Freitag, Januar 13, 2006

Am Abend vorgelesen

Bergleute arbeiten manchmal unter Tage. Entsteigen sie dann am Ende der Schicht dem Fahrstuhl, verklebt hauchfeiner Staub die Hautporen, der eine gewisse Ähnlichkeit zu Kaffeepulver nicht immer abstreiten kann. Vielleicht trinken Bergleute auch gerne Kaffee. Wenigstens von Zeit zu Zeit. Diese nicht allzu dringend notwendigen Gedanken über den Zusammenhang von Röstbohnengebräu und unteridischen Stollen perlen in meinem Hirn, als ich mich in die Schlange vor dem "Miner's Coffee" einreihe.

Dichte Drängelschlangen vor neuschicken Kaffee-Bars sind in Münster nicht alltäglich. Vielmehr pfiffen die Spatzen von den Dächern, dass der Nestor, Doyen und Zarathustra des deutschen Kolumnenwesens, das haferstichlige Schlitzohr der Glossenschreiberlinge, Harald Martenstein, sich zwischen Kaffeebohnen und Milchschaum für eine Lesung einfinden würde. Zusammen mit Radio Q, dem Uniradio, haben sie den famosen Schreiberling des Tagesspiegels und der ZEIT für die "Poetry night" nach Münster gelotst.

Drinnen herrscht Gewusel. I-Books werden hochgefahren, Kopfhörer quetschen sich an Scheitel. Schließlich soll die Lesung live über den Äther gehen und im Anschluss sogar zum Runterladen ins Netz gestellt werden. Sekt wird ausgeschenkt. Rückkopplungsschleifen brummen, ein Sektglas zersplittert, als sich jemand im Publikum die Ohren zuhalten will und vergisst, dass die Hand bis dato zum Prosecco-Halten genutzt worden ist. Das Publikum gurrt und plappert bunt durcheinander.

Im Gegensatz zu Blogger-Lesungen ist hier indes "Bunte- oder Gala-Blogging"TM unsinnig. Wer ebenfalls auf der Lesung ist und zusieht, wer wen bislang noch gar nicht getroffen hat aber positiv oder negativ verblüfft ist, wer, den man kennt, was gesagt und getan hat, wer mit wem gekommen ist und wer am Ende mit wem heimgeht, interessiert hier kaum, da außer mir selbst wohl kaum jemand jemanden der Anwesenden kennt.

Und schon kommt der Meister, wird kurz anmoderiert, schlurft aus dem Angestellten-WC, wo er auf sein Publikum warten durfte. Streifen nadeln auf seinem anthrazitfarbenen Anzug, sympathische Barthaare umfusseln das lausbübische Lächeln seiner Lippen, seine Augen glitzern keck. Seine Stimme knarzt rau. Und das, obwohl er doch gar nicht raucht und im indischen Zigarettenladen bei sich um die Ecke in Berlin nur Feuerzeuge kauft, weil der Besitzer ihn zur Begrüßung immer so freundlich umschnurrt. Unprätentiös, gewitzt und herrlich selbstironisch spinnt er die Fäden zwischen seinen Texten, garniert sie mit Anekdoten.

Ein guter Erfinder ist er nicht, sagt er. Dafür aber ein Alltags-Adlerauge. Mit schwungvollem Strich skizziert er den skurrilen Wahnsinn zwischen Duscharmaturen und Autowerkstatt. Die knödeligen Berliner Fleischfachverkäuferinnen, die einem den Kauf von Mozzarellasalat verhageln können oder die entsetzten Karstadtverkäuferinnenblicke, wenn der gut situierte Dauerkunde mit der Premium-Happy-Digits-Karte plötzlich Doppelkorn kauft. Er berichtet vergebliche Mühen um Hipness dank der Flinten, die ihm das Schicksal zwischen die Beine pfefferte bei dem Versuch, in Kreuzberg an Koks zu kommen, um es wenigstens ein einziges Mal selbst probiert zu haben. Auch, warum er lieber in Münster als in Berlin Schuhe kaufen würde. Erst dank ihm denken wir darüber nach, ob Hitler vielleicht Probleme mit trockenen Füßen hatte und wo der Zusammenhang zwischen Internet und Penisgröße liegen könnte.

Ob er tatsächlich fast eine Stückchenpfütze auf dem Frühstücksfernsehmoderationstisch von Thomas Koschwitz hinterlassen hätte, nachdem er sich mit Fußfeuchtigkeitscreme die Zähne geputzt hat - oder ob er nur zuviel Amélie gesehen hat, stört keinen großen Geist. Das Zwerchfell bebt im prestissimo. Sein bissiger Witz und nonchalanter Schmiss beschleunigt die Zeit. Holterdipolter ist es auch schon vorbei. Viel zu schnell.

Das Publikum stürzt zum Büchertisch, quetscht sich vor das Lesepult zum Siginieren. Bitte für Eva. Können Sie schreiben, dass ich Ihr größter Fan bin - also ich meine für meinen größten Fan Harald? Gieriger Tumult. Arme recken sich, Hände grapschen. Bei mir regt sich Bauchhöhlengegrummel. Zeit für die Raubtiermagenfütterung. Höchst vergnügt verlasse ich die Kaffeemine und mache mich auf den Weg in die dunkle Nacht. Sobald Radio Q auf seiner Homepage die Lesung als Mitschnitt runterladbar gemacht hat, werde ich es bei mir auf Platte bannen. Denn toll war's.

18 Wortmeldung(en):

Anonymous Deliah meint...

Martenstein im Leben und ein bisschen Zeit gehören zu den Höhepunkten meiner persönlichen Woche. ;)

Wo sagst du gibt es das zum Download?

Ich muss mal wieder mein Zeit Audio aktivieren... ;)

13/1/06 13:34

 
Blogger undundund meint...

schapoh, werter ole! you schreibst here like an eagle, tu!

13/1/06 13:37

 
Blogger Fidbert from Hell meint...

ich weiß aus sicherer quelle (herr fiene), dass der mitschnitt (noch sicherere quelle: den hab ich produziert ;), und danach von martenstein meinen laptop signieren lassen) gerade seinen weg auf unseren server macht. zu finden sein wird er also im lauf des frühen nachmittags auf Was mit Medien.

13/1/06 14:01

 
Anonymous Ich bin erkaeltet meint...

Wie war das doch gleich?
"Das Kaffeehaus ist die Kirche des Journalisten."
Und meine Kirche auch, und mein zuhause, und mein liebster Platz auf der ganzen, ganzen Welt!!
Denn was gibt es in Kaffeehäusern?
Kaffee!
Juhu!

13/1/06 14:33

 
Blogger Oles wirre Welt meint...

Es gab sogar Kekse. Und Bier. Und Schokoriegel. Und... Kaffee (sogar mit Apfelkuchenstückchen drin, woran ich mich nicht habe wagen mögen).

13/1/06 14:38

 
Blogger Oles wirre Welt meint...

@fid: Der Goldregen rückt näher. :)

13/1/06 14:39

 
Blogger Oles wirre Welt meint...

@undundund: Bei solch flatterhaften Worten wird man ja fast vogelig.

13/1/06 14:49

 
Anonymous cantaloop meint...

hey... ich glaub ich hab den typen gesehen, als ich meine eltern in berlin besucht hab. wir waren beim wertheim in der steglitzer schloßstraße einkaufen, als vor uns ein ziemlich abgerissener typ eine flasche klaren (was genau es war konnt ich nicht sehen) an der kasse bezahlt hat und anschließend seine happy digits karte gezückt hat. die kassiererin hat ihn wohl tatsächlich für n penner gehalten und ziemlich bauklötze gestaunt... kann natürlich sein, dass es wer anderes war, sah ihm aber schon ziemlich ähnlich... war im sommer 2004.

13/1/06 16:20

 
Blogger Oles wirre Welt meint...

Das nenne ich überraschend. Wobei er, meine ich, von Karstadt sprach. Oder ist das dasselbe? :)

13/1/06 16:43

 
Blogger Fidbert from Hell meint...

Podcast online :). Lobeshymnen bitte an mich dann.

13/1/06 17:14

 
Anonymous Agathe meint...

was genau macht ein café zum "kaffeehaus"? macht man es selbst dazu, machen es eine bestimmte anzahl von kaffeehausmachern dazu, muss es über eine bestimmte größe verfügen, über einen hofmannsthal-flair, über ein bestimmtes zeitungskontingent? muss es hohe wände haben?
ich will auch ein kaffeehaus :-/

13/1/06 19:45

 
Anonymous Ich komme mir ganz klein vor meint...

Ole wie wir ihn lieben! Mir ist, als wäre ich dabei gewesen.

14/1/06 10:29

 
Anonymous Opa meint...

@ undundund
Am Montag hast du das Ding auf CD und bedanken kannst du dich bei ihm:

@ der fid
Vergeltsgott, ganz scheißfreundlich!!

14/1/06 10:45

 
Anonymous burnster meint...

Tja, es gibt auch noch "echte" Lesungen. Dass der gemeine Blogger an sich aber einst von der Virtualität in die Realität trat, um seiner Kollegen angesichtig zu werden, war aber ein logischer Schritt und einer, der nicht nur mit Gossip, sondern auch was mit Geselligkeit und Feiern zu tun hat.

The fog has cleared. The Worterkennung has gone. There's good times ahead. In Berlin scheint die Sonne. Es kommt was Gutes. Ich spürs. Danke, Ole.

14/1/06 12:09

 
Blogger Oles wirre Welt meint...

Diejenigen, die man nie getroffen hat, aber gerne liest, gern kennen lernen zu wollen, ist mindestens so nachvollziehbar wie verständlich und dazu noch mehr als legitim. Das geht mir doch gar keinen Deut anders. Mich amüsierte nur letztens kurzzeitig der Gedanke einer erzählstrukturellen Parallele zwischen Berichten über Promi-Parties und Blogger-Lesungen. Keineswegs will ich - warum auch? - damit irgendwem auf den Schlips treten oder der netten Gemeinschaft sympathischer und talentierter Schreiberlinge einen Seitenhieb versetzen. Noch weitaus weniger würde ich das spaßige und gesellige Zusammenfeiern als Gossip diffamieren wollen! Die Bohne nicht! Iwo! Das war mehr Spaß am Gedankenspiel als politische Aussage. Just to make sure. :)

14/1/06 12:48

 
Blogger Oles wirre Welt meint...

@agathe: Ein Kaffeehaus ist wahrscheinlich ein Haus, in dem es Kaffee zu trinken gibt. Insofern sit wahrscheinlich jedes Haus ein Kaffeehaus und wir sind keinen Schritt weiter. :) Kaffeehäuser sind wahrscheinlich mehrstöckig und von gediegenem, altem Charme. Insofern ist das Miner's Coffee eher eine sterile, yuppieske, kleine Klitsche mit stylishen Kaffeekreationen. :)

14/1/06 12:53

 
Blogger undundund meint...

menschensen, opa: vielen dank!

und: wasn mit der wortbestätigung passiert? soll ick dit ooch wieda abschaffen oder watt?

14/1/06 13:00

 
Blogger Oles wirre Welt meint...

abjeschafft, mein gutester. bisher auch ohne neuerliches spam-aufkommen. ich dachte: neue chance, neues glück. bisher noch glück. und nachdem die spam-honks inzwischen bei dir ja sogar buchstaben abtippen...

14/1/06 13:09

 

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