Donnerstag, Juni 22, 2006

Mit dem Fass den Boden und die Drogen ausschlagen

Nie verkehrt ist, aufzupassen, was Du von Dir gibst. Denn manchmal blubberst Du unbedacht vor Dich hin. Zum Nachdenken ergibt sich just keine Gelegenheit, der Klumpatsch flutscht von der Zunge und schwupps krampfen sich die Mienen derer, die es mitbekommen, zusammen, als hätten sie versehentlich in eine unreife Grapefruit gebissen und dann pressen sie ihre Lippen so schmal und fest aufeinander, als wollten sie damit Walnüsse knacken. Kundige Menschen mögen beurteilen, inwieweit die Gefahr besteht, dass Du Dir die Füße im Napf fettig trittst, wenn Du sagst: „Menschen, die ihre Verstrickung in sündige Laster nur durch agonische Krampfkämpfen haben kappen können, sind im Anschluss oft die knallhärtesten aller Streiter gegen das ungesunde Übel.“

Umso zerbrechlicher wird das argumentative Eis, wenn DuMenschen, die Du kaum kennst, Verstrickungen in Geschichten zuschreibst, ja gar andichtest, auf die Du allein wegen äußerer Merkmale und beobachteter Verhaltensweisen schließt. Hier kannst Du Dir flott kalte Füße holen. Oder gar eine Watschn fangen. Zumal wenn Du nicht mal den blassesten Dunst hast, ob Dich der Bollerwagen Deiner Fantasie hier nicht auf einen besonders schlammigen Pfad hat schliddern lassen. Doch der Stefan, da bist Du Dir sicher, der war früher Junkie.

So radikal, wie der heute gegen Drogen bollert. Kämpft heimlich gegen die Begierden seines Körpers, die er sich nicht mehr eingestehen kann. Zurecht. Klaro. Verliert aber die Distanz und das rechte Maß. Mit seinen regenbogenfarbenen Schlabberpullis, auf denen gebatikte, windschiefe Kreise wie betrunkene Ufos oder zertrampelte Kornkreise prangten, mit seinem langen strohigen Bartgestrüpp, das fast noch als Intimvorhang taugen konnte und seinen stumpenbratwurstigen Lippen – stumpf, trocken, zwei Finger dick. Der Stefan, der sich immer Kordeln ins blonde Zottelhaar flocht. Und roch immer so ein wenig nach Patschuli. Wie er damals vor Euch stand.

Er, der Mittdreißiger mit dem trüben Blick und der spargeldünnen Stimme. Wie er sich vorstellte, er, der Drogenberater von der Drogenberatungsstelle. Der Stefan. Wie er so vor Eurer Klasse lavierte. Ihr damals grad vierzehn Jahre alt. Wie er mit den Händen fuchteln konnte und quieken und keifen, wenn es um Drogen ging. Und sich die Pranken an seiner spinatgrünen Hose abwischte, wenn er geniest hatte. Der Stefan. Wie er Euch damals vorkrähte, dass auch Cola und Fernsehen und Sport Drogen sind, die man meiden muss. Nicht nur Hasch, Koks, Speed, LSD, Heroin, Kippen und Alk. Er sagte immer Alk. Ihr könnt von allem abhängig werden. Ihr müsst Euch widersetzen! Wie seine Augen besessen zuckten, als tobe ein Hurliburli in ihm, und wie seine Blicke Gift spritzten, wenn er wüst über Abhängigkeit schimpfte. Dass Abhängigkeit gefährlich ist, grässliche Folgen im Schlepptau hat und Ihr tunlichst weite Bogen darum schlagen solltet, das habt Ihr eingesehen. Das stimmte ja auch. Dass man jetzt aber keinen Sport mehr treiben, nicht mehr fernsehen und keine Cola mehr trinken sollte, da machte er ein Fass auf, aus dem ihm stirnkräuselndes Unverständnis entgegenmüffelte. Und wie ihr gerade deshalb nach der Stunde sein Konterfei mit Kreide an die Tafel gekritzelt habt und das Gekrickel mit Turnschuhen beworfen habt. Gleich danach war ja Sport. Und nach dem Sport habt Ihr Cola getrunken und nachmittags ferngesehen, vor den Hausaufgaben.

Doch noch heute bist Du Dir sicher: Der hatte was mit Drogen.

Wie er Euch damals eingebleut hat: Nur Kreativität hilft gegen die Sehnsucht, dem Alltag durch die Dröhnung zu entrinnen. Und dann musstet ihr Eure Gesichter mit grässlichen Malfarben verunstalten und mit matschbunt beschmierten Gesichtern durch die Stadt tingeln, und Euch vor aller Welt lächerlich machen, weil der Stefan ja meinte, man beweist Selbstbewusstsein dadurch. Und man kommt von Gedanken an Drogen ab. Und dabei hättet ihr nichts lieber als Drogen gehabt, um diesen Höllengang durch die Fuzo, wie ihr die Fußgängerzone genannt habt, wenigstens ein bisschen ertragen zu können. Und dann war er plötzlich weg, der Stefan. Und vorgestern hast Du eine Visitenkarte mit seinem Antlitz gefunden. Er ist nach Nordhorn gezogen und leitet jetzt die Selbsthilfegruppe für männliche Gewaltopfer. „Hauen tut weh“ hat er sie genannt. Sehr prägnant. Was hast Du gelacht. Und Dich lustig gemacht. Und dann kam er plötzlich durch die Tür. Mit seinem Bartgestrüpp und dem schlabbrigen Regenbogenbatikpulli. Vielleicht auf Heimatbesuch. Wie es der Zufall so will. Und plötzlich warst Du Dir mit all Deinen Urteilen gar nicht mehr so sicher. Dabei standen sie doch eigentlich schon fest.

18 Wortmeldung(en):

Blogger Oles wirre Welt meint...

Indianer kaufen auch nur selten cheeseburger für nichtmal 50 Cent bei Dingslöffel. Zurecht.

22/6/06 13:31

 
Anonymous Anonym meint...

Das erscheint mir tollst geschliffen und dennoch schleifst du mich damit in die Verwirrung, mein junger Freund.

Kannst du eigentlich was gegen das Werbefenster bei den Kommentaren unternehmen oder ist das die Katze im Sack?

22/6/06 15:42

 
Anonymous Anonym meint...

Ja, schwierig, sich nicht über Sozialarbeitertypen lustig zu machen, viele scheinen wirklich alle Klischees erfüllen zu wollen. Guter Text.


@burnster: Firefox mit Adblock-Plugin hülfe.

22/6/06 15:53

 
Blogger eins60 meint...

„hauen tut weh" - klingt nach wirklich toller lebenshilfe. würde ich selbst als betroffene nicht für 10 euro hingehen.

22/6/06 18:10

 
Blogger eins60 meint...

„hauen tut weh" - klingt nach wirklich toller lebenshilfe. würde ich selbst als betroffene nicht für 10 euro hingehen.

22/6/06 18:10

 
Blogger eins60 meint...

oh, ich habe gar nicht doppelt geklickt.

ach und übrigens: schöner text. mir kamen sofort bilder aus der schulzeit und einigen schrägen gestalten wieder hoch.

22/6/06 18:10

 
Blogger nora meint...

..und irgendwie ist man sich doch trotzdem sicher, dass der Stefan früher ein Junkie war.
Oder dass der Stefan eine ganz arme, einsame, impulsive Sau ist, die ihre aufgestauten Aggressionen ungewöhnlicherweise auf die Drogenszene konzentriert.

22/6/06 22:06

 
Blogger mq meint...

Messerscharf formuliert: Nur Kreativität hilft gegen die Sehnsucht, dem Alltag durch die Dröhnung zu entrinnen.

22/6/06 22:28

 
Anonymous Anonym meint...

ich schliesse mich dem lob einiger meiner vorkommentatoren an: jeder satz ein juwel und genau der, den herr quint zitiert, der hat mich auch beeindruckt. ich druck mir das posting mal aus: ole to go.

22/6/06 22:46

 
Anonymous Anonym meint...

Und der Stefan, der hat früher selber bestimmt ganz viel Haue gekriegt, die tut immer noch weh!

Gerade heute abend habe ich die Irre, über die sich der komplette Freundeskreis lustig macht, getroffen und mich überrascht und beschämt angenehm unterhalten.
Da passt Dein Text wie die Haue aufs Auge.

23/6/06 02:12

 
Blogger Oles wirre Welt meint...

@burnster: Wenn ich nur wüsste... von mir aus wird hier keinerlei Werbung absichtlich aktiviert und geschaltet.

23/6/06 13:30

 
Blogger Oles wirre Welt meint...

...und was die Verwirrung betrifft: Wenn ich zur Entwirrung beistehen kann, sag mir wie. :)

23/6/06 13:36

 
Blogger Oles wirre Welt meint...

@turnschuhmädel: Das weiß vielleicht der Kuckuck. Den habe ich noch nicht gefragt. Keine Ahnung. :)

23/6/06 13:58

 
Blogger Oles wirre Welt meint...

@bitts: statt kaffee? :)

23/6/06 14:00

 
Blogger Oles wirre Welt meint...

@eins60: Wenn ich sie bekäme, vielleicht. :)

23/6/06 14:05

 
Blogger Oles wirre Welt meint...

@nachtschwester: das steht zu befürchten. und dagegen nahm er irgendwann drogen...

23/6/06 14:07

 
Blogger jana meint...

großartig formuliert, sehr schöne wortspiele. sehr beeidnruckend und wertvoll! thx!

25/6/06 14:18

 
Anonymous Anonym meint...

Viererlei:

1. Selten nur spricht jemand über Dinge von denen er gar nichts versteht.

2. Was wäre das Leben ohne Betäubung.

3. Was wären Menschen, wenn sie sich nicht von einander abhängig machen würden.

4. Wenn der mal was von bloggen verstanden hätte...

26/6/06 23:35

 

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