Donnerstag, Februar 15, 2007

Mich traf mein Ich (Director's cut)

Irgendetwas in mir ist unter der Dusche verschwunden. Im Spiegel hätte ich mich beinahe nicht wieder erkannt. Plötzlich fehlte etwas, das ich nicht benennen konnte. Der Bart stoppelte noch aus denselben Poren. Meine Ohrläppchen bogen sich noch immer zu weit nach außen und auch der Knubbel auf meiner Nase wölbte sich wie eh. Die Zahnpastaspritzer hatten schon gestern mein Spiegelbild übersprenkelt. Womöglich habe ich einen Teil von mir mit meinem neuen Duschgel unter Schaumblasen fortgeschrubbt. Ich klingelte bei meiner Nachbarin. „Sehe ich halbiert aus?“, fragte ich. „Mir ist, als ob mir eine Hälfte fehlt.“ Sie lachte eckig. „Nein. Sie scheinen mir noch ganz zu sein. Ob Sie noch ganz dicht sind, weiß ich allerdings nicht. Vielleicht sollten Sie besser auf sich acht geben.“ Kopfschüttelnd schloss sie sachte ihre Tür.
Seitdem sitze ich und grüble. Ich dusche schon mein Leben lang. Doch nie zuvor habe ich dabei Teile von mir verloren. Sonst bin ich nicht so unachtsam. Das Problem ist: Ich habe kein Bild von dem, was ich vermisse. Nur dieses Nagen beim Blick in den Spiegel. Und so kauere ich auf meinem Plüschsessel – mit zerbröseltem Ideenrepertoire - und starre aus dem Fenster.

Buttermilchfarbenes Licht segelt von Straßenlaternen herab; eine Männergestalt schiebt sich darunter hindurch. Das Gesicht ist unter einer breiten Hutkrempe verborgen, doch kommt mir der geschwungene Mantel bekannt vor und die Art wie sie die Füße beim Gehen dreht. Kurz später klingelt es. Ich schlendere zum Eingang, luge durch den Türspion. Es ist die Gestalt von der Straße. Mich schrickt: Die Gestalt ist ich. Vor Schreck rutscht mir mein Kaffeekrug aus der Hand und zerbricht. "Ich hab Dich aus dem Fenster starren sehen. Was hast Du getan?", fragt er, als ich ihm öffne. Ich entgegne nur: "Ich glaube, ich habe erstmals seit Langem auf mich selbst geachtet."

16 Wortmeldung(en):

Anonymous Raducanu meint...

Und von droben lächelt mild Herr Kafka runter. Famos, Herr Absurdistan, geradezu absurdesk! Oder sollte man schon schreiben: olesk? ;-)

15/2/07 18:12

 
Anonymous nömix meint...

Ja, es hat von der Stimmung her tatsächlich was von K.s "Verwandlung" ..
Kompliment für den Text

15/2/07 18:44

 
Blogger Oles wirre Welt meint...

@raducanu: absurdesk hat für mich einen Tick zu viel Schreibtisch im Blute. :) Obwohl... vielleicht ließe sich mit einem Absurdesktop ja noch eine ökonomische Nische erschließen? :)

15/2/07 18:50

 
Blogger Oles wirre Welt meint...

@nömix/raducanu: Ich staune ein wenig, weil ich Kafka an keiner Stelle im Blick hatte, als ich den Text geschrieben habe. Aber irgendwie... nun ja... doch... in Ansätzen vielleicht... aber der Vaterkomplex fehlt. :)

15/2/07 18:51

 
Blogger Oles wirre Welt meint...

An alle: Ich bedaure zutiefst, dass nun wieder diese unsägliche Buchstabensuppengruppen- Eintipperei jedem Kommentar vorausgeht. Aber in den letzten Tagen und Wochen sind die invasiven Aktionen wildfremder Akteure aus den Vereinigten Staaten nahezu explodiert, die sich - trotz augenscheinlicher Unkenntnis der Sprache und des im Text verhandelten Themas - aufs Beste in Absurdistan amüsiert haben, sich bestens informiert fühlten und überhaupt diese Seite zu den besten überhaupt zählten, um daraufhin ihre Angebote für seltsame Medikamente, Videos von schwarzen Fleischpeitschen oder anderem Mumpitz zu hinterlassen. Und ich habe keine Zeit, täglich eine Dreiviertelstunde Spam-Kommentare zu löschen. Daher die zähneknirschende Notbremse. Ich hoffe, die Hürde hier zu kommentieren steigt trotz allem nicht stärker als die Mehrwertsteuer und bedeutet somit keinen Konjunkturkollaps. Kommerziell desinteressierte Kommentare bleiben hier nachwievor hochwillkommen. :)

15/2/07 18:56

 
Anonymous Raducanu meint...

Schreibtisch im Blute? Das geht nun gar nicht, wo Du doch zurzeit eher den Alkohol drinnen haben müsstest/solltest. Ich reiß mir jetzt auch ne Buddel uff. Prost!

15/2/07 20:04

 
Blogger Oles wirre Welt meint...

@raducanu: Das mit dem Alkohol muss ich, so sehr es mich wurmt, derzeit noch wieder vertagen, und wahrscheinlich wird sogar das Karnevalsbetrinken unbetrunken unter den Tisch fallen müssen - schon mit der letzten Prüfung hat sich erst einmal eine fiebrig-eitrige Bronchitis in meinem Körper eingenistet, die ich derzeit mit Salbeitee, viel Schlaf und Antibiotika aus meinem Körper zu jagen versuche. Und da ich - wenn - dann lieber unbeschwert und richtig trinke, hole ich alles nach, sobald die Gesundheit wieder zum Besten steht. Vielleicht Ende nächster Woche. :) Trotzdem Prost!

15/2/07 20:24

 
Blogger http://sillerbetrachter.twoday.net meint...

Ja, da staunt man, wenn das eigene Ich in den Wirren des Unabänderlichen manchmal draußen steht, was?

15/2/07 21:00

 
Blogger Markus Quint meint...

Je est un autre. (Arthur Rimbaud)

16/2/07 19:52

 
Anonymous dolcevita meint...

Fiebrig eitrige Bronchitis? Gute Besserung, der Herr! So ein Mist...aber wenigstens erst nach den Prüfungen :-)

17/2/07 12:46

 
Anonymous mcwinkel meint...

Ich bin auch halbseitig gelähmt!
Montags.

19/2/07 11:00

 
Anonymous blue sky meint...

Hat der Spiegel noch Garantie?

19/2/07 14:15

 
Anonymous kreuzberger meint...

Mich erinnerte das Ende an dieses Berliner Gedicht:
"Ick sitze hier und esse Klops.
Uff eenmal klopps.
Ick kieke, staune, wundre mir;
uff eenmal jeht se uff, de Tür:
Nanu, denk ick, ick denk, nanu!
Jetzt is se uff, erst war se zu.
Ick jehe raus und kieke,
und wer steht draußen? – Icke!

19/2/07 15:18

 
Blogger Etosha meint...

Und ich denke, beim zweiten Lesen, an eine unscheinbare Geschichte von Andi Vitasek; sie beginnt mit 'Gestern - oder war es übermorgen? - ...'

Merkwürdigerweise weiß ich, wie dieses Gefühl sich anfühlt. Und man weiß nach einer Zeit nicht mehr, ob man das Opfer einer Täuschung ist, und versucht sich zu erinnern, wie lange man sich schon nicht mehr auf diese bestimmte Weise im Spiegel betrachtet hat.

(Wenn ihn der Feuerfux bloß anzeigen tät, den Buchstabensalat!)

Wünsche baldiges Besserfühlen!

19/2/07 18:49

 
Blogger madame meint...

Dann schicken Sie doch den fremd/vertrauten Herrn bei Gelegenheit auf eine Tasse Tee in Berlin vorbei. Der andere verharrt dann im Westfälischen, und wenn Sie herausfinden, wie man einen Dritten abspalten kann, der für Sie arbeiten geht, dann schreiben die den ganzen tag so reizend versponnene Geschichten.

20/2/07 01:23

 
Blogger Lenny_und_Karl meint...

Na endlich ist das gute Stück auch hier zu lesen! Director's Cut gefällt mir ganz gut, obwohl ich das Gefühl habe, es fehlt was von der anderen Version. Ist gekürzt, oder?

20/2/07 07:50

 

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