Montag, August 13, 2007

An Bord mit Özul (II)

Draußen sausen schäbbige Hausfronten der Düsseldorfer Südstadt an den Fenstern vorbei, drinnen zupft Özul gelangweilt am Goldkettchen und lässt dann kurzzeitig seine Nummernschilder los, um sich im Schritt zu kratzen. Klappernd fallen Sie seinem Gegenüber auf die Füße. Der zischt unter seinem Schnurrbart durch:

"Mann, kannst Du nicht aufpassen?"
"Boah, ey das war keine Absischt, klar? Ey, weißt Du, Du kennst das doch, wenns juckt, dann..."


Er bricht ab. In den Untiefen seiner Lederjacke beginnt es zu schnurren und rappeln. Das Handy klingelt. Hektisch durchgrabbelt er seine Innentaschen, zunächst erfolglos. Dann endlich. Er rupft sein vibrierendes Mobiltelefon aus irgendeinem Jackenwinkel, blickt kurz auf das Display und kräht quer durch den Waggon:

"Ey Alta! Mehmet, Mann. Was geht ab? ... Alles roger in Kambodscha?... Was? Wie? Nee, isch kann nicht schnell vorbeikommen, Mann! Isch sitz im Zug. Koblenz. Neue, geile Karre abholen... Und hier war gerade ne Perle... Wie? Was soll das heißen, Du hast jetzt keine Zeit, Dir was über geile Chicks anzuhören? Ey, Bruder, das war ein todgeiles Gerät!... Hä? Wieso sitzen wir metertief in der Scheiße?"

Der solarienknusprige Teint von Özul erblasst um die Nase. Er schluckt. Fummelt nervös mit den Fingern am linken Ohrring.

"Wie Du hast Post gekriegt? Anzeige?... Und isch auch? Wegen Körperverletzung? Aber wir haben doch gar nix... watt? Die kleinen Pisser im MAXX, die uns angepöbelt haben, als wir die Perlen klar gemacht haben? Und die haben uns wirklisch?... Ey, woher wissen die, wie wir heißen?... Was? Echt? Scheiße, Mann! Ey, ne Anzeige kann isch gerade gar nisch gebrauchen. Fuck!... Äh... Alter, isch regel das. Mach Dir keine Sorgen, Bruder. Özul kriegt das alles hin. Peace!"

Wie eingefroren sitzt er Momente lang da. Schockerstarrt. Dann schreit er "Verdammte Kacke!", ehe er sich an den gegenüber sitzenden Schnurrbart wendet: "Weißt Du, Mann? Isch bin Checker. Und jetzt werd' isch mal zeigen, was für krasser Checker isch bin."

Der Schnurrbart zuckt mit den Schultern. Özul tippt hektisch eine Nummer in seine Tasten. Hält sich das Gerät ans Ohr.

"Hallo? Auskunft? Ja! Ich hier. ... Wer? Özul! Ö-Z-U-L!... Ja, Mann... Ey, brauch isch Auskunft von Dir. Sag mir mal die Nummer von Staatsanwaltschaft Hamburg... Was? Staatsanwaltschaft, Mann. Was sonst?... Ja, keine Ahnung. Irgendeine halt.... Moment..."

Er zückt einen Kugelschreiber und notiert sich eine Nummer auf der Rückseite seiner Zugfahrkarte. "Ey, danke Mann!", flötet er noch, dann legt er auf, hält kurz inne, kratzt sich am Kinnbart, grübelt, um prompt danach die just notierte Nummer anzurufen.

"Hallo?... Ja, ey, Staatsanwalt Meyer hier! Ey, isch brauch dringend ma' die Unterlagen wegen dieser Anzeige wegen Körperverletzung letzte Woche im MAXX. Isch muss da was wissen... Sag mal, was genau da drinsteht... Ey, was? Wie, wer hat mir erlaubt Disch zu duzen? Ey, wir sind doch Brüder, Mann!... Ey, wie, das geht nisch?... Wie Dienstbefugnis?... Was, Datengeheimnis?... Ey, Alter, bin isch Staatsanwalt oder was?... Wie? Ja, Staatsanwalt Meyer, Mann!... Wie, Staatsanwalt Meyer gibt es nisch?... Ey, klar! Ey, ruf isch Disch grad an? Telefonier isch grad mit Dir!... Wie, Staatsanwalt sagt nicht 'ey'?... Hallo? Hallo? Ey, was soll der Scheiß? Hallo?"

Özul knallt das Handy auf den Tisch vor sich. "Aufgelegt, der Wichser! Arschloch!" Dann schlägt er auf den Tisch und schreit "Fuck!". Prompt fallen seine Nummernschilder wieder um und dem gegenüber sitzenden Schnurrbart erneut auf die Füße. Der blickt mit aufeinander gepressten Lippen zur Decke.

Labels:

Donnerstag, März 15, 2007

An Bord mit Özul (I)

„Ey, so wahr ich Özul heiße, ich bin zwar auf die Sonderschule gegangen. Aber nicht, weil ich so dumm war. Ich war viel zu schlau für die. Aber da liefen einfach die besseren Perlen rum. Die wussten schon mit dreizehn, wie man’s richtig macht. Und seitdem liegen mir die Frauen zu Füßen.“
„Wenn ich das richtig sehe, ist das Einzige, was Dir gerade zu Füßen liegt, ein Paar abgewetzter Nummernschilder für die Auto-Überführung.“
„Das sieht nur so aus. In Wirklichkeit liegst Du doch längst da und schmachtest mich an und wünschst Dir, mit mir zusammen auf die Zugtoilette zu gehen, um ne Nummer zu schieben.“
"Du bist vielleicht ein Traumtänzer."
"Ja ey, wirklich: Tanzen kann ich auch. Ich bin der absolute Obertänzer. Da wirst Du schwach, wenn Du das siehst."
"Mir wird eher schlecht bei der Vorstellung."

Özul lässt sich nicht beirren. Breitbeinig hat er sich in die Sitzgruppe des IC nach Köln gefläzt. Die Streifen seines silbrig glänzenden Anzugs nadeln. Kaffee und Kippen haben sein nie verebbendes Siegerlächen gilben lassen – doch dieser Umstand ficht ihn ebenso wenig an wie dass ihm der linke Eckzahn fehlt. Die Paschapomade klitscht sein Haar glanzvoll rückwärts, überzeugt striegelt er seinen Ayman-Gedächtnisbart.

„Ich bin von Geburt an Checker. Ich weiß doch, dass Du es willst.“
„Was ich nicht nur will, sondern auch muss, ist aussteigen. Und zwar am nächsten Bahnhof“, erwidert die blonde, solarienbraune Studentin, die Özul seit einer Viertelstunde umschwärmt und mit großer Schaufel angräbt. Sie rückt mit grimmigem Blick ihre Brille zurecht.

Die anderen Passagiere bemühen sich, unbeteiligt zu gucken. Einige starren aus dem Fenster. Eine graumelierte Großmutter löst Kreuzworträtsel. Eine dauergewellte Frau mit Rüschenbluse strickt. Der halbbeglatzte Schnurrbartträger, der Özul gegenüber sitzt, vertieft sich mit riesige Kopfhörern in Zeichentrickfilme, die er auf seinem Laptop sieht.

„Ey, dann gib mir wenigstens Deine Nummer. Dann ruf ich Dich an, wenn ich aus Koblenz zurück komme und steig' extra für Dich hier in Düsseldorf aus.“
„Erst ne Nummer schieben und jetzt meine Nummer haben wollen? Ich kenn Dich doch nicht mal!“
„Genau das sollten wir ja schleunigst ändern! Du bist so süß.“
„Hoffen wir für Dich, dass Du kein Diabetiker bist. Scherz beiseite: Spar Dir die Mühe, Özul, oder wie auch immer Du wirklich heißt.“
„Ey, Quatsch. Komm, in Wirklichkeit willst Du doch auch nur das Eine.“
„Genau. Aussteigen. Und Du selbst hast doch gesagt, wie leicht und scharf die Perlen an Deiner Sonderschule waren. Da findest Du doch sicher genügend williges Frischfleisch.“
"Aber da bin ich doch nicht mehr. Ich handel' jetzt mit Autos!"
"Vielleicht solltest Du dann über eine Rückkehr nachdenken?", flötet sie, zupft ihre Ledertasche aus der Gepäckablage und stöckelt gen Ausgang.
"Ey! Das kannst Du doch nicht machen! Keine Frau geht so mit Özul um!", brüllt er.
"Vielleicht wurde es ja mal Zeit?!", zischt sie zurück.

Die Großmutter hüstelt. Die Dauergewellte versteckt sich tiefer hinter ihrem Strickzeug, strickt schneller und lässt hastig zwei Maschen fallen, während sie ihren Blick steif auf den Boden haftet. Der Schnurrbärtige blickt kurz auf, zuckt mit den Schultern und widmet sich weiter seinen Zeichentrickfilmen. Als die Blonde ausgestiegen ist, zeigt ihr Özul (unter dem Tisch, so dass es kaum einer sieht) den Mittelfinger und zischt "Schlampe".

Fortsetzung folgt

Labels:

Donnerstag, März 08, 2007

Unweit vom Dümmer

Geschwungene Kringel auf Fliesen, aus Ton gebrannt, reihen sich wie eine Backsteinbordüre oder ein Gürtel, wie Perlen auf der Schnur um das ziegelrote Hauptgebäude. Doch fast niemand schert sich je darum. Im Obergeschoss sind die Gardinen vergilbt. Im Eingangsbereich langweilt sich ein Passbilderautomat. Selbst dem Zigarettenautomaten neben ihm hat er schon lange nichts mehr zu sagen. Der Wind weht, ohne sonderliches Interesse zu zeigen, dann und wann in linden Böen über den Dachfirst, greift einer umherliegenden Plastiktüte unter den Rock, wirbelt sie herum, doch gibt es bald auf. Das Publikum sieht nicht hin. Genau genommen gibt es nahezu keins. In den Briefkasten wurden heute Vormittag zwei Briefe und eine Postkarte geworfen - um fünf wird sie ein Postbeamter abholen. Vielleicht werden noch drei Postkarten hinzukommen. Vielleicht auch ein Geschäftsbrief. Noch ist nicht Feierabend, es ist gerade erst früher Nachmittag.

Die gittrigen Milchglasfenster der Treppe hinüber auf den anderen Steig sind von Dreck und Algen noch stumpfer geworden. Viele der Stahlnieten rosten. In einiger Entfernung glitzern kleine Regenwassertümpel, die sich auf den Stoppelfeldern gebildet haben. Schlackehaufen, die schon lange niemand mehr berührt hat, langweilen sich. Fahrräder warten auf ihre Fahrer. Stunden-, manchmal tagelang. Drei fette Schülerinnen in Bomberjacken sitzen auf der Bank und rauchen. Sonst ist niemand da außer mir. Auf den verwaschenen Betonfliesen klebt alter Kaugummi. Wohl schon seit Monaten. Vielleicht Jahren. Die dicken Drei beratschlagen, wer heute abend Korn mitbringt und wer Cola. Sie werden dann zu viert sein und daher von allem jeweils vier Flaschen brauchen. Und später ins "Empire" gehen. Und dass der Tobi jetzt ja mit der Vanessa. Und dass die sich ja sogar geküsst... und das, obwohl der doch so viele Pickel im Gesicht... igitt.

Die Dickste unter ihnen - mit Lefzen wie eine Bulldogge - zerrt eine aufgerissene Plastikpackung aus ihrem Rucksack. Drei trockene Wiener Würstchen krümmen sich noch darin. Zwei davon grapscht sie mit ihrer linken Hand, zieht noch einmal an der Kippe und stopft sie dann in ihren Mund (stereo). Erst jetzt sehe ich, dass sie eine Zahnspange trägt. Wahrscheinlich werden sich Wurstfetzen darin verheddern. Die anderen beiden rauchen weiter und sehen scheinbar die Schlackeberge an. Da sich dort nicht viel tut, blicken sie dann und wann woanders hin. Oder denken an den Korn und die Cola. Noch ist ungeklärt, wer was mitbringen wird. Die Sonne schiebt einige Wolkenberge beiseite. Das Gebüsch, das seine trockenen Finger durch den rostigen Maschendrahtzaun steckt, grünt noch nicht. Nichts regt sich auf den Gleisen. Und dann kommt er doch. Der Zug. Wie ein roter Wurm kriecht er um die Kurve. Und ich steige ein, damit er mich rausbringt aus der Einöde. Raus aus Diepholz im ländlichen Nichts, nördlich vom Teutoburger Wald. Die Mädchen bleiben sitzen in ihren Bomberjacken. Sie scheinen nirgendwohin fahren zu wollen. Sie rauchen, essen Wurst und organisieren, wer Korn und Cola besorgt. Vielleicht werden sie es auch in Stunden noch tun. Dann werde ich weit weg sein von hier.

Labels:

Dienstag, April 25, 2006

Schaffner gibt's

Es zischt. Schlagartig brüllt das Räderrattern umso lauter, hämmert mit metallischen Schlägen auf die Schläfen. Die Verbindungstür zwischen den Waggons hat sich geöffnet. Der Schaffner betritt das Abteil. „Zugestiegene, die Fahrkarten bitte.“ In der Sitzgruppe neben Szoltan und Richard P., der in Amerika zu leben vorgibt, sitzt ein Mittzwanziger mit schlaffen Mundwinkeln und gläsernem Blick. Den linken Arm winkelt er verkrampft an, die Finger teils übereinander geschoben. „Hallo! Können Sie mich verstehen!“, bölkt ihn der Schaffner an. „Ihre Fahrkarte! Na wird’s bald?“

Angestrengt zerrt der Beschimpfte seine Karte hervor. Einen Schwerstbehindertenausweis. „Tja, mein Lieber“, feixt der Schaffner, dessen Augen hämisch funkeln, „da werden wohl vierzig Euro wegen Schwarzfahrens fällig. Auf Deinem Ausweis hier (sobald er gemerkt hat, dass der Fahrgast behindert ist, fällt der Schaffner vom Sie ins Du) steht keine Fahrstrecke drauf. Damit ist der ungültig. Das macht vierzig Euro plus die Fahrtstrecke nach… wo willst Du hin?“ „Leverkusen.“ „Aha. Leverkusen. Wohnste neben der Bayer-Fabrik? Kähähähä. Haben Sie ne EC-Karte, hach nein, ich meine Bahn-Card. Naja, mit Deiner EC-Karte könnte ich mir einen umso schöneren Tag machen. Meine Frau wünscht sich noch ein Kleid, weißt Du? Das macht dann… 58,90 €. Zu zahlen sofort.“

„Aber mein Ausweis gilt doch für ganz Deutschland. Deswegen steht da nichts drauf“, entgegnet der inzwischen mehlbleiche (Type 405) Fahrgast mit dem Behindertenausweis.

„Papperlapapp. Wenn das bei allen so wäre, säßen unsere Züge ja bald nur noch voller Mongos. Geh zu Deiner Anstalt und sag denen, sie sollen Dir ne Strecke draufdrucken, dann darfste damit auch fahren. Meine Tochter sagt immer: ‚Unwissenheit schützt vor Strafe nicht.’ Und die studiert Jura. Das hier ist Strafgesetzbuch § 263, Erschleichung von Leistungen und Betrug. Ich würde an Deiner Stelle auch flott überweisen. Sonst sehen wir uns in Leverkusen vor Gericht. Du blutest umso heftiger und ich mach mir nen tollen Tag.“

Richard P. schnaubt, wiegt seinen bulligen Oberkörper, drückt sich mit den muskulösen Oberarmen hoch und schiebt seine massige Gestalt schnaufend in Richtung Schaffner. Er tippt im auf den Rücken; erschrocken fährt der fipsige kleine Bahnbeamte herum und kräht: "Sie, was wollen Sie? Ich bin beschäftigt."

Mit enorm bestimmter Seelenruhe brummt Richard, während er auf den zwei Köpfe kleineren Schaffner herabblickt "Ich wollte nicht mit Ihnen sprechen. Menschen wie Ihnen habe ich nicht viel zu sagen. Ich möchte nur meinem Mitfahrgast, den Sie hier aufs Übelste beleidigen und schikanieren, versichern, dass er auf mich und den Herrn mir gegenüber zählen kann als Zeugen in einer Verleumdungsklage, die er hoffentlich anstreben wird. Und ich werde ihm abraten, das Geld zu überweisen, was Sie ihm hier aus scheinbar purem Abscheu und eigennütziger Boshaftigkeit abknöpfen wollen. Mein Bruder ist ebenfalls schwerstbehindert, er hat ebenfalls einen entsprechenden Ausweis und wenn darauf keine Strecke gedruckt steht, bedeutet das, er darf im gesamten Bundesgebiet fahren." "Aber, aber. aber... nu hör'nse Mal...", fiepste der froschgrün angelaufene Schaffnerzwerg. "Mach Dich vom Acker und schäm Dich in Grund und Boden... und wehe, ich bekomme mit, wie Du noch mehr Leuten unschuldig und haarsträubend pingelig Geld aus der Tasche ziehst. Das widert mich an." Dann nahm Richard dem Schaffner die gerade ausgestellten Bußgeldbescheide aus der Hand, zerriss sie und wies ihm mit dem Finger den Weg durch den Gang in Richtung des nächsten Waggons. Der Schaffner zitterte, wollte zu einem Satz anheben und eilte dann zischelnd von dannen.

Labels:

Donnerstag, April 20, 2006

Wutbrand in der Einöde

Stoßweise vibriert der Boden. Kurze Zeit wälzt sich ein massiger Koloss von den Augenwinkeln her ins Sichtfeld. Er schnauft, quetscht sich ohne zu fragen in die Sitzbank gegenüber und wirbelt eine Wolke von abgestandenem Qualm mit sich. Die Federn quietschen entsetzt, Szoltan erschrickt. Schrotkugelschwarze Pupillen mustern ihn aus zusammengekniffenen Sehschlitzen über einem dichten Gewirr von Oberlippenborsten, das eine blassgraue Nasenknolle umstrüppt. Szoltan versucht, dem bohrenden Blick auszuweichen und versenkt sich bemüht tief in seine Lektüre – Nootebooms „Philip und die anderen“. Doch das zerfledderte Büchlein ist zu klein. Das gegnerische Starren durchschneidet das Papier, dann zerbricht der tonnenschwere Bass seines Gegenübers das monotone Rattern der Waggonräder auf den Schienen.

Zunächst röcheln die Bronchien, dann rasseln Schleimbrocken den Hals hinauf. Räuspern. Runterschlucken. Der Adamsapfel zuckt kurz nach vorn. Die Zunge umschleckt die Lippen, ehe er brummelt: „Kennen Sie das, junger Mann, dass man sich von der Deutschen Bahn vergackeiert fühlt?“ Szoltan hebt zu einem verlegenen, stummen Nicken an, doch sein schüchtern gemurmeltes „Ja“ geht im brodelnden Wortschwall unter, den ihm sein Gegenüber entgegenblubbert.

„Ist das denn die Possibility? Da bin ich schon mal in Deutschland und bin sogar bereit der Deutschen Bahn meine wertvollen Kröten in den Rachen zu werfen und dann so was. Will ich eine Fahrkarte am Automaten ziehen, sagt der erste Automat in der Bahnhofshalle, er sei kaputt. Stürze ich aufs Gleis zum zweiten Automaten, drücke mich durch abertausend Menüpunkte und am Ende weigert das Kackvieh sich, meine EC-Karte zu akzeptieren. Dreimal!

(sein Schnurrbart zittert)

Renne ich also vom Gleis zurück nach innen zum Barbezahl-Automaten, will das Ticket lösen und was ist? Er schluckt meine Scheine nicht. Frage ich freundlich bei der Bäckerei in der Halle, ob die mir aus Scheingeld Kleingeld machen würden – und? Es tut uns sehr Leid, werter Herr, aber das Problem gibt es scheinbar schon den ganzen Tag. Und wir haben leider auch nur ein begrenztes Kleingeldkontingent. Wenn Sie sich vielleicht doch zuerst an den Schalter der Bahn gegenüber wenden mögen. Da ist selbstverständlich eine meterlange Schlange… ccchhhk…

(er zieht Schleim hoch)

…und als ich dann endlich an der Reihe bin, sitzt vor mir am Schalter diese kleine Hippe mit schlecht gelaunten Mundwinkeln, die so weit herunter hängen, dass man ihre Lefzen auch als Staubwischer benutzen könnte. Ich will also eine Fahrkarte kaufen und sie schüttelt den Kopf.

(er wechselt zwischen Basslage und schrillem Krähen)

Neinnein, wir verkaufen nur Karten für den Fernverkehr…. Wie, Fernverkehr? frage ich. Ich fahre eine Strecke von über 200 Kilometern! Muss ich bis nach Timbuktu tuckern, nur damit ich bei Ihnen ne Karte kaufen kann? Ich darf Ihnen diese Karte nicht verkaufen. Sie müssen mindestens 250 Kilometer weit fahren und Ihre Fahrstrecke liegt, wenn auch knapp, darunter.

(seine Schrotkugelaugen schießen kochendes Schwarz um sich)

Nu hör mal zu, Täubchen, brülle ich sie an, dann wechsel’ mir wenigstens mein Kleingeld, denn der eine Automat von Euch ist kaputt, der zweite will meine Karte nicht, der dritte nimmt keine Scheine und ich habe nicht genügend Kleingeld bei mir, um die Fahrt damit zu bezahlen, Du willst mir keinen… Wer gibt Ihnen das Recht mich zu duzen?, quiekt sie mich an… Ich nehme es mir einfach, brülle ich zurück.

(und er brüllt auch, während er die Geschichte ungefragt berichtet. Szoltan unternimmt gequälte Versuche, aus dem Fenster zu blicken. Andere Passagiere linsen schräg hinüber zur bebenden Erscheinung in der abgewetzten Jacke über dem ausgewaschenen blasstürkisen Strickpulli und schütteln stumm den Kopf)

Da hamm wir sie ja wieder, die Servicewüste Deutschland, habe ich ihr an den Kopf geknallt. In Amerika, wo ich seit Jahren wohne, würden sie achtkantig mit derbem Arschtritt gefeuert. Und jetzt, Lady, schieben Sie die Fahrkarte rüber, sonst ist hier Achterbahn! Ich werde mit Sicherheit nicht riskieren, die Gefahr auf mich zu nehmen, nur wegen Ihrer sturen Bockigkeit für Schwarzfahren blechen zu müssen oder auch nur Aufschlag zu zahlen, in dem ich im Zug löse. Es ist eine Frechheit, wie Sie sich aufführen. Es kann ja mit der Deutschen Bahn nur in den Keller gehen, wenn man fast zwanzig Minuten braucht und auch noch ein bis zwei Morde begehen muss, nur damit man eine Fahrkarte bekommt!

(er richtet sich auf, beugt sich weit zurück, verschränkt die ausgestreckten Arme. Die Finger knacken, als er sie spreizt. Szoltan versinkt tiefer in seinem Sitz)

Das lasse ich nicht mit mir machen, so wahr ich Richard P. heiße! Und guck, plötzlich gings. Die kleine hat gezittert, ihr Gesicht verzogen als hätte sie Batteriesäure geschluckt und mir dann den Fahrschein rübergeschoben. Na endlich. Wäre ich nicht eine halbe Stunde vor Abfahrt dagewesen, ich hätte meinen Flieger verpasst!“

Er, der Richard P. heißt und scheinbar inzwischen in Amerika wohnt, nickt sich und Szoltan selbstzufrieden zu, schnäuzt sich mit Zeigefinger und Daumen [in Ermangelung eines Taschentuchs?] und wischt den Handrücken an seiner speckigen, erdnussfarbenen Cordhose ab. Danach schiebt er seine Schirmmütze aus der Stirn weit auf den Schädel und krault sich das dünne, strähnig verklebte, graue Deckhaar, in das der Schweißriemen der Mütze einen tiefen Rand gedrückt hat. Sein Blick bleibt erwartungsvoll auf Szoltan geheftet, der sich ein größeres Buch zum Dahinterverstecken wünscht und verlegen zur Decke starrt. Ihm war, als hätte Richard P. noch eine Menge mehr mitzuteilen.

Labels:

Freitag, April 07, 2006

Szoltan, der Dauerpassagier

Morgenhell erstrahlte die Sonne in Es-Dur, die Bäume sausten im Dreivierteltakt an den schlierigen Scheiben vorbei. Szoltan Szemengdefer schob mit seiner Zunge einen großen Bissen Graubrot mit Kochschinken zwischen seinen kugelrunden Backen hin und her. Zwei Schweißperlen erglitzerten auf seiner Stirn und rannen die Schläfe hinab. Auf der Sitzbank gegenüber hing windschief seine zerknautschte Reisetasche, deren Rückgrat wegen dauerhaft schlechter Haltung schmerzte.Szoltan war eigentlich Student. Lust, zu studieren hatte er keine. Doch hatte man als Student das Glück eines Semestertickets. Und so fuhr Szoltan einfach den ganzen Tag lang Zug.

Schon als Kind hüpfte sein Herz vor Freude, wenn er qualmende, zischende Dampfloks sah. Lokführer wollte er werden. Gigantische Eisenschlangen durch die Lande steuern. Unbedingt. Und den Heizer herumkommandieren. Aber den Heizer gab es nicht mehr, seine Minitrix-Eisenbahn hatten seine Eltern verscheuert, als er zwölf war. Dann waren kurzzeitig auch Mädchen spannender geworden. Aber mit Mädchen konnte man sich nicht über Eisenbahn unterhalten. Über den Kohletender der alten 52, über das Krokodil, über Neigewagentechnik, Drehscheiben vor Ringlokschuppen, den Güterbahnhof in Hamburg-Maschen oder die alten Schweineschnauzentriebwagen.

So wurden ihm Gespräche mit Mädchen früh fad, auch wenn ihre Gegenwart auf anderer Ebene seltsam prickelte. Seit zwei Jahren studierte er nun. Beziehungsweise: Er fuhr Zug. Schmierte sich frühmorgens einige Stullen, nahm sich Lektüre mit (alte, antiquarisch erworbene Modelleisenbahnmagazine mochte er), kochte sich eine Thermoskanne Kaffee und fuhr einfach los. Kurvte quer durch Niedersachsen. Kaufte sich ein Teilchen im Uelzener Bahnhof, stieg in Helmstedt aus, um nicht die Bordtoilette benutzen zu müssen, suchte in Hameln nach einer Telefonzelle.

Während tausende unbekannter Häuser an seinem Blick vorbeizischten, wurde ihm bewusst, wie viele dieser Häuser er nie in seinem Leben betreten würde, wie viele Frauen dort wohnten, mit denen er nie schlafen würde, wie viele Menschen es überhaupt gab, die man nie kennen lernen würde. Doch wollte man das wirklich?

Auch dachte er manchmal darüber nach, wenn der Zug jetzt dauerhaft verschlossen bliebe und man auf lange Zeit nur mit den derzeitigen Insassen zu tun hätte - mit wem könnte man sich anfreunden, welche Frauen würde er für sich interessant finden? Auch konnte er, was er sah, in Musik umsetzen im Kopf. Das Talent hatte er, doch entgegen aller guten Ratschläge weigerte er sich, es zum Geldverdienen zu nutzen. Diese Gedankenspielereien verkürzten ihm die Fahrzeit enorm. Und sie ergänzten sich mit seinem zweiten Hobby, Menschen zu beobachten, ihnen fiktive Biographien anzudichten.
Langweilig nur, dass scheinbar heute niemand von Osnabrück nach Diepholz fahren wollte. Nun gut, es war erst 7 Uhr morgens. Aber niemand zum beobachten.

So durchwaberte das Abteil eine reglose Langeweile. Szoltan kaute weiter an seiner Kochschinkenstulle und starrte aus den schlierigen Scheiben. Draußen erstrahlte die Sonne inzwischen in reinem Fis-Dur, die Bäume sausten im Dreivierteltakt vorbei. Ritardando, nächster Halt: Lemförde.

Labels:

Mittwoch, September 07, 2005

2 + 2 = Quakquakquakquak und im Anschluss kullernde Tränen

Er schnauft, als er die Glastür zum Abteil aufschiebt… gefolgt von rasselnd-feuchtem Husten. Seine Hände klemmen die Koffergriffe ein wie Kneifzangen. Sonnenstrahlen rieseln durch die ungewaschenen Fenster auf sein Gesicht. Unter dem struppigen Dreitagebart ist seine rechte Wange kreuz und quer zerschlitzt.
Narben, die in ihrer Verworrenheit erinnern an mittelalterliche Stadtpläne. Er baut sich vor mir auf, ich nicke, er setzt sich. Er reicht mir die Pranke und sagt

"Challo, ich bin Ruslan."

Sein sonorer Bass und sein Akzent verraten russische Herkunft. Ich gebe ihm die Hand, er macht einen Diener und setzt sich.

Zwanzig Minuten sitzen wir einander stumm gegenüber. Er blättert mit lautem Rascheln und Knistern in der liegengebliebenen BILD… ich lese in meinem Roman. Dann beginnt er aus dem Nichts zu erzählen, nimmt mich mit seinen froschgrünen Augen in den Bann.

"Bist Du Student? Musst Du viel läsen?" Ich nicke.

"Warr ich auch mal, in Moskwa, aber Univerrsität hat mirr nicht gefallen, wollte ich lieber raboti, Arbeit, Du weißt? Eigentlich wollte ich gehen zu Zirkus. Wollte ich machen Kunststück mit Affe oder Tiger odrr Ljowe. Tanzen beibringen oder so etwas. Chabe ich zu Chause immer unser Chund beigebracht: Chand geben und so weitrr und so fjort. War immer mein Traum. Aber in Tscheljabinsk, wo ich geboren, kein Zirkus. Bin ich gezogen nach Moskwa, chabe ich dort Zirkus zugeguckt. War immer ein Domptjorr, der chatte Nummer mit... Vogel, der sonst auf Woda...ähh...Wasser, macht „Quaaaak“." "Mit ner Ente?" "Da. Richtig. Wie cheißt? Ente?"

"Ja."

"Okay. Er chat geschafft, dass er sagt zu Ente ein Mathematik-Aufgabe und Ente sagt Ergebnis. Sagt er zwei plus zwei zu Ente, sagt Ente 'quak quak quak quak'. Publikum wollte immrr wieder angucken. Applaudieren minutenlang. Kuzenko chieß der Mann. Vor ihm noch nie jemand chat gemacht Zirkusnummer mit... wie chieß Vogel?"

"Ente."

"Genau. Gibt es normal fast nie Enten, die kchönnen lernen. Abrr seine Ente kchonnte. Chatt Publikum geglaubt. Er chatte Ente immer auf Arm, wie kleines Kind in Korb. Ente schnattert dazwischen, wenn er spricht mit Publikum. Sah aus, als ob er gut Freund mit Ente. Dann chabe ich gechört, dass Ente tot. Doch in nächste Woche er war wieder in Zirkus mit andere Ente. Und neue Ente macht auch "quak" und zählt alle Aufgaben. Ich mit mein Towarischtsch... wie sagen?"

"Kamerad? Kumpel?"

"Da. Kumpel, ich mit Sergej mein Kumpel schleiche chinter Komplex, will Kuzenko fragen, ob ich bei ihm lernen kann. Kommt er cheraus, gehe ich zu ihm und frage, welche Trick er benutzt und wie lange er brauchen, um ein Ente Kunststück beibringen.

Er blickt tief mit schwarzen Augen an mich. Sagt er: 'Ich glaube, Du bist guter Junge. Versprich mir, dass Du das Gecheimnis in ganz Russland nie erzählen wirst. Sonst bist Du tott. Ich versprach alles. Sagt er: Ist ganz einfach, nimmst Du nur Männer von Enten und braucht nur so lange, bis Du Daumen in Chintern von Ente gesteckt chast.' Eier von Entenmann liegen direkt unter Arsch. Kuzenko chat Daumen in Arsch von Ente gesteckt und mit andere Finger in Eier kneifen, jedes Mal Du kneifst, Ente quakt. Sagt er zwei plus zwei, kneift er eins, zwei, drei, vier Mal. Ente konnte nie zählen. Chatte nur Schmerzen"

"Das ist bitter. Und dann?"

"Da war ich so wjutend, dass ich chabe Tränen in Auge und ihm fast geschlagen chätte. Danach chatte ich keine Lust mehr auf Zirkus, bin dann an Universität gegangen. Literatura. Aber chat auch kein Spaß gemacht. Bin ich abgechauen, auf Zug nach Deutschland gesprungen und arbeite ich jetzt auf Baustelle in Emsland. Weiß niemand, aber gibt besser Geld als in Rossija."

“Und was baut Ihr da?“
„Bauen wir eine Farm fjurr Gefljugel.“
„Für… Geflügel???“
„Ja.“
„Das ist fast seltsam.“
„Wieso?“
„Naja, erst die Ente, jetzt eine Geflügelfarm...“
„“Da. Chast Du Rrächt.“

"Ist die Arbeit denn in Ordnung?"

"Ist schwer Arbeit, aber ist okay. Bin ich weit weg von zu Chause, aber macht nix. Nur manchmal, wenn ich sehe Schilder von Zirkus, werde ich traurig."

Labels:

Samstag, August 27, 2005

Way home

Wolken in verwaschenem Grau hängen am Himmel wie zu heiß und lang gewaschene Filzmäntel. Gleich einem Schiffsbug, der die Wellen teilt, schiebt sich der Emslandexpress unbeirrbar vorwärts durch die nasse Kälte. Schnödes Einrollen in Bahnhöfe, Türen klappen auf, kurzzeitige Abteilnachbarn steigen aus, neue steigen ein, machen sich breit, winkeln ihre Ellenbogen auf den Sitzlehnen an, schieben ihre Beine zwischen Bank und Mülleimer, rascheln mit Taschen, ziehen den Reißverschluss ihrer grellbunten Regenjacken ein Stück weit auf. Die Türen schlagen wieder zu, der Zug rollt langsam an, dem nächsten Halt entgegen, nimmt wieder Fahrt auf, wühlt sich durch die graue Einöde. Die Zugfahrt als Fernsehserie.

Das Abteil ist kaum gefüllt, fast jedem Fahrgast bleibt eine Viererbank für sich. Er sitzt am Fenster, neigt den Kopf gegen die türkisgraue Wandverkleidung und starrt gedankenverloren in die durch feuchten Nebel weichgezeichnete Landschaft, die vorbeizischt und sich unter den Blicken, verzerrt, dehnt und auflöst.

Gedanken schwappen ihm durch den Kopf, formen sich zu Wellen, branden, brechen in sich zusammen, ziehen sich zurück und formieren sich erneut, um mit neuem Schwung an ähnlicher Stelle niederzuklatschen. Zerstreut zieht er ein Buch aus seinem angegrabbelten, dunklen Rucksack, schlägt es auf, zieht einen Kuli aus der Vordertasche und beginnt zu lesen. Alle paar Minuten greift er seinen Stift und kritzelt unleserliche Zeichen an den Zeilenrand. Was sie bedeuten sollen, bleibt sein Geheimnis.

Er hat seine beigefarbenen Schuhe ausgezogen, um es sich bequemer zu machen und seine Füße auf das gegenüberliegende Polster legen zu können, ohne harsche Worte mit den Schaffnern auszufechten. Die Zugbremsen kreischen. Metall reibt auf Metall. Liebe Fahrgäste in Kürze erreichen wir. Diesmal ist es Lingen. „Stadt der Kivelinge“ ist in großen Lettern an eine weißgetünchte Wellblechhalle gepinselt. Beinahe jedes Mal hat er den Schriftzug an sich vorbeigleiten sehen. Viele Dutzend Mal. Zum ersten Mal erst fragt er sich nun aber, wer oder was die Kivelinge sind. Er schiebt die Frage in die Schublade zurück, der sie entsprungen war. Momentan kann er sie nicht beantworten. Wozu sich also weiter den Kopf zerbrechen?

Es zischt. Schräg vor ihm öffnet sich die automatische Durchgangstür. Und, oh Wunder, hereingehumpelt kommt in braunem Tuch, das wie ein Kartoffelsack schlapp an ihr herunterhängt, die schrumpelnasige alte Vettel, vor der es ihn tags zuvor noch in der Wahlheimatstadt ein wenig gegruselt hatte. Völlig stoisch hatte sie an der Bushaltestelle gestanden und mit ihrem Gebiss gespielt. Die ausgeleierten Hautlappen rund um die spröden Lippen hatte sie auseinander geklappt und vorgezogen wie eine Schublade, in der man etwas sucht. Einzeln hatte sie die Gebisshälften vorgezogen, zurückgeschoben, hin- und hergedreht als seien sie Holzbausteine eines asiatischen Geduldsspiels. Haftcreme schien ihre Tasse Tee nicht gewesen zu sein. Heute humpelt sie nur schwerfällig an ihm vorbei in Richtung Ausstieg. Ihre Mundwinkel bleiben völlig unbewegt, geblieben ist nur ihr dunkel funkelnder Blick. Unheimlich. Ihre knorrigen Hände stützen sich auf einen krummen Holzgehstock, der dröge raschelt bei jedem Aufsetzen, weil sich matschige Blätter unten daran festgeklebt haben.

Der Bahnhof ist erreicht. Die Türen klappen wieder auf und wieder zu.
Eine Frau mit aschblondem Lockenpony und ausgeleierter Cordhose betritt das Abteil. Ist hier noch Platz? Ja. Danke. Er zieht abrupt seine Füße vom Polster, gibt den Platz auf ihrer Bank frei. Sie stellt neben sich eine ockerfarbene, ornamentierte Ledertasche, auf der schwarze Elefanten ihre Rüssel verknoten und Blumen hochhalten. Neben sich legt sie eine riesige Knäckebrotpackung, groß und rund wie ein ganzer Apfelkuchen. Sie telefoniert. Britta heißt sie, möchte um 12:45h abgeholt werden. In Aschendorf. Langsam wie der Altweibersommer in den Herbst übergeht, blickt er zu ihr herüber. Irgendwo zwischen Blicken und Sehen ziehen seine Augen sich zurück, zögern, bleiben in der Schwebe. An einem festen Punkt in Raum und Zeit spürt er, dass sich die Anstrengung eines Blickes nicht lohnt. Er sieht sie nicht, weil es da für ihn nicht viel zu sehen gibt. Sie liest Platon. Phaidros-Dialoge. Er zieht seine Augen von ihr zurück, pendelt mit dem Blick abwechselnd zwischen den Zeilen seines Buches und der fliehenden Landschaft vor dem Fenstern.

Dann meldet sich der Morgenkaffee und bittet immer dringender um Auslass. Er schlurft widerwillig in Richtung Waggontoilette. Tür auf. Oh, Schüsselübergelaufen, mit Klopapier verstopft, nein danke. Tür zu. Nächster Waggon. Immerhin nicht verstopft. Aber auch das hier ist ein abartiger Abort. Beißender, mieser Mief von abgestandenem Kippenqualm und alter Pisse, die ihr eigentliches Ziel nie erreicht hatte, schwallt ihm entgegen und schneidet sich in die Nasenwände. Kackplacken kleben innen an der blechernen Kloschüssel. So dringend muss er dann doch nicht. Es ist ja auch nicht mehr weit. Als er zurückkommt, sind Knäckebrot und Platonbritta kurz vor dem Aussteigen. Er wendet sich wieder seinem Buch zu. Nur noch wenige Bäume sausen am Blick aus den Augenwinkeln vorbei. Unendliche, flache Weiten. Die Heimat naht. Horizont so weit das Auge reicht. Zwanzig Seiten schafft er noch, bis er im Heimatbahnhof angekommen ist.

Labels:

Montag, Juni 20, 2005

Höllehöllehöllehölle

Die fettige Hitze macht keine Anstalten, dünnflüssiger zu werden und zerquetscht das Abteil. Die Waggons, die den ganzen Tag im Schlaglicht der sengenden Sonne geschmort haben, lassen ihren Gifthauch heraus. Sie rauchen fast vor Hitze und Staub. Die Bezüge schwitzen uraltes Bier aus, das vor Langem in ihre Polster gesickert sein muss. Um mich herum schweißgebadete Jovialität.

Der schale Dunst von ausgeschwitztem Alkohol, nicht nur aus den Polstern: Der Frauenkegelklub „Fall um“ aus Bottropp auf dem Rückweg von Norderney in die Heimat. Eine heftige Wolke. Apfelkorn- und Geneverflaschen machen die Runde, lallendgrölende Wort- und Lautfetzen verknoten sich im Abteil zu einem fiebriglärmenden Knäuel.

Staubkörnchen tanzen vor meinen Augen. Puterrote Tanten, den schnaufenden Kopf auf den ausladenden Busen gesenkt, schütteln sich kurz. Verschleierte Blicke aus betrunkentrüben Augen eiern ziellos durch die schlierigen Scheiben. Heidrun gibt einen Witz zum Besten. Die Pointe heißt "sein Pimmel". Schrillkreischendes Gejohle. Hände klatschen voller Übermut auf breiige Oberschenkel. Wilma, die sich ihre fettglitzernde Stirn getupft hat, schnaubt ein eckiges Lachen in ihr Taschentuch. Schweißflecken durchnässen die Achselbereiche der Blusen, kleben fest wie geschmolzenes Vanille-Eis. Ein fleischgewordener Haufen von Titeltranspirantinnen. Speckige Wülste und Zwei-Etagen-Busen in viel zu enge Tops gequetscht. Auf den Schweißperlen ihrer Stirn glänzt im bierfarbenen Licht der Vorabend.

Die dunkelblauen Flecken der Sitzpolsterbezüge tanzen in der Hitze vor meinen Augen. Der Dampf der Ausdünstungen schlägt sich in dicken Tropfen an den Scheiben nieder und kullert in Schlangenlinien abwärts. Ich ziehe das Fenster auf. Ein frischer Wind kitzelt die Nase. Ein Hauch von Erlösung.

Gerhild versucht zu stricken, doch der Schwipps-Pegel leiert ihre Bewegungen aus, die Nadeln torkeln aneinander vorbei. Sie stopft das Strickzeug zurück in den Jutebeutel. Gudrun reicht ihr den Apfelkorn unter sonnenstichigem Gegacker. Prohost. Der Ghettoblaster wird ausgepackt. Höllehöllehöllehölle. Wolle Petry bis zum Anschlag, rasant gefolgt von Viva Colonia und gekeuchtem „Uh! Ah!“-Zwischengebölke zu DJ Ötzi.

Heidrun bringt Nachschub. Hat im Nachbarabteil eine Dutzendschaft „Kleiner Feigling“-Fläschchen aufgetrieben. Hektisches Klopfen, Köpfe werden in den Nacken geworfen, das milchige Gesöff perlt die Kehlen hinunter. Der Lärmpegel steigt. Fluchtgedanken begehren auf in meinem Hinterkopf. Ich fühlefühlefühlefühle mich zunehmend unwohl. Lingen. Erst die halbe Strecke geschafft. Doch der Zug ist zu voll. Ich sinke tiefer in meinen schweißverklebten Sitz, sehne die Ankunft herbei. Immerhin lassen sie mich in Ruhe. Nur noch eine Stunde.

Sonntägliche Zugfahrten nach Münster.

Labels:

Freitag, April 22, 2005

Erinnerungen einer Zugfahrt

Der Triebwagen tuckert so langsam, dass man jeden verholzten Brombeerbusch am Rande der eingleisigen Strecke einzeln begrüßen kann. Eine Reise fast wie in eine andere Zeit. Verlassene Bahnhofsruinen, die früheren Fenster mit Presspappe und verwitterten Holzbrettern vernagelt, umwuchert von einem Wald aus meterhohen Brennnesseln und Birkensprossen. Bahnsteige wie Feldwege. Zertretene Stiefmütterchen in einem Betonkübel.

In der Sitzgruppe schräg vor mir sitzt ein Stiernacken mit aufgeplusterter Daunenjacke. Eine New York Yankees Baseballkappe sitzt schräg auf seinem kahlgeschorenen Kopf. Er blickt grimmig aus dem Fenster, schaufelt händevoll Chips in seinen Rachen. Als selbst der letzte Krümel in seinem Schlund versenkt worden ist, kratzt er sich kurz am Augenbrauenpiercing – dann friemelt er ein Feuerzeug aus seiner Jackentasche, hält die Flamme mit konzentriertem Gesichtsausdruck an den Plastikdeckel seiner Chipsrolle, wartet und sieht zu, wie das Plastik schmilzt.

Ich versuche zu lesen. Jedes Wort kommt einzeln an. Das Auge springt. Kein Zusammenhang will sich einstellen. Das Hirn taumelt müde, ziellos, ahnungslos. Überfordert von der Kürze der Nacht. Leises Auftauchen der Erinnerungen an die verschlafene Chance wenige Stunden zuvor. Die Augenlider senken sich. Ein milchtrüber Nebel hängt schwer vor der Wahrnehmung der Geschehnisse um mich. In der Krone eines Kirschbaums am Streckenrand flattert eine bunte Einkaufstüte im Wind. Das Licht ist seltsam herbstlich, viel zu weich und warm für die Jahreszeit.

Nächster Halt: Rinteln. Der Zug hält, der Motor wird ausgeschaltet. Zwanzig Minuten Fahrtpause. Der Daunenjackenstiernacken pustet gegen das geschmolzene Plastik. Es knackt, und eine kleine weiße Blase schießt aus dem Klumpen, fliegt hoch, fast bis zur Decke, landet dann sanft und klebrig auf dem marmorierten Plastik des Fußbodens.

Ein halbglatziger Mann betritt den Zug, legt neue Kleingeld-Rollen in den Fahrkartenautomaten ein. Klackernd. Der Automat nimmt keine Zwanzigcentstücke. Der Zugführer klettert schnaufend aus seiner Kabine. Mehrere Zentner schwer. Schweißperlen glitzern auf seiner Stirn. Er steigt aus dem Wagen aus, zündet sich auf dem Bahnsteig eine Zigarette an.

Ich steige auch aus, einmal in Rinteln auf dem Bahnsteig gestanden haben. Kann auch nicht jeder von sich behaupten. Der Zugführer hustet und spuckt eitrigen Auswurf auf den Schienenschotter unter dem Triebwagen. Art des Hustens: rasselnd, heiser. Ein Taximotor vor dem Bahnhof heult auf, es rast los. Das Motorengeräusch, das es zurücklässt, senkt sich sanft wie eine Staubwolke zu Boden. Drei solche Pausen macht der Zug. Man muss den Gegenverkehr vorbei lassen. Sagt der Zugführer. Die Zeit rollt langsam vorwärts. Der Zug bleibt noch ein wenig stehen. Es duftet nach gebratenem Fisch.

In einem Garten auf der anderen Seite der Gleise hängt eine Frau Wäsche auf, summt vor sich hin und blinzelt ins Licht. Sie bückt sich nach einer Handvoll Wäscheklammern und rückt den Schal über ihrem Haar zurecht. Leuchtend bunte, flatterige Stoffbahnen hängt sie auf. Oberteile, Hosen, endlose Unterwäschenvariationen. Als sie fertig ist und der Garten voll wippender Leinen mit nasser, schwerer Beflaggung hängt, richtet sie sich auf, drückt die Hand ins Kreuz, nickt wie zum Gruße herüber und blickt nach oben. Ein Lufthauch von der strahlenden Nässe sauberer Wäsche schwebt herüber.

Wieder einsteigen. Weiterfahrt. Am Horizont ein Fabrikschlot auf dessen Spitze eine einsame kleine Birke krumm im Wind tanzt. Woher sie wohl ihr Wasser bezieht? Die Gedanken rutschen unruhig hin und her, wie nervöse Hausfrauen, die erwartungsfroh im Konzertsaal irgendeiner Messehalle sitzen, vor einem Patrick Lindner-Konzert, für das sie die Eintrittskarten bei einem Preisausschreiben in der Kochzeitschrift gewonnen haben.

Hameln. Kein Rattenfänger in Sicht, aber zwanzig Minuten Pause. Vor der Weiterfahrt steigt eine Frau ein, fragt, ob sie sich mit in meine Sitzgruppe setzen darf. Natürlich. Mitte dreißig, schätzungsweise. Mild geschwungene Lippen, sehr eng anliegende Lederjacke, die eine vage Ahnung ihrer kurvenreich geschwungenen weiblichen Geometrie geben. Sie holt eine Postkarte aus dem Revers ihrer Jacke. Ein ganzer Haufen Affen darauf. Sie liest. Sie schmunzelt, steckt die Karte zurück und fragt: „Würde es Dich stören, wenn ich mich Dir direkt gegenüber setze? Die Sonne scheint so schön und ich würde gern ein paar der Strahlen einfangen“ „Absolut nicht.“ Die staubige Luft knistert. Sie lächelt, schließt die Augen, reckt ihren Hals den Sonnenstrahlen entgegen. Fast wie beiläufig fährt sie mit dem Zeigefinger über ihr Décolleté.

Dann schlägt sie die Augen blitzartig auf, blickt mich mit funkelnd durchdringendem Blick an und sagt: „Findest Du es nicht auch schade, dass man sich im Zug nicht einfach entkleiden kann, um während der Fahrt mit bloßem Oberkörper Sonne zu tanken?“ Meine Gesichtsdurchblutung steigt, die Nervenströme im Hirn verfahren sich unablässig beim Versuch, in der Nähe einer besonders schlagfertigen Antwort zu parken. Die Versuche erschöpfen sich beinahe in dem Gedanken „Sei jetzt schlagfertig“. Sie grinst genüsslich, als zerginge ihr der Nachklang ihrer Worte auf der Zunge wie eine leicht gezuckerte Erdbeere. Am nächsten Bahnhof steigt sie aus, wirft mir ein laszives Lächeln zu und wünscht mir einen schönen Tag noch Kleiner. Ebenfalls. Hessisch-Oldendorf. Provinzkaff as Provinzkaff can. Heimat des wohl hässlichsten Schrebergartens der Welt. Ein gammeliger Hort windschief vernagelter Bretterverschläge und schäbiger Schuppen. Verbeulte Autoreifen, angeschimmelte Plastikfolie, rostige Harken, haufenweise Müll. Irgendwann steige ich um. Neuer Zug. Ich komme dem Zuhause näher. Meter um Meter. Seltsamer Tag, seltsame Fahrt. Bald ist sie zu Ende.

Labels: