Samstag, November 04, 2006

Stimmt, was in der Zeitung stand?

Noch hat das Telefon nicht geklingelt, doch die Müllmänner holen den Müll ab. Klabatter. Einem von ihnen ist der Deckel von der Blechtonne gefallen. Die Heizung pumpt: vergessen, sie über Nacht abzudrehen. Ärgerlich, bei den steigenden Heizkosten. Am Kühlschrank hängen Postkarten. Leichter Schimmelflaum hat sich auf den Käsescheiben breit gemacht. Wulnikowski wirft ihn weg. Doch das Stück Niere, das er sich gestern beim Schlachter erstand, liegt noch in Cellophanpapier im obersten Kühlfach. Die Butter zischt, als er es anbrät. Dazu kocht er sich Tee und trinkt ihn schwarz. Sanfter Assamduft rangelt mit scharfem Bratgeruch. Die Zeitung knistert beim Umblättern. Klick. Schlagartig wacht Wulnikowski auf, und seine Augen glitzern, als er unten rechts auf der Seite liest, dass… Das Telefon klingelt plötzlich doch. Verwählt.

Die Niere ist zart, doch war der Salzregen aus dem Streuer war etwas kräftig. Wulnikowski schmatzt ein wenig, aber es ist niemand da, den es stören könnte. Er legt die Zeitung beiseite und räumt das Geschirr auf den unabgewaschenen Stapel neben der Spüle, der sich, vom Tellerklappern geweckt, grimmig hin und her wälzt.
Wulnikowski holt seinen Mantel aus dem Kleiderschrank im Flur. Er ist beige. Ein leiser Hauch von Mottenkugelduft hängt noch in den Fasern. „Dringend auslüften“, denkt er zu sich, als er die Tür hinter sich zuzieht. Seinen Pappkoffer lässt er zu Hause. Zum Einkaufen nimmt er lieber Jutebeutel. Erste Rostsprenkler machen es sich am Bart seines Haustürschlüssels gemütlich. Im Treppenhaus begegnet er niemandem.

Gegenüber stutzen sie die Linden. Der Wind packt einigen Blättern unter den Rock und wirbelt sie herum. Auf dem Kopfsteinpflaster trocknet der Regen der letzten Nacht. Er schlurft zum Supermarkt um die Ecke. Auf dem Weg dahin entdeckt seine Zungenspitze einen Nierenfetzen in einer Zahnlücke und beginnt mit Bergungsarbeiten. Erbsen sind ausverkauft, die Eier von freilaufenden Hühnern sind schon wieder teurer geworden. Die Milch wird schon morgen ablaufen. Er zahlt und schlendert weiter. In seiner Jackentasche entdeckt er ein Stück Seife. Es muss schon seit Juni daringesteckt haben. So lange hat er den Mantel nicht mehr getragen.

Ziellos spaziert er vorwärts, durchquert den Park, erfreut sich am Knirschen seiner Gummisohlen auf den gekiesten Pfaden, sieht einem Dackel zu, der einen Taubenschiss beschnuppert. Am Leopoldsplatz kauft er Herbstastern. Zurück in seiner Wohnung putzt Wulnikowski das Bad. Zahnpastaspritzer kleben am Spiegel. Er hätte Zitrusreiniger zum Entkalken kaufen wollen, aber das hat auch Zeit bis morgen. Er fegt den Flur und denkt, wie schön es wäre, ein wenig Geld für Parkettboden übrig zu haben. Vorerst wird es bei Linoleum bleiben.

Abends sieht er fern. Nur kurz. Nachrichten. Steuerschulden, Tote im nahen Osten, Torwarttausch in Hamburg. Er schaltet die Mattscheibe ab und liest. Der Protagonist des Buches sitzt nackt auf einem Stuhl, an den er sich selbst gefesselt hat. Wulnikowski legt das Buch weg. Die Geschichte vermag ihn nicht zu fesseln; zudem wird er müde. Er putzt die Zähne, passt auf, dass keine neuen Zahnpastaflecken an den Spiegel spritzen und zieht seinen Schlafanzug an. Draußen regnet es. Mit einer Wärmflasche kriecht er unter sein Federbett. „Ich weiß ja nicht, ich fürchte, irgendetwas ist seltsam mit meinen Träumen“, sagt er leise zu sich, als ihm plötzlich wieder einfällt, was er morgens in der Zeitung gelesen hat. „Schließlich hat mein Horoskop eindeutig erklärt: Heute werden sich alle, auch Ihre kühnsten erotischen Träume erfüllen.“

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29 Wortmeldung(en):

Blogger Markus Quint meint...

Wenn seine kühnsten erotischen Träume in der Bergung von Nierenresten zwischen den Zähnen und einem Stück Seife aus seiner Jacke bestehen, dann kann man Hernn Wulnikowski getrost eine angenehme Nachtruhe wünschen.

4/11/06 22:06

 
Anonymous Frauh meint...

...ich fühle mit Ihnen....

4/11/06 22:16

 
Anonymous Opa meint...

Ich danke dir, mein Lieblingsenkel. Zum Wochenende brauche ich einfach etwas Erhabenes, Großes als Lektüre.

(Nach dem ich schon "Wetten dass" mit angeschlossenem MC-live-blogging verpaßt habe)

4/11/06 23:37

 
Blogger Ich bin erkaeltet meint...

Spannend.

5/11/06 03:53

 
Blogger Oles wirre Welt meint...

@markus: Eben das ließ den guten Herren am Ende ja auch zweifeln. Erst an sich, dann aber zunehmend an der Aussagekraft von Horoskopen. Zumal ihm am Folgetag das Horoskop einen heißen Flirt versprach und er am Ende nur Herrn Schindzielordz von Gegenüber im Schwimmbad traf, der ihm von seiner eiternden Kniescheibe erzählte. :)

5/11/06 13:03

 
Blogger Oles wirre Welt meint...

@frau h: Das ist sehr freundlich. Aber warum mit mir? :)

5/11/06 13:03

 
Blogger Oles wirre Welt meint...

@opa: Erhabenes zu haben, ist doch immer ne feine Sache. Und von der MC-Sache habe ich gar nicht mitbekommen. :)

5/11/06 13:04

 
Blogger Oles wirre Welt meint...

@ich bin erkältet: newoa?

5/11/06 13:04

 
Blogger Oles wirre Welt meint...

memo an mich selbst: es gibt uhrzeiten und bewusstseinszustände, die dafür sorgen können, dass man am nächsten tag völlig erschrickt und sich beinahe schämen kann, wenn man den unfug liest, den man in die kommentare geschmiert hat. :) insofern hat noch einmal ein komplettaustausch stattgefunden.

5/11/06 13:06

 
Anonymous ttr meint...

Hat Wulnikowski eine leichte Coitophobie? :)

5/11/06 13:09

 
Blogger Oles wirre Welt meint...

Möglicherweise wäre es den analytischen Expertenblick eines klugen Psychologen wert. Aber ich glaube eher nicht. :)

5/11/06 13:13

 
Anonymous ttr meint...

Ah, jetzt seh' ich es. Keine Angst vor 'm Kopulieren, nur Selbstzweifel.
Ich bitte Herrn Wulnikowski um Entschuldigung und tausend Mal um Verzeihung.

5/11/06 13:14

 
Blogger Oles wirre Welt meint...

Die Zweifel an der Aussagerichtigkeit von Horoskopen nicht zu vergessen. :)

5/11/06 13:20

 
Anonymous Tine meint...

nieren... seife... juni... leopoldsplatz... sollten wulnikowski und... aber das wär ja... sehr interessant gemacht!

5/11/06 13:46

 
Blogger Ich bin erkaeltet meint...

Eigentlich gar nicht. Aber auf krankhafte Weise .. irgendwie schon.
Sie verstehen?

6/11/06 04:00

 
Anonymous nömix meint...

Wenn die Horoskope nicht mehr stimmen, darf man sich das
nicht gefallen lassen ..

6/11/06 08:33

 
Anonymous mcwinkel meint...

Kirsche geht?

6/11/06 09:35

 
Blogger Oles wirre Welt meint...

@MC: Kirsche geht (noch) nicht, aber Wächter steht während der Spiele erstmal wieder in der Bude.

6/11/06 09:58

 
Blogger Oles wirre Welt meint...

@i.b.e.: ja... nein... jein. vielleicht.

6/11/06 09:59

 
Blogger Oles wirre Welt meint...

@nömix: Vielleicht wäre es Zeit für ein Aktionsbündnis?!

6/11/06 10:32

 
Anonymous Michael meint...

Der Rost am Bart der späten Tage ... oder so...

6/11/06 12:06

 
Blogger Galen meint...

Kirsche geht nicht, der hat seinen Vertrag unlängst auch erst verlängert - mir persönlich ist der Wächter allerdings sowieso viel lieber...

Tja, manchmal kann man aus Horoskopen durchaus mal was passendes herauslesen (alles eine Frage, wie man es interpretiert), aber wenn sie grundsätzlich die Wahrheit erzählen würden, dann... Na ja, lassen wir das.

6/11/06 12:17

 
Blogger Oles wirre Welt meint...

@michael: Oder so. Vielleicht auch anders. Aber weiß man's? :)

6/11/06 12:30

 
Blogger Oles wirre Welt meint...

@Tine: Was auch immer. Aber ich glaube, Du bist nah dran.

6/11/06 12:30

 
Blogger Oles wirre Welt meint...

@galen: dann wäre vieles anders und millionen menschen würde täglich dasselbe passieren. :)

6/11/06 12:32

 
Anonymous dieJulia meint...

Das Buch hab ich auch gelesen, glaub ich, und mich hat es sogar sehr gefesselt.

Oder lieg ich jetzt falsch?

7/11/06 16:54

 
Blogger Oles wirre Welt meint...

@julia: Wenn es sich um ein Werk von Beckett handelt, hast Du dasselbe Buch gelesen, das Wulnikowski nicht zu fesseln vermochte, mich selbst aber schon - wie Dich (möglicherweise). :)

7/11/06 17:32

 
Anonymous dieJulia meint...

Nein, ich meinte das letzte von Thomas Glavinic ("Die Arbeit der Nacht"). Großartiges Buch. Und darin in einer unfaßbar grausigen Sequenz gegen Ende eben auch eine Szene, indem sich ein Mann (quasi) selbst fesselt.

7/11/06 19:16

 
Blogger Oles wirre Welt meint...

Mir ging es eher hierum. :)

7/11/06 23:22

 

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