Donnerstag, Januar 26, 2006

Das dritte Brotmesser ohne Brotmesser

Der Saga dritter Teil, in dem obskure Erinnerungen neue Ebenen eröffnen. Der Leser wird in fremde Welten geschleudert. Zukünftige Handlungen werfen ihre versteckten Schatten, neue Fährten schleichen sich ein, bleiben aber noch nebulös und harren ihrer Entdeckung.

„Zuviel Stille macht mürbe“, dachte Gregor, „Zeit für Musik.“

Er raffte sich auf und schlurfte zum CD-Player. Sein Blick durchschlängelte das übervölkerte Holzregal mit den Tonträgern. Kurz legte er seinen Zeigefinger auf die sprüden Lippen, grübelte. Dann zupfte er eine Platte heraus und schickte sie in den Schlund des Abspielers. Er plumpste zurück in den Sessel. Die Federn quietschten. Mit dem Ellenbogen streifte er seinen Kaffeebecher. Fast hätte er seinen Cappuccino dabei von der Lehne gefegt. Nur ein paar Tropfen schwappten über.

„Die Flecken kann ich auch morgen wegschrubben.“

Ein Glockenspiel klimperte leicht schräg gegen schleppend schepperndes Schlagzeug, psychedelische Gitarren und langgezogene Streicher. Novokain für die Seele. Die unheimlichen, riesigen Mädchenaugen, der kranke Blick, der schöne Freak. Die erste Platte der Eels. Und plötzlich ratterte es in seinem Kopf. Die Musik fuhr ihre knöchrigen Langfinger aus, holte den Dietrich aus der Jackentasche und öffnete damit versteckte Hirnpforten. Dahinter wurde im Kopfkino eine unangekündigte Vorstellung mit alten Aufnahmen längst vergessen geglaubter Erlebnisse gezeigt, (auf Super-8?) und erst noch etwas verschwommen. Allmählich schärfte sich das Bild, die Farben wurden klarer. Der Film hörte auf den erschreckend öden Arbeitstitel „Gregor kauft die Eels-CD“.

Er spähte sich selbst über die Schulter. Gregor als Neunzehnjähriger, im Oktober vor elf Jahren in Minsk. Mit verwaschener Jeansjacke in der verwitterten Markthalle aus zerbröselndem Waschbeton zwischen Dynamo-Stadion, dem Museum des Vaterländischen Krieges und dem Platz des Sieges, an dem die ewige Flamme brannte. Über wen da wer gesiegt hatte, war Gregor entfallen. Auch, für wen die Flamme brannte. Wahrscheinlich hatte der Vaterländische Krieg etwas damit zu tun gehabt. Völlig unsinnig erschien ihm die Idee zumindest nicht.

Die Markthalle war ein riesiger, verwitterter Betonklotz, dessen bröseliges Dach sich weit geschwungen und lebensmüde wölbte. Darunter quirlte schwermütige Lebhaftigkeit. Schäbbig bekittelte Bauern trugen Diesel in übervollen, angerosteten Blecheimern nach draußen, um ihre knallblauen Traktoren damit zu betanken. Kanister waren womöglich zu teuer oder einfach nicht ihr Bier. Treibstoff plätscherte über den Rand, sickerte in den porösen Kiesboden. Plötzlich krabbelten sogar Erinnerungen an den ebenso faszinierenden wie Ekel erregenden Geruch dort aus der Erinnerungsschatzkiste zurück ins Bewusstsein. Der Treibstoffgeruch mischte sich in den Dunst von frisch gebackenem Brot, in Essig eingelegtem Weißkohl, Urin, Halva, roter Bete, Mottenkugeln und abgehangener Blutwurst.

Hier in der Markthalle gab es nahezu alles Lebensnotwendige. Alles, was sich kochen, backen und braten ließ, Jacken wie Hosen, Hämmer, Kreissägen, Nachtsichtgeräte. Aber auch einiges, was vielleicht in der Dringlichkeitsliste des Überlebens weniger weit oben stand. Das hervorstechendste Beispiel dieser Kategorie war für Gregor ein knapp meterhohes Plastikkreuz von Jesu Kreuzigung gewesen, in das Dutzende, kleiner, bunter Leuchtdioden eingelassen waren. Auf Knopfdruck blinkten diese hektisch, und dazu quäkte aus einem kleinen Lautsprecher am Fuße des Kreuzes eine Melodie, die Gregor von einer CD mit russisch-orthodoxen Liturgiegesängen zu kennen glaubte, die er vor Jahren mal auf einem Flohmarkt äußerst günstig erstanden hatte. Neben dem obskuren Kreuz hatten auf dem Tapeziertisch noch aufziehbare Blechsoldaten der Roten Armee gestanden, bei denen ebenfalls Leuchtdioden blinkten. Aus den Augen. Beinahe unheimlich.
Immer wieder hatten freundlich und zahnarm lächelnde, faltige Herren in kälteanfälligen Lumpenkleidern „Druschba!“ - Freundschaft! – gerufen und über Angebote zum Bruderschaftstrunk mit hausgebranntem Wodka versucht, die Jungen für ihr hochprozentiges Kartoffeldestillat zu begeistern.

An einigen Ecken der kargen Markthalle konnte man aus Blechtonnen, in denen unten Holzkohle schwelte, sogenannte „Rattenbäuche“ kaufen. In Teig eingeschlagenes Hackfleisch, dessen Name und Anblick Gregor allerdings den Appetit verschlagen hatte. Ein Verkäufer einige Meter weiter schlürfte Bier aus einem Einweckglas. Er hatte sogar den Weckring drangelassen und verkaufte Kunstdrucke in erschreckend schlechter Qualität, hauptsächlich Maler des zwanzigsten Jahrhunderts – Magritte, Dalí, Kandinsky, Miró. Das Kunstwerk im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit. Die technischen Reproduktionsmöglichkeiten schienen in diesem Fall allerdings ausbaufähig. Für einen Moment war trotzdem Gregor geneigt gewesen, sich einen Druck der konzentrischen Kreise Kandinskys zu kaufen. Doch das Papier stank sauer, die Farben waren sehr blass, der Druck selbst sehr streifig. Außerdem: Die Reisetasche war auf dem Hinweg schon fast auseinandergerissen, wo sollte man da noch ein Poster reinstopfen ohne dass es knickte? Gregor hatte es folglich nicht gekauft.

Aus einer relativ windstillen Ecke in der Halle krähte Musik durch das lebhaft durcheinander murmelnde, feilschende und feilbietende Treiben: Das Folklore-Trio „Kressiwa“, zu deutsch: Feuerstein, spielte, in traditionellen Trachten gewandet, rasante wilde Polkas, Tänze und schmerzhaft langsame Trauergesänge über erlittenes Leid. In jeder Pause hielten die zwei Balalaika-Spieler und der Sänger sich selbstbeschriftete Wodkaflaschen an den Hals und ließen den scharfen Schnaps in erschreckend großen Schlücken die Kehle runtergluckern. Einige Adern in ihren Gesichtern waren geplatzt. Die beiden Tänzerinnen, die zusätzlich zur Gruppe gehörten, hatten nicht einen Schluck abbekommen, vielleicht aus Rücksicht auf deren Beinkoordination.

Irgendwo dort hatte Gregor vollkommen unerwartet die CD der Eels gefunden, auf einem kleinen Flickenteppich, ebenerdig, Zwischen noch fettigen Speckschwarten und blutigen, gehäuteten Schafsköpfen, orthodoxen Marien-Ikonen und alten Militäruniformen der Sowjetzeit war es ein mehr als verblüffender Fund gewesen. Nicht U2, nicht Michael Jackson, nicht die Scorpions – die Eels in einem Haufen sowjetischer Schlager-CDs. Ausgerechnet die Eels. Und die erschienen ihm schlagartig als wesentlich sinnvollere Investition gegenüber dem schäbigen Kandinsky-Druck. Die einzige westliche CD, die er sonst noch dort hätte kaufen können, wäre „Eins, zwei, Polizei“ von Modo gewesen. Ein heutzutage nicht zu Unrecht fast vergessenes Stück Musik. Frank, der Bassist seiner früheren Band, hatte im Scherz einmal angemerkt: „Sollte mich irgendwann mal der Lebensmut verlassen und ich mich umbringen wollen, werde ich mich stilvoll in die Badewanne legen, brüllend laut ‚Eins, zwei, Polizei’ von Modo hören und dann einen Toaster mit ins Wasser werfen.“ Bislang lebte Frank noch. Gottseidank.

Fortsetzung folgt...
Teil 1
Teil 2

10 Wortmeldung(en):

Anonymous burns meint...

Ich kann die Markthalle förmlich riechen, gottseidank Modo aber nicht hören!

26/1/06 14:11

 
Blogger Oles wirre Welt meint...

Dein Glück, Burns. In erster Linie vor allem das Zweite.

26/1/06 14:34

 
Blogger Guniversum meint...

Gregor Hilden :-)

26/1/06 14:38

 
Blogger kein einzelfall meint...

Immerhin bleibt Ivan Rebroff ein Auftritt erspart ;) , der Mensch ist dankbar. Spasiba!

26/1/06 15:06

 
Blogger Oles wirre Welt meint...

@guniversum: der junge mit der gitarre... :)

26/1/06 15:17

 
Blogger Oles wirre Welt meint...

@kein einzelfall: den hatte er stattdessen aber noch vor wenigen wochen in der ev. Kirche in Völlenerkönigsfehn.

26/1/06 15:18

 
Anonymous bittersweet choc meint...

mmh. leckere rattenbäuche - mein leibgericht. und eels! leckere aale. feiner text, lieber ole!

26/1/06 16:47

 
Anonymous kubelicksama meint...

super-8?
es scheinen mir stets bei ihnen irgenwelche detaills aufzufallen, die rausreissen...wie die erinnerungen einen aus dem alltag.
ich gehe mich mal erinnern.

26/1/06 16:50

 
Blogger Oles wirre Welt meint...

Ich hoffe, das rausreißen hat keine unangenehmen Konsequenzen, wertester kvk?

26/1/06 22:17

 
Anonymous kubelicksama meint...

ganz und gar nicht. geht nicht um zähne oder nägel oder haare, oder herz! wenn ich minsk lese, fällt mir alles mögliche ein, aber keine super 8 kamera. ist ein surrealer film dann, der bei mir abläuft. so scheint alles normal und dann macht die geschichte einen doppelten bunuel.

26/1/06 23:52

 

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