Mittwoch, September 20, 2006

Bodumverdauung

Das Schnitzel war verputzt. Nur die Tomate kuschelte sich noch in den Schoß des Salatblattes am Tellerrand. Im Bierglas - das dritte - nur noch Schaum. Wulnikowski sah zur Uhr. "Ich gebe Joost noch drei Minuten", dachte er. Sie schwadronierten noch ein wenig über dies und das, über die unfreiwillige Tonsur mit zunehmendem Alter, über den Preisanstieg bei Reiserücktrittsversicherungen und die Ostsee. Die Minuten zerrieselten und dann, fast auf Schlag, sprang Joost auf. "Entschuldige mich, ich muss ganz dringend zur Toilette." Wulnikowski versuchte, sein heimliches Vergnügen zu verbergen und flötete wohlwollend: "Wohl entkomm's."
Joost war ein Vierteljahr lang Wulnikowskis Nachbar in der Schillerstraße gewesen und inzwischen emeritierter Professor der Ur- und Frühgeschichte und seit nunmehr fünf Jahren einer der wenigen guten Freunde Wulnikowskis. Einmal wöchentlich trafen sie sich in der Trattoria della Norma, speisten gemeinsam (meist Tagliatelle Vongole), tranken und diskutierten bis tief in die Nacht.

Die Themen, über die sie sprachen, waren bunter und zahlreicher als Flicken an einem amerikanischen Quilt, eins aber war zum Leitmotiv ihrer Abende geworden. Etwa zwanzig Minuten nachdem Joost sein Dessert verputzt (mit Vorliebe Pannacotta mit Pflaumenpüree) und sein drittes Bier getrunken hatte (Wein mundete ihm nicht), sprang er urplötzlich auf und huschte zur Toilette. Es schien, als explodiere der peristaltische Druck aus dem Nichts, von null auf hundert, und steige nicht, wie bei ihm selbst, allmählich an. "Joosts Verdauung ist ein wenig wie Kaffeekochen in einer Kanne von Bodum, bei der man ruckartig den Filter herunterdrückt", dachte Wulnikowski heimlich und versuchte, sein Schmunzeln zu unterdrücken, denn Joost kam soeben zurück.

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13 Wortmeldung(en):

Anonymous Anonym meint...

Mein Schwager wird unruhig, wenn kein Klo in der Nähe ist. Der peristaltische Druck setzt genau dann ein. Ein Phänomen.

20/9/06 16:51

 
Blogger Mephistascripts meint...

Wow - aber schnell isser, der Gute. Respekt.

20/9/06 17:13

 
Anonymous Anonym meint...

Danke für den Upload des Grinsens in mein Gesicht. Außerdem: Solange es zum wohligen Entkommen nicht die Richtung wechselt, ist alles nicht so schlimm.

20/9/06 17:39

 
Blogger Oles wirre Welt meint...

@wuestenfloh: An dem Timing sollte man vielleicht arbeiten... so exakt es scheinbar auch funktioniert. :)

20/9/06 18:09

 
Blogger Oles wirre Welt meint...

@mephistascripts: Alles Nach-Schub, tippe ich. :)

20/9/06 18:10

 
Blogger Oles wirre Welt meint...

@Dr.Ni: Hatte es jemand vorher runtergeladen?

20/9/06 18:10

 
Blogger Lundi meint...

Ob das irgendetwas mit der Urgeschichte zu tun hat ? Oder der Frühgeschichte ?

20/9/06 18:57

 
Blogger Oles wirre Welt meint...

Du meinst... herrjeminee... das wäre ja... man mag's gar nicht aussprechen!

20/9/06 19:24

 
Anonymous Anonym meint...

Verläßlichkeit und Termingenauigkeit ist bei Verrichtung und Abwicklung der Geschäfte von großem Vorteil.

Wichtige Termine dieser Art verlege ich grundsätzlich in die morgendliche Frühgeschichte, unmittelbar nach Kaffee und Chesterfield.

Im Angesicht von Herrn MC Winkels Starschnitt besucht mich dann auch regelmäßig Frau Muse, die alte Schlampe. Häufig erfolgen ihre Attacken überfallartig und intoniert als große Koda, machmal auch nur notdürftig, begleitet von wundersamem Sphärenklag.

Besonderer Druck wird eher selten ausgeübt.

21/9/06 11:13

 
Anonymous Anonym meint...

iiihbäh... ;-)

21/9/06 12:56

 
Anonymous Anonym meint...

@ole.w.w: Ja, das kann schon mal vorkommen, daß einem einer das Grinsen herunterlädt, und leider ist das in dem Fall nicht mit Kopieren, sondern mit Rauben gleichzusetzen.
Wenn man dann noch ein Schüsselchen Sarkasmus findet, kann man wieder in sein Blog kotzen.

21/9/06 15:44

 
Blogger Oles wirre Welt meint...

@dr.ni: Gibt es immer noch keine Gesetze, die das verbieten?

21/9/06 15:52

 
Anonymous Anonym meint...

Danke! Nie wieder werde ich unbefangen eine Bodum-Kanne saubermachen können!

21/9/06 23:40

 

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