Montag, August 20, 2007

Innerer Nervenkrieg und die Flucht ins Grüne

Um Mitternacht noch auf den Trichter kommen, Shakespeares "Sommernachtstraum" in einem Rutsch durchlesen zu wollen. Nach der Heimkehr von der nächtlichen Medikamententour noch allzu wach sitzen und im frühen Morgengrauen Mails beantworten. Und dann früh morgens aufstehen, um zur Zeitungsredaktion zu radeln. Zu wundern brauchst Du Dich da nicht. Aber eigentlich wunderst Du Dich auch nicht, wie wundgeschürft Du selbst jetzt plötzlich bist. Doch der Erschöpfungs-Einbruch kam schlagartig.

Urplötzlich sind die Dämme gebrochen, liegen Deine Nervenstränge blank und alles nagt,
reibt und beißt ungeschützt daran, wüst stürzt alles auf Dich herein. Ein rohes Ei ist eine uneinnehmbare Trutzburg gegen Dich, zurzeit. Die Kreuzung unter Deinem Fenster wird zum gnadenlosen Monster. Der aufbrausende Verkehr, der sich Dir sonst nicht einmal mehr ins Bewusstsein schleicht, frisst Dich auf.

Es grollt,
kreischt,
sägt,
quietscht,
brummt,
donnert,
dröhnt
und bollert.

Krankenwagen rasen krähend und jaulend durch Deine Stube. Automobile fahren über Dich hin. Im Flur knallt eine Tür zu. Draußen klirren Altglasflaschen, die vom Gepäckträger gefallen sind. Du hörst die großen Scherben lachen und die kleinen Splitter kichern. Der nächste Lastwagenmotor brüllt wie ein gigantischer Löwe. 

Geräusche werden zu Geschossen, sprengen Krater in Dein Selbst, 
zerkratzen Deinen Lack, zerfetzen den Moment, zerdeppern Deine Schutzhülle wie Porzellan auf einem Polterabend. Unablässig, ohne auch nur den Hauch einer Pause. Und Du sitzt da, erschlafft, kraftlos, grummelnd und hoffst, irgendwer möge dem infernalischen Lärm doch mal ein P vorsetzen. Warum ist nie eine Panzerfaust zur Hand, wenn man mal eine gebrauchen könnte? Die Kreuzung einfach in Schutt und Asche legen. Unpassierbar machen für Tage, vielleicht Monate. Aber dann wäre die Polizei nicht erfreut, und der Stress würde auch nur eine andere Richtung nehmen. Und dann würden sie wieder die Nacht durch unter Deinem Fenster teeren, und die Straßenwalzen würden dröhnen. Gewonnen wäre damit nichtmal Bohnenstroh. Du kapitulierst. Schlafen! Schlafen! Schlafen! Dein Körper schreit nach Hilfe.

Legst Dich hin, doch Deine Nervendrähte britzeln trotz bleichfahler Erschöpfung. Mindestens zwei Pötte Kaffee zuviel am Morgen. Alles in Dir vibriert, Du möchtest um Dich schlagen, irgendwen abmurksen, auf dass die Zeit endlich still stünde und Du Deine Ruhe fändest. Wenigstens für kurze Momente. Dich abschotten, das könnte es sein. Du stopfst Dir Ohropax in die Gehörgänge. Doch auch der leise Druck und das Schaumstoffblasenknirschen, das Kitzeln, während sich die Stöpsel, erst zusammengedrückt, nun wieder ausdehnen, halb in die Gehörmuschel zurückrutschen, macht Dich fast wahnsinnig. Du richtest Dich wieder auf. Niemand außer Dir ist schuld, aber die Schuldfrage bringt auch nicht weiter. Raus! Bloß raus! Letzter Notanker: Das Grüne.

Halb benommen taumelst Du das Treppenhaus hinab, schnappst Dir Deinen Drahtesel und rollst los. An Dir vorbei brüllt noch immer der Verkehr. Rechts runter, in Richtung Kanal. Am Kanal ist es doch ruhig. Du fährst ein, zwei Kilometer über den staubgrauen Kiesweg. Binnenfrachter tuckern an Dir vorbei. Wellen schwappen an die rostigen Stahlspundwände. Du setzt Dich auf eine Bank, versuchst inne zu halten. Doch alle paar Sekunden kreuzen Radler und Jogger. Manche heizen wild durch die Pfütze vor der Bank, fast wirst Du von den Matschspritzern getroffen. Und ein paar hundert Meter weiter brausen noch immer Autos über eine Brücke. Ist doch kein Zustand das, gibt es denn nirgends Ruhe? Wieder auf's Rad. Weiter. Fort. Nur fort! Du biegst über einen schlängeligen Holpferpfad nach rechts ab. Auf den Prozessionsweg. Der führt hinaus aus der Stadt, das weißt Du.

Auf völlig wirren Pfaden taumelst Du voran, überquerst die Brücke der Stadtautobahn, unter Dir lachen Dir krähende Fratzen aus den Kühlerhauben entgegen. Weiter! Weiter! Am Wegrand taucht ein Supermarkt auf. Du schnellst hinein, schnappst Dir eine Tüte Lakritzheringe (gerade im Sonderangebot) und ein Kaltgetränk. Schnell weiter. Schon ruhiger hier, aber auch hier macht der Verkehr nicht halt. Weiter, weiter! Über eine schmale Seitenstraße, unter Akazien hinfort, durch eine gemauerte Bahnunterführung. Links ist ein Tennisplatz. Publikum applaudiert. Ich schnelle vorwärts. Hier wird es endlich ruhiger.

Ein Lokal schält sich zwischen Baumkronen hervor. Die Pleistermühle. Schirmbemützte Ausflügler spielen im Garten Minigolf. Und dann, rechts davon, ein Wald. Ein winziger Weg schlängelt sich unter Buchen voran. Du kurvst zwischen uralten Stämmen hindurch, entschleunigst langsam. Mild rascheln die Blätter in den Kronen, nicht höhnisch, hauchzart, als wollten sie Deine Seele streicheln. Da vorne ist eine grob behauene Holzbank. Du bremst, setzt Dich hin. Versinkst mit dem Blick in den geruhsam wogenden Fluten der Werse, die den Wald durchfließt. Plötzlich fällt alles von Dir ab.

Eine Entenfamilie, vierzehnschnäblig, scharwenzelt am gegenüber liegenden Ufer entlang. Ein einsames Blesshuhn schippert vorbei, taucht kurz ab. Minutenlang, wie in Trance, sitzt Du da. Eingetaucht in den Moment, jenseits von Gedanken, alles strömt ein, doch es ist ein ruhiger Strudel. Ganz allmählich findest Du zurück zu Dir. Du klaubst ein Buch aus dem Rucksack, beginnst die erste Geschichte zu lesen. Es ist "Die Frau des Weisen" von Arthur Schnitzler. Oh wie die ruhige, gemessene Sprache, das sanfte Vorwärtsschnurren der Sätze Dich umfängt. Deine glühenden Nervendrähte erkalten langsam.

Belaubte Buchenzweige wiegen sich im linden Wind, der auch Deine Nasenspitze zart umspielt.Und Du merkst, wie Du Dich verwandelst. Plötzlich zerrieselt Dein Groll, die harten Knoten lösen sich, alles Verbissene weicht, die geschundene Seele atmet auf, fast erfrischend prickeln ein paar Regentropfen, die sich den Weg durchs verzweigte Kronendickicht über Dir gebahnt haben. Nichts stört mehr. Niemand kommt vorbei. Kein Dröhnen, kein Sirren, kein bollernder Verkehr. Nur Du, der Wald und der Fluss. Und endlich findest Du den Frieden, nachdem Du Dich gesehnt hast.

Dies ist meine Antwort auf das von Frau Zoee vor einiger Zeit gewünschte Selbstgespräch-Stöckchen.

21 Wortmeldung(en):

Blogger Frau H. meint...

Klingt nach einem Selbstgespräch mit Happy End! Ich persönlich spreche ja auch immer mit mir selbst, besonders bei der Arbeit, aber manchmal auch im Supermarkt. Ich finde das ungemein Konzentrationsfördernd. Und irgendeine kleine Macke braucht ja jeder....

Wow: Wortbestätigung: "pucht" Wer hat denn an dem Buchstabensalat gedreht?

20/8/07 17:22

 
Anonymous Waldtier meint...

Klingt wie meine schlimmsten Wohnheimzeiten...

20/8/07 19:14

 
Blogger Lars meint...

Na ja, soclhe Tage gibt's, leider nur zu oft.

Gut geschrieben Ole.

20/8/07 19:52

 
Blogger frech'n'nett meint...

wundervoll.

21/8/07 09:03

 
Anonymous Burnster meint...

Du musst aufhören, die Medikamente, die du ausfährst, selbst zu nehmen:)

Doofer Witz aber schöner Text!
Dein Burnstl

21/8/07 14:05

 
Anonymous sillerbetrachter meint...

Die mal etwas andere Anleitung zum Glücklichsein. :)

21/8/07 16:29

 
Anonymous Uli meint...

Hallöle, ist meine Mail angekommen?

22/8/07 12:24

 
Blogger Ich bin erkaeltet meint...

So redest du mit dir selbst? Wow.

22/8/07 22:03

 
Blogger Oles wirre Welt meint...

@frau h: Es war knapp, aber: ja. Und sich selbst ein guter Gesprächspartner zu sein, erhellt vor allem jene Momente, in denen andere Menschen für gute Unterhaltungen fehlen. Was den Buchstabensalat betrifft - ich werde den maître de cuisine eingehend befragen, wer da was am und im Salat gedreht hat.

23/8/07 13:22

 
Blogger Oles wirre Welt meint...

@waldtier: Mindestens.

23/8/07 13:33

 
Blogger Oles wirre Welt meint...

@lars: Allzu oft kommen sie bei mir nicht vor, Lars, aber ich wünschte, sie tauchten noch weit seltener auf. :)

23/8/07 13:33

 
Blogger Oles wirre Welt meint...

@frech'n'nett: Freut mich.

23/8/07 13:34

 
Blogger Oles wirre Welt meint...

@burns: Ich selbst möchte lieber nicht wissen, wie die Texte von mir aussähen, wenn ich die herumkutschierten Medikamente selber nähme. Entweder wiche jegliche mentale Krankheit und sie würden womöglich unglaublich langweilig, oder aber sie würden... ich mag gar nicht dran denken. Letzte Woche waren auch Salzsäureflaschen an Bord. Der durstige Konsum derer hätte diese Seite und vor allem den Kopf dahinter wohl auf ewig aufgelöst.

23/8/07 13:36

 
Blogger Oles wirre Welt meint...

@sillerin: Welch Ehre, eine Alternative zu Watzlawick sein zu dürfen. ;)

23/8/07 13:36

 
Blogger Oles wirre Welt meint...

@uli: Jepp!

23/8/07 13:40

 
Blogger Oles wirre Welt meint...

@ich bin erkältet: Nur in seltenen Fällen und Extremsituationen, und auch dann nur manchmal. Aber immerhin. ;)

23/8/07 13:41

 
Anonymous Opa meint...

Schade, dass das ein Stöckchen war.

26/8/07 23:19

 
Blogger Oles wirre Welt meint...

Hat das denn senkenden Einfluss auf die Wertschätzung des Textes selber? Wär schade.

26/8/07 23:40

 
Anonymous Opa meint...

Nein natürlich nicht. Aber es kommt vor, dass ich solche Sachen gar nicht lese. Oder viel später, wie du siehst.

27/8/07 01:24

 
Blogger Etosha meint...

Oh, wie gut ich das nachempfinden kann, wenn die Nerven blankliegen und schon das Schnurpseln eines Bleistiftes im Spitzer dich in den Wahnsinn treibt. Und es ist schon ganz bemerkenswert, wie weit ich in einem ähnlich gelagerten Notfall, selbst hier am Land, fahren musste, um wirkliche Ruhe zu finden.

28/8/07 09:52

 
Blogger Etosha meint...

PS: Das ist ein außergewöhnlich schönes Stück Text!

28/8/07 09:53

 

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