Freitag, Februar 10, 2006

Oh, tell, oh!

Kitzelig kullert eine Schnötteträne. Unternase - Oberlippe, wird gebremst vom bereitgehaltenen Papiertaschentuch. Reißfest. Die Nase schimmert in dunkelrosé. Kälte klirrt kristallen. Sauseschwitzend fege ich mit meinem Drahtesel durch die flachen Straßenschluchten. Noch um eine Kurve. Da ist es, das Stadttheater. Ruinenreste, verwaschener Stahlbeton, Glas. Lange war ich nicht mehr drin. Aber heute abend. Kurz das Cordjackett zurechtzupfen. Die Glastüren umdrehen mich zur Begrüßung. Der Duft von Guiseppes Schnurrbart schwirrt durchs Foyer, Otello ich komme. Kribbeln durchsprudelt mich. Zum ersten Mal seit langer Zeit gönne ich mir mal wieder eine Oper.

Der Himmel hängt voller Blechspeichengewimmel und alten Lampenschirmen im Saal, die drei Ränge sind verkleidet mit Flechtbastplatten. Der verblichene Schick der siebziger Jahre. Das Licht erlischt, der Vorhang wird aufgezogen. Im dunklen Saal wirken die grünen Notausgangleuchten wie Positionslampen eines Raumschiffs. Auf der Bühne kauert ein riesiger eckigwindschiefer Kasten aus Stahlrohren, der entfernt an eine Festivalbühne erinnert. Der Kasten ist sturmumbraustes Schiff und Herrscherpalast, Hinterhalt, Katakombe, Garten, Zimmer hinter verschlossenen Türen in Personalunion. Das Auge fühlt sich beim Anblick nicht umschmeichelt, aber mit der Zeit entwickelt die Kulisse ihren Charme. Mit Donnergrollen, spätromantischem Rumtata und schmetternden Chören fetzt die Ouvertüre um die Ohren. Dann tauchen der intrigante Sausack Jago, der chronisch eifersüchtige Holzbock Othello und seine bezaubernde, unschuldig-schuldige Herzensdame Desdemona auf. Hinterlistig tröpfelt Jago Othello seinen intriganten Mumpitz ins Gehirn, setzt ihm gedankliche Hörner auf. Entsprechend fühlt dieser sich gehörnt, schwingt sich auf zum Heckmeckmeister. Seine Hirnsynapsen brutzeln und schmoren vor kränkbarer und scheinbar betrogener Liebesglut. Der Schwelbrand in Hirn und Herz wird zum Flächenbrand, alles brennt und brennt durch, weil Desdemona angeblich mit wem anders durchgebrannt ist.

Mit tosender Wucht und schwungvollem Pathos, zartem Melos und lyrischer Verkapselung umbraust die Musik aus Verdis Opernfassung von "Otello" unsere Ohren. Und selbst wenn bei vielen Besuchern das seltsame Bühnenbild für zerrümpfte Nasen sorgt, die schillernde Brillanz der Stimmen, die Intonationssicherheit des Klangkörpers und gerade auch die Nuancenvielfalt der Orchesterklangfarben verblüffen. Eine solch gelungene musikalische Operndarbietung gab es in meinen Ohren schon lange nicht mehr in Münster.

18 Wortmeldung(en):

Blogger kein einzelfall meint...

Cholerischer Südländer fühlt sich in seinen Gefühlen verletzt und meuchelt eine Weiße -
da rücken Absurdistan und CNN ganz schön aneinander. ;)

10/2/06 10:28

 
Blogger Oles wirre Welt meint...

Wenn auch aus diametral entgegengesetzten Beweggründen, mutmaße ich.

10/2/06 10:36

 
Anonymous burnster meint...

Hi Ladies! Eine Riesenenttäuschung vorweg: Der Burnster hasst Opern. Ja, ich bin ein Banause, der nur auf Gitarrenmusik steht. Face it!

Aber dein illustratives Eintauchen in olle Othello, Ole, lässt mich diese Einstellung nochmal überdenken.


Nicht.

PS: trotzdem gern gelesen!

10/2/06 11:55

 
Blogger Oles wirre Welt meint...

Ist bei mir doch fast ein wenig ähnlich, Burns. Ich begeistere mich gern für verschiedenste musikalische Stilrichtungen und Epochen. In großer Bandbreite auch für klassische Musik. Unter allen Gattungen der Musik vergangener Jahrhunderte ist die Oper bei Weitem aber das Metier, wo ich mich am Unwohlsten fühle. Hier hat sich die Tür noch immer nicht aufgetan. Oper und ich sind zwei Paar Schuhe. Aber ich versuche es zwischendurch immer mal wieder, und hier ging es über weite Strecken doch ziemlich gut. Ein Stück weit näher gekommen sind wir uns, die Oper und ich. Aber zig andere musikalische Spielarten stehen auch mir immer noch näher.

10/2/06 12:07

 
Anonymous glam nochmal meint...

give me more more mohr!

10/2/06 12:44

 
Blogger rulla's randnotizblog meint...

in unserer oper war grad marylin mazur - und ich habs nicht früh genug gemerkt. uäh...

10/2/06 13:33

 
Blogger Oles wirre Welt meint...

Donnerknispel, das wär sicher hörenswert gewesen!

10/2/06 13:51

 
Blogger Lundi meint...

Große Oper ! Du solltest unbedingt ein Opern-Libretto schreiben.

10/2/06 14:02

 
Blogger Oles wirre Welt meint...

Eine absurde Oper? Auch nicht schlecht... :)

10/2/06 15:40

 
Anonymous k.e. (Opern bis 1791 liebend) meint...

@burnster/opa: Erfahrungsgemäß zeichnen sich Opern besuchende Männer dadurch aus, dass sie a) 60+ und/oder b) von der Gattin/Gespielin/Erbtante/Redaktion in die Vorstellung genötigt oder c) eher nicht heterosexuell orientiert sind.
Ihr seid also fein raus.

10/2/06 18:59

 
Blogger Rohrkrieg meint...

Opern sind mir fast zu anstrengend.
Ich gehe gern ins Theater, aber hohe weibliche Stimmen finde ich auf Dauer doch sehr nervig. Und man versteht nur so wenig...

10/2/06 19:39

 
Anonymous novesia meint...

Tatsaächlich. Oper wird auf meiner no-go-Skala nur noch von Operette geschlagen. Okay, dazwischen vielleicht noch Musical. Mit Ausnahme des Ramones-Musicals natürlich. Obwohl das eigentlich auch schon Häresie (dass ich nicht weiß, wie man das schreibt, spricht für sich) ist.

10/2/06 22:10

 
Anonymous ottje meint...

modest mouse - float on

anhören olsen!

10/2/06 22:36

 
Anonymous Schluesselkind meint...

Ist das da Madonna auf dem Foto? Die ist ja wirklich überall dabei... ;-)

11/2/06 15:48

 
Blogger Oles wirre Welt meint...

@ottje: Immer wieder gern gehört. Allerdings meist im heimischen CD-Player und eher kaum in Opernhäusern. ;)

11/2/06 17:58

 
Blogger Oles wirre Welt meint...

Madonna war nicht dabei, aber sie hatte ein enorm fähiges Double geschickt. :)

11/2/06 19:13

 
Anonymous Schluesselkind meint...

Ach ja, jetzt sehe ich es: Vicky Leandros mit blonder Perücke...

11/2/06 20:11

 
Blogger Oles wirre Welt meint...

oha... Abgründe eröffnen sich. :)

11/2/06 20:14

 

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