Donnerstag, April 20, 2006

Wutbrand in der Einöde

Stoßweise vibriert der Boden. Kurze Zeit wälzt sich ein massiger Koloss von den Augenwinkeln her ins Sichtfeld. Er schnauft, quetscht sich ohne zu fragen in die Sitzbank gegenüber und wirbelt eine Wolke von abgestandenem Qualm mit sich. Die Federn quietschen entsetzt, Szoltan erschrickt. Schrotkugelschwarze Pupillen mustern ihn aus zusammengekniffenen Sehschlitzen über einem dichten Gewirr von Oberlippenborsten, das eine blassgraue Nasenknolle umstrüppt. Szoltan versucht, dem bohrenden Blick auszuweichen und versenkt sich bemüht tief in seine Lektüre – Nootebooms „Philip und die anderen“. Doch das zerfledderte Büchlein ist zu klein. Das gegnerische Starren durchschneidet das Papier, dann zerbricht der tonnenschwere Bass seines Gegenübers das monotone Rattern der Waggonräder auf den Schienen.

Zunächst röcheln die Bronchien, dann rasseln Schleimbrocken den Hals hinauf. Räuspern. Runterschlucken. Der Adamsapfel zuckt kurz nach vorn. Die Zunge umschleckt die Lippen, ehe er brummelt: „Kennen Sie das, junger Mann, dass man sich von der Deutschen Bahn vergackeiert fühlt?“ Szoltan hebt zu einem verlegenen, stummen Nicken an, doch sein schüchtern gemurmeltes „Ja“ geht im brodelnden Wortschwall unter, den ihm sein Gegenüber entgegenblubbert.

„Ist das denn die Possibility? Da bin ich schon mal in Deutschland und bin sogar bereit der Deutschen Bahn meine wertvollen Kröten in den Rachen zu werfen und dann so was. Will ich eine Fahrkarte am Automaten ziehen, sagt der erste Automat in der Bahnhofshalle, er sei kaputt. Stürze ich aufs Gleis zum zweiten Automaten, drücke mich durch abertausend Menüpunkte und am Ende weigert das Kackvieh sich, meine EC-Karte zu akzeptieren. Dreimal!

(sein Schnurrbart zittert)

Renne ich also vom Gleis zurück nach innen zum Barbezahl-Automaten, will das Ticket lösen und was ist? Er schluckt meine Scheine nicht. Frage ich freundlich bei der Bäckerei in der Halle, ob die mir aus Scheingeld Kleingeld machen würden – und? Es tut uns sehr Leid, werter Herr, aber das Problem gibt es scheinbar schon den ganzen Tag. Und wir haben leider auch nur ein begrenztes Kleingeldkontingent. Wenn Sie sich vielleicht doch zuerst an den Schalter der Bahn gegenüber wenden mögen. Da ist selbstverständlich eine meterlange Schlange… ccchhhk…

(er zieht Schleim hoch)

…und als ich dann endlich an der Reihe bin, sitzt vor mir am Schalter diese kleine Hippe mit schlecht gelaunten Mundwinkeln, die so weit herunter hängen, dass man ihre Lefzen auch als Staubwischer benutzen könnte. Ich will also eine Fahrkarte kaufen und sie schüttelt den Kopf.

(er wechselt zwischen Basslage und schrillem Krähen)

Neinnein, wir verkaufen nur Karten für den Fernverkehr…. Wie, Fernverkehr? frage ich. Ich fahre eine Strecke von über 200 Kilometern! Muss ich bis nach Timbuktu tuckern, nur damit ich bei Ihnen ne Karte kaufen kann? Ich darf Ihnen diese Karte nicht verkaufen. Sie müssen mindestens 250 Kilometer weit fahren und Ihre Fahrstrecke liegt, wenn auch knapp, darunter.

(seine Schrotkugelaugen schießen kochendes Schwarz um sich)

Nu hör mal zu, Täubchen, brülle ich sie an, dann wechsel’ mir wenigstens mein Kleingeld, denn der eine Automat von Euch ist kaputt, der zweite will meine Karte nicht, der dritte nimmt keine Scheine und ich habe nicht genügend Kleingeld bei mir, um die Fahrt damit zu bezahlen, Du willst mir keinen… Wer gibt Ihnen das Recht mich zu duzen?, quiekt sie mich an… Ich nehme es mir einfach, brülle ich zurück.

(und er brüllt auch, während er die Geschichte ungefragt berichtet. Szoltan unternimmt gequälte Versuche, aus dem Fenster zu blicken. Andere Passagiere linsen schräg hinüber zur bebenden Erscheinung in der abgewetzten Jacke über dem ausgewaschenen blasstürkisen Strickpulli und schütteln stumm den Kopf)

Da hamm wir sie ja wieder, die Servicewüste Deutschland, habe ich ihr an den Kopf geknallt. In Amerika, wo ich seit Jahren wohne, würden sie achtkantig mit derbem Arschtritt gefeuert. Und jetzt, Lady, schieben Sie die Fahrkarte rüber, sonst ist hier Achterbahn! Ich werde mit Sicherheit nicht riskieren, die Gefahr auf mich zu nehmen, nur wegen Ihrer sturen Bockigkeit für Schwarzfahren blechen zu müssen oder auch nur Aufschlag zu zahlen, in dem ich im Zug löse. Es ist eine Frechheit, wie Sie sich aufführen. Es kann ja mit der Deutschen Bahn nur in den Keller gehen, wenn man fast zwanzig Minuten braucht und auch noch ein bis zwei Morde begehen muss, nur damit man eine Fahrkarte bekommt!

(er richtet sich auf, beugt sich weit zurück, verschränkt die ausgestreckten Arme. Die Finger knacken, als er sie spreizt. Szoltan versinkt tiefer in seinem Sitz)

Das lasse ich nicht mit mir machen, so wahr ich Richard P. heiße! Und guck, plötzlich gings. Die kleine hat gezittert, ihr Gesicht verzogen als hätte sie Batteriesäure geschluckt und mir dann den Fahrschein rübergeschoben. Na endlich. Wäre ich nicht eine halbe Stunde vor Abfahrt dagewesen, ich hätte meinen Flieger verpasst!“

Er, der Richard P. heißt und scheinbar inzwischen in Amerika wohnt, nickt sich und Szoltan selbstzufrieden zu, schnäuzt sich mit Zeigefinger und Daumen [in Ermangelung eines Taschentuchs?] und wischt den Handrücken an seiner speckigen, erdnussfarbenen Cordhose ab. Danach schiebt er seine Schirmmütze aus der Stirn weit auf den Schädel und krault sich das dünne, strähnig verklebte, graue Deckhaar, in das der Schweißriemen der Mütze einen tiefen Rand gedrückt hat. Sein Blick bleibt erwartungsvoll auf Szoltan geheftet, der sich ein größeres Buch zum Dahinterverstecken wünscht und verlegen zur Decke starrt. Ihm war, als hätte Richard P. noch eine Menge mehr mitzuteilen.

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22 Wortmeldung(en):

Blogger http://www.donnavivace.de meint...

Drum heißt doch MäähDorns neuer Werbespot: Wer will einen Reise tun, der kann was erleben. ;-)

20/4/06 10:49

 
Blogger Oles wirre Welt meint...

Hat der Noch-Chef der Deutschen Bahn Huftierverwandtschaft?

20/4/06 10:53

 
Blogger http://www.donnavivace.de meint...

ne, aber ganz offensichtlich hat er einstein vertraut, der einst sagte: um (freiweilliges) mitglied einer ( bahnfahrenden ) schafherde zu werden, musst du in erster linie eins sein: EIN SCHAF ;-)
schönen tach auch, ne :-)

20/4/06 11:55

 
Blogger Oles wirre Welt meint...

Schafe, Schafe, Häusle baue...

20/4/06 11:56

 
Anonymous rulla meint...

und net nach de rädle schaue

20/4/06 17:11

 
Anonymous c17h19no3 meint...

schon mal dran gedacht, diätassistent zu werden? erst der schwabbel-tipp und dann diese geschichte, die mir jetzt eine mahlzeit erspart... ;)

20/4/06 18:04

 
Blogger kein einzelfall meint...

Vielleicht ist die alte Tante Bahn gewiefter, als man so denken möchte? Jedenfalls nicht unschlau, einem Amerikaner mit EC-Karte keine Fahrkarte zu verkaufen. Am erpresserischen Ende hat er vermutlich mit einem 1000Euro-Schein bezahlt.

20/4/06 19:22

 
Anonymous burnster meint...

Schön, mein Gutester!

Aber sagen Leute das wirklich: "...sonst ist hier Achterbahn."?

Das find ich adaptierenswert.

20/4/06 20:31

 
Anonymous Michael meint...

Woher weisst Du, das ich im wahren Leben Richard P. heisse? zieht Schleim hoch

20/4/06 22:52

 
Anonymous waschsalon meint...

BAAAAAHNSINN!

21/4/06 15:11

 
Anonymous bittersweet choc meint...

hilfe, dieses blogger.com-ding war heute aber lange zeit megadown. endlich kann ich hier was reinschreiben:

ich finde, du solltest mehdorn et al. diese geschichte (und hoffentlich noch viele mehr) für das langweilige bahn-kunden-magazin anbieten :) mit solchen geschichten müsstest du gut geld machen können. und das ramponierte image der bahn wäre damit auch etwas repariert!

21/4/06 17:24

 
Anonymous Rabe meint...

Das ist bestimmt eine der schönsten Bahngeschichten. Da kann ich mich Bittersweet Choc nur anschließen: Unbedingt Herrn Mehdorn zur Unterhaltung seiner zahlenden Kundschaft anbieten!

21/4/06 23:54

 
Blogger samoafex meint...

"Umstrüppen" ist für mich das Wort der Woche.

Sehr schön geschrieben, Kompliment.

22/4/06 12:09

 
Anonymous dolce vita meint...

"sein Schnurrbart zittert"
Ach Ole!

22/4/06 14:26

 
Blogger Oles wirre Welt meint...

Blogger.com ist doch ein Wurstverein! Schon wieder scheine ich, wie schon Freitag, nichts reinstellen zu können! Grrrr.

24/4/06 12:07

 
Blogger Oles wirre Welt meint...

@bsc: Ich kann's ja mal in Angriff nehmen (erzähle mir irgendwer nebenbei aber, woran die Reinstellung neuer Posts momentan scheitert *grummel*) :)

24/4/06 14:21

 
Blogger Oles wirre Welt meint...

@samoafex: Merci bien!

24/4/06 14:21

 
Blogger Oles wirre Welt meint...

@burns: Spätestens seit "Werner - Beinhart" ist "denn is hier Achterbohn" vor allem in den nördlicheren Gefilden schon sowas wie ein geflügeltes Wort geworden. :)

24/4/06 14:34

 
Blogger Oles wirre Welt meint...

Ich finde wirklich, dass seit Donnerstag eine Menge Zeit gewesen ist, etwaige technische Probleme nicht durch andere Probleme sondern durch Lösungen zu ersetzen. Das wäre jedenfalls erfreulich. Derzeit merkt man davon leider noch nichts. Ärgerlich.

24/4/06 14:46

 
Anonymous ichbinerkaeltet meint...

Du schaffst es immer wieder, eklige Menschen mit ekligen Macken ganz großartig zu schreiben, dass ich es mir immer wieder gerne durchlese. Auch wenn mir noch ab und zu eine Gänsehaut über den Rücken jagt, weil es so lebensnah beschrieben ist...

24/4/06 20:54

 
Anonymous Opaedi meint...

Wenn wir schon bei der Technik sind, dann bitte doch mal jemanden, dei RSS zu aktivieren, ich krieg die Hälfte viel zu spät oder gar nicht mit.

25/4/06 16:06

 
Blogger Oles wirre Welt meint...

Das Ding ist, soweit ich weiß, aktiviert. Keine Ahnung. Ansonsten hilft in solchen Fällen regelmäßiger Besuch. :)

25/4/06 16:11

 

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