Dienstag, Juli 18, 2006

Mathematische Früherziehung

Die Sommersonne hat sich für heute verausgabt und klettert mit müden Augen hinter die leerstehenden Lagerhäuser und das Heizkraftwerk am Hafen, um sich alsbald zur Ruhe zu betten. Am Kai kniet ein buschbärtiger Mathelehrer mit seinem kleinen Sohn. Etwas unsicher tappst der Kleine am Rand der gemütlich schwabbernden Fluten entlang. Papas Baumwollhemd spannt am Bauchansatz. Eine Entenfamilie schaukelt dösend im Halbkreis auf dem Wasser. Aus der Ferne schweben weiche Bossa-Nova-Klänge herüber. Der kleine Sohn tritt mit seinen winzigen Salamandersandalen einen Kieselstein ins Wasser. Sein Vater stützt sich ab, wie von einem Geistesblitz durchzuckt, und fährt mit seinen kräftigen Fingern über den Boden, ehe er einen flachen Stein aufklaubt, in den Händen wiegt und aufs Wasser schlenzt. Fünf Mal tischt er auf; dann versinkt er in den warmen Fluten. Sein Sohn kichert. Die Entenfamilie schreckt auf und paddelt unter eifrigem Geschnatter weiter in Richtung Hafenmitte, um weiter ungestört dösen zu können. "Schau mal, Jannes", brummelt es aus dem buschigen Bart. "Du musst ganz flache Kieselsteine nehmen und sie in einem Winkel von zwanzig Grad gegen die Wasseroberfläche werfen, dann hüpfen die Steine am Längsten." Jannes Augen glänzen. "Bei mir grad ist er fünf Mal gehüpft. Beim Weltmeister sogar über vierzig Mal." Jannes kratzt sich am Kinn, lacht glockenhell und stolpert ein paar Schritte weiter. Dort buddelt er mit seinen Händen im Staub, hievt einen kantigen dunkelgrauen Betonsteinbrocken hoch und wirft ihn in hohem Bogen über seine Schulter ab. Steil fällt der Stein und klatscht nur etwa einen halben Meter neben dem Ufer ins Wasser. Ein wuchtiger Schwall spritzt den beiden entgegen. Jannes Vater schneuzt sich und wischt dann mit dem Hemdsärmel seine Brille ab. "Ich hab doch gesagt im Winkel von zwanzig Grad." "Papa, was ist zwanzig Grad?" Die kurzzeitig verbiesterten Gesichtszüge seines Vaters weichen auf, der vorwurfsvolle Blick gerinnt zu einem milden Glänzen. Er legt seinen massigen, behaarten Arm um die schmale Taille seines winzigen Zöglings. Dann flüstert er halb: "Das wirst Du schon noch lernen, wenn Du in die Schule kommst."

10 Wortmeldung(en):

Blogger Markus Quint meint...

Diese geflüsterten Drohungen können Existenzen zerstören.

18/7/06 14:31

 
Anonymous schoko-bella meint...

jaja... manchmal vergisst auch ein erwachsener, daß er gerade mit einem kind spricht...

18/7/06 20:09

 
Anonymous martha meint...

Kieselsteine flitschen kann ich auch. Mein persönlicher Rekord lag bei 7mal!

18/7/06 20:16

 
Blogger Oles wirre Welt meint...

@markus: Heißa, klingt das dramatisch... :)

18/7/06 20:23

 
Blogger Oles wirre Welt meint...

@martha: ich glaube, meiner bei elf oder zwölf. Damals am Lago Maggiore vor bannich vielen Jahren... :)

18/7/06 20:23

 
Blogger Oles wirre Welt meint...

@schoko-bella: Immerhin merkt er's ja noch. Hoffnung bleibt.

18/7/06 20:24

 
Anonymous simplex meint...

Ob Buschbärte von der Mathematiklehrergewerkschaft empfohlen werden? An meiner Schule muss das damals so gewesen sein.

18/7/06 22:18

 
Anonymous nachtschwester meint...

Mein Vater verlangte einmal im Hinausgehen von mir, ich solle den Topf mit den Kartoffeln um halb sechs vom Herd nehmen, und das, bevor ich die Uhr lesen konnte.
Hat auch nicht geklappt.

19/7/06 08:10

 
Anonymous mcwinkel meint...

Alter Klugscheisser, der.
Und 5x nehm´ ich dem auch nicht ab.

19/7/06 09:30

 
Anonymous Talia meint...

Also, das Flüßchen dahinten is mittlerweile bei 38° so flach..da flitscht nix mehr.
Warten, bis es sich wieder abgekühlt hat :-)) auf 20°...

19/7/06 17:36

 

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