzählt von den Bau-Jahren von Wohnhäusern, in denen er in Deutschland gewesen ist und futtert nebenbei einen Frühstücksdöner. Als ich die Treppenstufen zur Toilette hoch gespurtet bin, kann ich schon im Vorfeld gewonnenes Wissen über Finnland anwenden: Souverän verriegele ich die Kabine, in dem ich den Drehknauf von der Türspalte wegdrehe – und damit in umgekehrter Richtung zu hiesigen Klotüren. Fremde, denen dies Königswissen noch verborgen war, sollen an solchen Orten schon überraschenden Besuch bekommen haben. Mir kommt niemand nach. Unten ist der Fusselbartfinne erneut zum Tresen geschlurft. Noch ein Bier. Morgenstund hat Durst im Mund.

Passi und Tine drängen zum Aufbruch. Ihr Zug gen Helsinki fährt gleich ab. Vor dem Eingang niest ein schnäuzbärtiger Finne in seine Hand, spreizt den Daumen ab und betrachtet die glitzernde Schnötte im Sonnenlicht. Die beiden Anderen rauschen hektisch gen Gleis, ich fläze mich in einen Wartestuhl der Bahnhofshalle. Eine zerfledderte Bild! liegt herum. Eva Herman ist bei Kerner rausgeflogen. Tja. Ich lege sie beiseite, wickele ein Proviantmohnbrötchen aus, lausche den sporadisch vorbeischwirrenden seltsamen Silben, lese meinen Roman weiter. Noch eine halbe Stunde bis zur Abfahrt.

(Bildquelle: http://www.eu2006.fi)

Labels:

15 Wortmeldung(en):

Blogger Lars meint...

Die Nummernzetteln kenne ich hier auch beim Metzger und Werkzeugladen, ist aber auch noch fremd.

And now for a joke.
Two old Finns run into each other in front of a bar. They're brothers who haven't seen each other in more than 20 years. The one says to the other, "Well, let's go in and have a beer". They go in, sit down and order the beers. A little time passes and the one says to the other, "So, how have you been?" The other replies, "Are we here to talk or drink beer?"

23/10/07 00:21

 
Anonymous fusilli meint...

Tampere, Turku und Co - der Neid meiner Oma ist Dir sicher. Ich hoffe, Deine Reise war noch recht lang und somit voller Möglichkeiten für Fortsetzungen der ersten 2 Teile?

23/10/07 09:10

 
Anonymous Erdge Schoss meint...

Der Frühstücksdöner, werter Herr Ole, soll quasi das vormittägliche Stammessen des Finnen sein, habe ich mir sagen lassen. Das nenne ich Globalisierung.

Herzlich
Ihr Erdge Schoss

23/10/07 10:47

 
Blogger Oles wirre Welt meint...

@lars: Enorm treffsicherer Witz. :)

Nummernzettel kann man hier ja auch beim Metzger oder gerade in Behördern gern mal ziehen. Aber das ist alles nichts im Vergleich zu Finnland.

23/10/07 11:28

 
Blogger Oles wirre Welt meint...

@fusilli: Sie hat eine gute Woche gedauert, und es bestehen noch einige Ideen und Möglichkeiten für die folgenden Teile.

23/10/07 11:29

 
Blogger Oles wirre Welt meint...

@erdge schoss: Bestätigen kann ich dies nicht. Ich habe zumeist mit Nicht-Finnen gefrühstückt. Und da gab es eher Brot und Müsli. "Kebapi"-Läden finden sich einige, davon auch manche, die eher Furcht einflößende Fleischklopse an der Stange brutzeln haben, stattdessen aber mit stolzen Preisen von gern 5 € aufwarten. Wäre ein Fall für ethnologisch-soziologische Untersuchungen. Vielleicht auch für Frühstücksverhaltens-Psychologie. Unter Umständen.

23/10/07 11:42

 
Anonymous kreuzberger meint...

Die Nummer mit den Nummern und den verständnislosen Gesichtern habe ich auch schon in der Toskana an der Fleischtheke erlebt. Dort wunderten sich einige adipöse Deutsche und Engländer zwanzig Minuten lang, warum fast nur Einheimische bedient wurden, obwohl sie selbst doch schon viel länger warteten.

23/10/07 14:48

 
Anonymous CdhD meint...

Unser Kollege hat eigentlich schon alles gesagt, was es zu sagen gibt. Nicht nur hierzu :-)

23/10/07 14:49

 
Anonymous Opa meint...

Und wie gefällt dir denn sowas?

23/10/07 14:54

 
Blogger Oles wirre Welt meint...

Opa. Du machst mich doppelt verlegen.

23/10/07 15:21

 
Blogger Oles wirre Welt meint...

@kreuzberger: Auch schön. :) Aber ich wunderte mich vor allem, wie verwirrt einige Finnen schienen an Stellen, wo man keine Nummern ziehen konnte. Die Schlangen, in die sie sich reihten, waren lose Haufen, keiner wusste, wer vor wem dran war, es herrschte allseitige Desorientierung, schien es... :)

23/10/07 15:22

 
Anonymous lightdot meint...

Den Eva Herman Zirkus hätte ich auch lieber für eine Reise nach Finnland getauscht. ;-)

23/10/07 20:59

 
Blogger Oles wirre Welt meint...

@lightdot: Verständlich. :)

24/10/07 12:04

 
Anonymous burnstl meint...

Klasse Foto, selbst hergestellt?

1/11/07 11:43

 
Blogger mq meint...

... überhaupt eine sehenswerte Fotosammlung, z.B. der Kugelblick ist faszinierend ...

9/11/07 23:51

 

Kommentar veröffentlichen

<< Home