Mittwoch, Juni 01, 2005

Transkontinentaler Fußmarsch leicht gemacht

Es mag manchem Verwunderungsblässe auf die Nasenspitze zaubern, aber ich behaupte: Wer glaubt, man bräuchte ein Schiff oder ein Flugzeug, um von Amerika nach Russland zu kommen, kann irren. Es geht auch locker zu Fuß. Und man benötigt nur etwa eine Viertelstunde. Amerika und Russland sind sich näher, als man gemeinhin vermutet.

Um mit einigen irrigen Annahmen aufzuräumen: In ganz Amerika gibt es nicht einen einzigen Highway. Wer glaubt, in Amerika auf Baseball-Stadien oder Basketball-Arenen zu stoßen, dessen Bollerwagen der Phantasie ist auf einen enorm schlammigen Pfad geraten. Auch von Burger-Schmieden fehlt jede Spur. Keine einzige Stars-and-Stripes-Flagge flattert im Westwind; es gibt überhaupt kaum Fahnenmasten. George Bush kennt man aus dem Fernsehen, aber er war noch nie dort.

Auch von Russland meint man einiges zu wissen, was sich als hinfällig erweist. Höchstens äußerst sporadisch trifft man auf melancholische Menschen, die in abgeschiedenen Dörfern in gedrungenen, verwitterten Holzhütten ihre Melancholie in Wodka tränken, während ein quietschender Holzkarren, von einem ausgehungerten Esel gezogen, große Schatten auf den holprigen Sandweg wirft. Glinka, Rachmanninoff oder Stravinskij kennt nahezu niemand; beinahe nirgends beschweren Werke von Tolstoi, Dostojewski oder Solschenizyn die Bücherregale. Der Kommunismus hat in Russland nie eine Rolle gespielt, die transsibirische Eisenbahn fährt tausende von Kilometern an Russland vorbei, Erdölvorkommen gibt es keine.

Das auf den ersten Blick Verwirrendste mag sein, dass in Russland so gut wie niemand russisch spricht, geschweige denn kyrillisch lesen kann. Umgekehrt gehört auch das englische Idiom in Amerika zu den schillernden Konversations-Exoten. Auch die Annahme, dass in Russland fast ausschließlich Russen wohnen, gehört auf den Komposthaufen weltläufiger Irrtümer. Auch in Amerika gibt es Amerikaner nur auf Durchreise oder gebacken zu besonderen Anlässen auf festlich glänzenden Tellern zum Tee.

In Russland und Amerika gibt es mehr Kühe als Einwohner. Gestreifte Katzen sitzen auf dem Kotflügel eines alternden Treckers und warten darauf, mitfahren zu dürfen, wenn es zum Melken geht. In Russland und Amerika spricht man überwiegend plattdeutsch. Denn Russland und Amerika liegen, als winzige Dörfer mit je ungefähr vier bis fünf Bauernhöfen idyllisch versteckt und von der Öffentlichkeit weitestgehend unbeachtet, auf einem Geestrücken im tiefsten Ostfriesland - zwischen Wiesedermeer, Friedeburg und Reepsholt. Es gibt nicht einmal ein Lebensmittelgeschäft und höchstens ein oder zwei Briefkästen. Auf sehr schmalen, baumgesäumten Straßen gelangt man selbst zu Fuß bequem in einer Viertelstunde von einem Dorf zum anderen.

Die Strecke Amerika - Russland beträgt kaum zwei Kilometer. Wann man genau von Amerika nach Russland übergetreten ist, ist relativ häufig schwer auszumachen. Denn alle paar Monate schleichen windige Gestalten in diese Ödnis, buddeln einen Schraubenschlüssel aus der schmuddeligen Jackentasche und montieren das Ortsschild ab, um es dann widerrechtlich "außer Landes" zu bringen und stolz in ihrem privaten Kuriositätenzoo zu präsentieren. Da die fiskalen Säckchen für Ortsschild-Anschaffungen hingegen auch nicht mit praller Fülle glänzen, klafft den größten Teil des Jahres eine verblüffende Leere im entsprechenden Schilderrahmen am Wegrand in Amerika .

Amerika und Russland mitten in Ostfriesland. Bei Weitem nicht die Ausnahme: Auch Jamaika, die Sahara oder Neuengland haben sich nicht lumpen lassen und sich niedergelassen zwischen Nordsee und Torfkanälen der teetrunkenen Tiefebene. Ein abgeschlossenes Geografie-Studium benötigt man hingegen nicht, um festzustellen, dass die Ähnlichkeiten zu den global verstreuten Namensvettern schon nah an Null scheuern: keine Wanderdünen in der Sahara, keine in tropischem Klima den Berg herunterratternden Bobmannschaften in Jamaika - ganz zu schweigen von glühend roten Sonnenuntergängen an Palmenstränden, während von Ferne ein leiser Hauch von Calypso herüber schwingt. Auch südafrikanisches Flair vermisst man zwischen Dollart und Jadebusen an der Stelle, wo man es vermutet hätte: Transvaal, Provinz in Südafrika an den Flüssen Oranje, Vaal und Limpopo, ist als Vorort von Emden eingemeindet worden. Doch besticht Transvaal eher durch graue Regenwolken, norddeutsche Tristesse und rote Backsteinblöcke.

Wahrscheinlich liegt es im heimatverbundenen Naturell der Ostfriesen, dass man sich lieber "die große Welt" in die kleine Heimat holt, als selbst in die Welt hinauszufahren. Was soll man in der Sahara? Viel zu hoch ist die Chance, nachmittags um drei nirgends eine frisch aufgebrühte Tasse Ostfriesentee mit Kluntje auftreiben zu können. Zudem: Wie soll man zudem in all dem Sand boßeln? Und mit wem soll man in Russland auf Plattdeutsch darüber philosophieren, warum die Hydraulik des Frontlader beim Güldtner seit drei Tagen quietscht? Eben.

Es mag Sehenswerteres in der großen, weiten Welt geben, aber wer kann schon von sich behaupten, zu Fuß in einer Viertelstunde von Amerika nach Russland gelaufen und danach mit dem Auto von Transvaal über Jamaika in die Sahara gefahren zu sein?

7 Wortmeldung(en):

Anonymous Finja meint...

geklaut! das hab ich neulich irgendwo schon mal gelesen... im spiegel, kann das?
aber bei Ihnen siehts natürlich immer gleich viel besser aus und ist auch lustiger! ;-)

2/6/05 16:09

 
Blogger Oles wirre Welt meint...

Ich bin selbst als Kind zigfach in Amerika aufm Schützenfest gewesen, hab in Kieskuhlen in Russland die Sommersonne abgekühlt, durch Jamaica und die Sahara bin ich nur kurz mit dem Auto gekommen und Transvaal kenn ich nur vom Emder Stadtplan. Aber generell alles original!

2/6/05 16:28

 
Blogger Oles wirre Welt meint...

Meine Mama und mein Onkel kommen gebürtig aus Amerika, mein Onkel wohnt nun in Russland. Geklaut ist da null und nix. Jedes Wort von mir, inclusive der Idee. In ähnlicher Form hatte ich den Text vor langem mal bei jetzt.de geschrieben, aber hierfür nochmal generalüberholt und frisch gebügelt.

2/6/05 16:30

 
Blogger Oles wirre Welt meint...

Seit wann siezen wir uns eigentlich? :)

2/6/05 16:30

 
Anonymous Finja meint...

aaaah! genau! jetzt.de! da hab ichs gelesen gehabt! :) verzeih meine plagiatsvorwürfe!! *mich vor deiner schriftstellerischen größe verneig*

3/6/05 08:36

 
Anonymous Finja meint...

*ähh* gute frage. keine ahnung. ist mir so rausgerutscht *g*

3/6/05 08:37

 
Anonymous Anonym meint...

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