Mittwoch, Februar 18, 2009

Zu spät. Ein Hinterherwinken, traurig.


Den Mut nicht tröpfchenweise sammeln, zögern, abwägen, durchgrübeln, sondern alle verfügbare Kraft zusammenkratzen, um den Schopf der Chance zu packen, wenn sie für Momente auftaucht. Nachdenken hilft oft, bringt nicht selten klügere Resultate als der Impuls, und doch birgt es Gefahren, zu erstarren, sich in den Umlaufbahnen der Hirnschleifen zu verlieren und das Handeln zu vergessen. Hallo Hamlet. Das von Gorbatschow überlieferte Wort hat mich einmal mehr erwischt: „Wer zu spät kommt…“

Als ich nach Jahren endlich wieder nach Hamburg kam, war er bereits in den Süden gezogen. Nach Hause, fort aus dem steilen Turm hoch über der Reeperbahn. Gründe, vorher nicht gereist zu sein, gab es. Fehlendes Geld während der Studienzeit war einer davon. Und so habe ich ihn nie persönlich treffen können. Dennoch waren wir uns über Jahre verbunden, mit – vor allem von seiner Seite – geradezu rührendem Wohlwollen und Großherzigkeit.

Als der Job kam und begann, die Zeit zu fressen, die Augen nach Feierabend beinahe achteckig waren vom Starren auf flackernde Monitore, schwanden allzu oft auch Kraft und Muße, hier und in den liebgewonnenen Nachbarschaften sich zu tummeln. Technischer Internetentzug spielte hinein. Ein Rückzug auf leisen Sohlen, wenngleich nie eine Abkehr. Doch wer weniger liest, bekommt weniger mit. Viel zu spät habe ich von seinem Krankheitsschlag erfahren.

Ein lieber Genesungsbrief wuchs schnell, doch wollte ich noch feilen, überdenken, es noch besser machen, und so blieb er unvollendet eine Weile liegen, bekam immer wieder zärtliche Zeilen hinzu, unnötiger Perfektionismus und Erschöpfung nach Feierabend waren das Doppel, das der Entscheidung zum Abschicken Fesseln anlegte. Der Brief ist noch da, doch inzwischen hat der Herr den Adressaten zu sich geholt. Ein weltliches Ziel wird das Schreiben nicht mehr finden. Allein dass dem so ist, habe ich abermals viel zu spät entdeckt, zu Lebzeiten nicht mehr vermocht, Adieu zu sagen. In einer stillen Stunde wird eine Himmelslaterne mit guten Wünschen aufsteigen. Hau rein Opa, hab es gut, hoch über den Wolkenmeeren! Hummelhummelmorsmors.



Adieu. Und hier kommt Dein Abschiedslied.

3 Wortmeldung(en):

Blogger me. meint...

Zuspätkommen ist immer so verdammt beschissen.

23/2/09 17:52

 
Anonymous Michael meint...

Ich mache auch viel Anderes dieser Tage als zu bloggen. Von seiner Krankheit wusste ich, von seiner Entlassung aus der Klinik auch, wir hatten noch gemailt am 8. Januar. Dann war das Blog plötzlich weg und ich glaubte, er wolle sich so selber Luft verschaffen, um weniger Zeit mit der "Kiste" zu verbringen und mehr für seine Gesundheit zu tun. Dein Artikel sagt mir jetzt, dass es ganz anders gekommen ist und ich bin mächtig traurig. Eine wunderbare Ewigkeit wünsche ich Dir Opa Edi! Und Dir, liebe Ole, sage ich, der Edi weis es ohnehin hier wie dort wie sehr Du ihm gewogen bist und so gesehen gab es dann doch nichts Entscheidendes zu versäumen.

26/2/09 07:41

 
Blogger mkh meint...

Feines Lied, schöner Text, trauriger Anlass. - Er hat viel gute Erinnerung hinterlassen.

26/2/09 21:40

 

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