Samstag, Juli 30, 2005

Schwierigkeiten bei der Farbwahl in englischem Hauptstadtnebel

Ein später Novembernachmittag im Jahre 1977. Gerade jetzt zur Teezeit schoben sich die bräunlichen Wassermassen der Themse besonders gemütlich vorwärts. Keine Eile. Wie Teesahne schwamm dicker Nebel darüber. Some more Scones, per chance?

Viel angespannter war die Situation in einem verbeulten, türkisfarbenen R4, der nur wenige hundert Meter entfernt nach einem Weg durch die blickdichten Innenstadtschluchten fahndete. Zwei junge Deutsche saßen in dem winzigen Gefährt - ihr erster Urlaub gemeinsam im Ausland. Ingmar krampfte seine klammen Hände an das Lenkrad. Verzweifelt versuchte er, mit seinen Blicken den Nebel zu durchbohren, auf der Suche nach der richtigen Spur. Zudem verwirrte ihn der Linksverkehr noch immer.

Währenddessen kratzte sich seine Freundin Jana am Ohr. Sie rätselte noch, wie herum sie den Londoner Stadtplan halten musste und wo genau sie sich überhaupt befanden, um einen möglichst zielstrebigen Weg durch die trübe Suppe hin zu ihrer Bed & Breakfast-Pension in Chelsfield zu erraten.

Immer wieder fielen ihr die langen Haare ihres Ponys in den Blick und verhängten ihre Sicht wie ein nachtschwarzer Vorhang. Der Blick zuckte nervös aus den Fensterscheiben, auf der Suche nach etwas Erinnerbarem. Nichts. Selbst im Inneren einer Schneelawine war der Ausblick kaum schlechter.

Im Schritttempo eierten sie vorwärts. Ganz allmählich tropfte der Nebel jedoch ab, und die Ähnlichkeiten zwischen Stadtplan und Stadtbild wurden wieder größer. Ingmar konnte erstmals seit einer Stunde wieder in den dritten Gang schalten.

"Achtung!", schrie Jana! "Die Ampel ist rot!"

Mit abruptem Ruck brachte Ingmar die tuckernde Kiste zum Stehen. Er brach einen Streit vom Zaun, angefressen von Janas schroffen Ton und verärgert über ihren stark ausbaufähigen Orientierungssinn, der mehr Verwirrung stiftete als half.

Die Fetzen flogen quer durch den kleinen Fahrgastraum des altersschwachen Franzosen. Plötzlich war das Vorankommen fast vergessen, auch die Ampelphasen waren plötzlich egal. So merkten sie erst, dass die Ampel bereits seit Langem auf grün stand, als ein Officer von Scotland Yard schwarzbehütet an ihr Seitenfenster trat. Mit einem Stock klopfte er an, lächelte, während er nach dem Öffnen der Scheibe auf die grün leuchtende Ampel deutete und fragte freundlich: "Haven't we got the colours you like?"

5 Wortmeldung(en):

Blogger jeanluc meint...

Ich hatte das Problem da, daß ich immer zuerst in die falsche Richtung schuate und dachte frei, ich schon mal bis zur Mitte.

31/7/05 08:22

 
Anonymous Neo-Bazi meint...

Ich liebe die englischen Bobbies. Zu meiner Londoner Zeit (1981/82) herrschten in der Hauptstadt zeitweise bürgerkriegsähnliche Unruhen. Die in den verschiedenen Stadteilen konzentrierten ausländischen Bevölkerungsgruppen lieferten sich zunehmend brutale, blutige Schlachten. Die völlig unbewaffneten Polizisten standen meist schutzlos dazwischen und bezogen fürchterliche Prügel. Eine Riot Police existierte noch nicht.
Ein einziges Mal erlebte ich, daß ein Bobby die Beherrschung verlor: Vor dem Nachbarhaus hatte ein Auto den Bürgersteig völlig zugeparkt, zwischen Hauswand und Wagen nicht mehr als 20 cm. Ein Beamter stand geduldig daneben und wartete auf den Fahrer. Als dieser schließlich erschien und, angesprochen, völlig ungerührt in seine Kiste stieg und Gas gab, warf ihm der Beamte seine Taschenlampe hinterher. Getroffen hat er nicht. "Fuck you" war sein wütender Kommentar und er lächelte sofort wieder, als er bemerkte, daß ich ihn beobachtete.

31/7/05 08:34

 
Blogger Oles wirre Welt meint...

Bei meinem ersten Englandaustausch 1995 bin ich, als ich abgeholt wurde, prompt bei der Fahrertür eingestiegen und wunderte mich, wieso jetzt ein Lenkrad und Pedale da angebracht waren, wo ich sitzen wollte... :)

Mich hat die Seitenverkehrung auch gern mal verwirrt - auch an Zebrastreifen und Ampeln - genau wie bei Jean-Luc...

31/7/05 11:49

 
Anonymous Finja meint...

*g* In Botswana und Südafrika ist es ja auch falsch rum. Zum Glück bin ich kein Auto gefahren, ich hätte an jeder Kurve und in jedem Kreisverkehr alles umgemäht.
Aber man gewöhnt sich sehr schnell dran, wo man zu sitzen hat. Als ich wieder hier in Deutschland war und mein Vater mich am Flughafen abholte, wollte ich partout auf der Fahrerseite einsteigen.
Kann man das nicht mal vereinheitlichen?

31/7/05 13:16

 
Blogger Oles wirre Welt meint...

Beim Überholen wär's schon unpraktisch, bei Linksverkehr auch auf der linken Seite zu sitzen als Fahrer, fürchte ich... sich immer blind auf Beifahrer zu verlassen (ist frei! oh nee... doch nicht!), könnte fatale Auswirkungen haben.

Und manche Länder fahren allem Anschein nach eben lieber linksrum. Ich finde, das dürfen die auch. :)

31/7/05 13:20

 

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