Freitag, Februar 23, 2007

Steinchen, Feststecken und die entscheidende Frage, die noch fehlt


Teil 1
Teil 2
„Die weit interessantere Frage ist doch, wo die Serveuse steckt und wie ich sie finden kann“, denkt Contamine de Latour, schweigt aber vorerst, um dann – mit leise knirschendem Interesse - zu fragen: „Welche Frage ist es? Die Frage, woher eine Platane ihre Zielgenauigkeit nimmt, um ihre Blätter genau so abzuwerfen, dass sie direkt in Deinem Milchschaum landen?“

Satie rückt seine Melone ein Stück weit aus der Stirn. Er würde jetzt gern ein Stück luftgetrocknete Mettwurst essen. Aber für Mettwurst ist es noch zu früh. „Eine interessantere Frage. Sie hat aber nichts mit Tieren zu tun. Nein. Die Maler und die Bildhauer haben die Tiere oft dargestellt. In diesem Falle werden diese Künstler Tiermaler und Tierbildhauer genannt. Die Tiere hingehen scheinen die bildenden Künste nicht zu kennen.“

Contamine de Latour scharrt im Kies unter dem Tisch. Nun steckt ein Steinchen unter seiner Fußsohle. Eifrig versucht er, seinen Schuh auszuziehen. Dabei stößt er mit dem Kopf gegen die Tischkante. Ein wenig Milchkaffee schwappt über. Satie lässt sich nicht beirren.

„In der Tat besitzen wir kein von einem Tier gemachtes Bild, keine Skulptur. Ihr Geschmack führt sie nicht zu diesen beiden Künsten hin. Dagegen haben die Architektur und die Musik sie angezogen. Das Kaninchen errichtet seinen Bau. Für sich und den Fuchs und den schlauen Terrier. Der Vogel baut ein Nest, ein Wunder an Kunst und Geschicklichkeit, um darin mit seiner Familie zu wohnen. Wir könnten diese Ausführungen bis ins Unendliche fortsetzen. Soviel zur Architektur.“

Contamine de Latour hat inzwischen seinen Schuh ausgezogen. Satie nippt seinen letzten Rest Milchkaffee aus der Schüssel und buddelt mit den Händen in den Anzugtaschen. Mist. Den Kaffeelöffel, um den letzten Schaum aus der Schüssel zu schaufeln, hat er in der Seitentasche von Nummer drei stecken lassen. Er muss sorgfältiger werden. Ärgerlich. Doch er lässt sich nicht beirren.

„Ich kenne kein von einem Tier geschriebenes literarisches Werk, und das ist recht fatal. Haben die Tiere einst eine Literatur gehabt? Es ist möglich. Ohne Zweifel wurde sie bei einem großen… einem sehr, sehr großen Brand zerstört.“

Contamine de Latour steckt nun unter dem Tisch fest. Für einen Moment ist ihm eher egal, welche literarische Vergangenheit die Tiere wohl gehabt haben mögen. Doch er ist für einen Moment nun doch froh, dass die Serveuse heute nicht da zu sein scheint. Unter einem Tisch festzustecken hat sich bislang selten als hilfreich bei der Brautwerbung erwiesen.

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5 Wortmeldung(en):

Anonymous bakunin meint...

du verwirrst hier erst ziemlich. aber nachdem ich die ersten beiden episoden gelesen habe, war's plötzlich viel klarer. und herrlich witzig.

24/2/07 12:00

 
Blogger Markus Quint meint...

Es gibt auch große Bildhauer im Tierreich (s. Termiten, Korallen), wobei die Grenzen zwischen Architektur und Bildhauerei natürlich fließend sind.

25/2/07 18:34

 
Blogger Oles wirre Welt meint...

@bakunin: Ist ja auch schon ne Weile her, dass die anderen Episoden hier auftauchten. Und da stolpert man schnell ins Wasser, wenn man direkt in die Geschichte, die schon vergessen schien, zurück hüpft. Und ein wenig verwirrend kann es schon werden, wenn man es mit solchen Spinnern wie dem Herrn Satie zu tun hat. Witzig allerdings ebenfalls. ;)

25/2/07 21:10

 
Blogger Oles wirre Welt meint...

@markus: Definitiv. Die Tiere waren teilweise ganz herausragende Bildhauer und Architekten. Gerade am Ende von Flauberts "Versuchung des heiligen Antonius" wuselt einem ein wahrer schillernder Tierskulpturenpark entgegen. In der Sache mit der Bildhauerei sollten wir Herrn Satie vielleicht doch kurz widersprechen. Er war ja auch vor allem Musiker (manchmal auch Kirchengründer oder Werbetexter) und kein Tierexperte. Man sollte hier gnädig mit ihm sein. :)

25/2/07 21:21

 
Anonymous Opa meint...

Von dieser Geschichte wünsche ich mir 840 Fortsetzungen. Mindestens.

2/3/07 09:23

 

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