Samstag, November 15, 2008

Zweifel, plötzlich.

Es gibt Momente, in denen wachsen Zweifel. Selbst wenn man sie rasch relativiert. Gemeinhin wuselst Du frisch und fit durch den Tag, und Du redest Dir unbeirrbar ein, noch mindestens jung und knackig zu sein. Auch im Hirn windet es sich gemeinhin geschmeidig. Und doch. Gerade nach harten Tagen senkt sich gern ein trüber Schleier über das Bewusstsein. Die Wahrnehmung ähnelt einer Satellitenschüssel bei schwerem Gewitter - hier und da dringt ein Signal durch und ein Bild flackert auf, ansonsten fegen blickdichte Schneewehen, krisselt das Bild, rauscht und zerrt es. Wie benommen schlurft man dem Feierabend entgegen. Ansätze von Gedanken zerfließen, wabern, mäandern ziel- und formlos, bevor sie greifbar werden. Die Schaltstationen im Hirn sind auf Standby geschaltet.

Beim Einkaufen hast Du Dich viermal daran erinnert, noch Schinkenwürfel kaufen zu wollen, biegst aber immer wieder in einen anderen Gang des Supermarktes, füllst den Einkaufswagen mit Dingen, die gar nicht auf der Liste standen - Fruchtgummi, Müllsäcke, Mango-Lassi oder Risotto-Reise. Am Ende räumst Du zig Sachen in den Kofferraum, merkst zu Hause angekommen aber, dass Du die wichtigsten Dinge vergessen hast, obwohl Du Dich doch noch mehrfach daran erinnert hast. Nix zu machen. Und am nächsten Morgen frühstückst Du, leicht matt, ein wenig angegrippt. Die Minuten zerrinnen, noch einen Schluck Kaffee, noch einen letzten Bissen Schwarzbrot mit Honig. Blick auf die Uhr: Huch, getrödelt. Eile ist geboten.

Jacke über, den Autoschlüssel gegriff... Moment. Der war doch gleich wo? Sonst steckte er doch immer. Gut. Dann also woanders. Aber wo? Auf dem Küchentisch? Nein. Im Mülleimer? Das wäre ja noch schöner. Im Bad? Nix zu sehen. Hattest Du gestern eine andere Hose an? Ja, aber der Hosentascheninhaltstransfer verlief ohne nennenswerte Zwischenfälle. Sofa? Schreibtisch? Auf den Unterlagen? Unter den Unterlagen? Nix. Nirgends. Irgendwann dämmert Dir Böses. Eine letzte Idee. Du rennst nach draußen auf die offene Straße, wo Dein Auto parkt. Momente später schlägst Du Dir vor den Kopf, greifst Dir ans Herz, seufzst erleichtert auf. Und dann wachsen die Zweifel. Wie viel an den Ideen vom Jung- und Frischsein wohl dran gewesen sein mag, wenn man es schafft, den Autoschlüssel eine Nacht lang auf offener Straße im Kofferraum stecken zu lassen?

P.S.: Bevor ich es vergesse: Heute Abend ist wunderbare Lesung in Ginsheim, zu der ich leider aus Gründen nicht kommen kann. Hier können Neugierige aber das literarische Kleinod kaufen, das heute abend welturaufgeführt wird. Unter anderem finden sich darin mehrere Geschichten mit einem Herrn namens Wulnikowski, es gibt Großstadtdiamanten und klappernde Verkehrsschilder unter Zugtischen. Es gibt Damenausflüge im Zug und Zuckerkrümel auf Küchentischen. Wer mag, ist herzlich eingeladen, das Wagnis auf sich zu nehmen, "Sechs Herrengedecke und ein Sessel aus Plüsch" zu bestellen. Ich glaube, es lohnt. Ich selbst werde es mir auch besorgen. Und an einem Tag mit lichteren Momenten im Hirn durchlesen.

6 Wortmeldung(en):

Anonymous Ulrike meint...

Leben in einer Kleinstadt bietet eben nicht nur Nachteile. Und das Leben, umgeben von Rentnern, die scheinbar nur so tun als würden sie ins Bett gehen, auch: die haben sicherlich die ganze Nacht aufgeregt am Fenster gesessen und das Auto beobachtend beschützt.

15/11/08 18:36

 
Blogger me. meint...

diese zweifel sind gaenzlich unbegruendet, das kann ich mit inbrunst versichern. dinge dieser art passieren mir des oefteren, ohne dass mir mein alter eine ausrede bieten wuerde. kopf hoch ;-)

16/11/08 20:45

 
Blogger Oles wirre Welt meint...

@ulrike: schön, wenn sie mal wieder eine spannende aufgabe bekommen haben. und gut, dass alles gut gegangen ist. puh. :)

17/11/08 00:15

 
Blogger Oles wirre Welt meint...

@me.: ich zweifle ja nicht wirklich. auch wenn mir manche aussetzer zwischendurch auch ein wenig zu denken geben. :)

17/11/08 00:17

 
Anonymous sillerbetrachter meint...

och ole, deine zweifel sind unbegründet. es hat nix mit alter zu tun. sondern mit der tatsache, dass tage eben doch nur 24 stunden haben und das in unbeirrbarer reihenfolge.

22/11/08 16:47

 
Anonymous kopffüßelnde meint...

Zum GLück ist grad Winter, schockgefrostet bleibt alles länger frisch und mittlerweile wissen wir ja, dass tiefgefrorenes Gemüse zuweilen gar mehr Vitamine hat als frisches. Ergo? Auf in den Schnee!

23/11/08 18:56

 

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