Sonntag, März 11, 2007

Das Rennpferd der Herzen

Führerscheine kannte Wulnikowski nur aus Szenen, in denen er zusammen saß (oder stand) mit Freunden, Bekannten oder anderen Menschen, die zufällig in seine Nähe geraten waren - und in denen plötzlich irgendwer begann, seine verbriefte Fahrerlaubnis hervor zu zupfen, auf dass das Passbild die Runde machte, und alle staunten, wie immens die Jahrzehnte, die inzwischen vergangen waren, am Aussehen des Führerscheinbesitzers geschraubt hatten. "Mensch, Dich hätte ich so gar nicht wieder erkannt", schnurrten einige dann. Oder: "Im Vergleich zu damals hast Du Dich ja wirklich gemacht." Die Komplimentbeschenkten erröteten dann plangemäß, schlenkerten verlegen mit den Handgelenken und sagten "Na ja", oder "Man tut halt, was man kann" oder "Findest Du?" und genossen, wie ihnen die warmen Worte durch den Körper sprudelten. Gerne wurde im Anschluss daran noch auf die Hässlichkeit der neumodischen Scheckkartenformatführerscheine geschimpft und mit nostalgischem Seufzen dem alten, zerschlissenen und einmal zu oft gewaschenen Wachspapier-Lappen auf die Schulter geklopft.

Wulnikowski selbst besaß keinen Führerschein (seinen Reisepass suchte er auch schon einige Zeit). Ihm gefiel es weitaus besser, zu laufen oder - am Liebsten - mit dem Fahrrad zu fahren. Auch wenn es mal regnen sollte. "Rozi" nannte er seinen rostigen Drahtklepper, mit dem er durch die Stadtfluchten klapperte. Das Schutzblech war zerbeult, der Mantel am Vorderrad brüchig, einige Speichen bogen sich, und seiner Klingel fehlte der Deckel. So ratschte und schnarrte es nur leise, wenn er mit dem linken Daumen den Klingelhebel drückte.

Mit Rozi ließ sich nur unglaublich langsam fahren, sonst wäre sie auseinander gefallen - gerade, wenn sie ihn über die hoppelnden Kopfsteinpflasterkalotten der Altstadt schleppen musste. Insofern brauchten höchstens andere eine Klingel. Wen überholte man schon groß in solch schleichendem Tempo? Eben. Und wenn, ließ sich immer noch freundlich das Wort erheben. Oder kurz mit der Restklingel schnarren - wenn der Verkehrslärm nicht zu laut brüllte, reichte oft allein schon dies.

Nun war es nicht so, dass Wulnikowski kein Geld gehabt hätte, sich einen schnelleren und stabileren Flitzer zu leisten als diese dürre, klapprichte, ja beinahe jammervolle Blechmähre. Ihm war vergleichsweise wumpe, dass Gemüsehändler verdutzt einige Tomaten fallen ließen, die sie just in eine Papiertüte zu packen im Begriff waren, wenn er auf seiner sanftmütigen Kracke vorbeiholperte. Auch andere Passanten unterbrachen ihre Gespräche, wenn Wulnikowski auf seinen zwei Rädern an ihnen vorbei quietschte und rumpelte. Kurz schien die Zeit still zu stehen an den Orten und Szenen, an denen er auf seinem keuchigten Drahtgaul vorbeizockelte. Kleinere Scharen Neugieriger rotteten sich immer wieder am Straßenrand zusammen, wenn Wulnikowski auf Rozi im Schneckentempo herangerumpelt kam.

Ihn selbst scherte dies wenig. Auf glattes Eis getrabt ist, wer denkt, er hätte sich Rozi nur gehalten, um Aufmerksamkeit zu erheischen. Nein. Doch was sollte er mit einem feurigen Renner? Rozi war zwar nicht bequem - aber unendlich gemütlich. Es war, als ob die Zeit um die Beiden herum ihren rasenden Galopp verlangsamte. Und allzu prächtig ließ sich auf einem kleinen holprigen Ausflug auf Rozi die Zeit gar vergessen, trefflich Pfeife rauchen oder über die Eitelkeit der Welt (beispielsweise beim Herumzeigen von Führerscheinfotos) und das Hinschwinden der Zeit sinnieren. Es ließen sich auch neue Ideen erspinnen und Pläne aushecken - auch wenn Rozis Geklapper die Zielstrebigkeit von Wulnikowskis Gedankengeschwirr schon mal aus dem Tritt bringen konnte. Wie Wulnikowski überhaupt zu Rozi gekommen war, das ist eine eigene Geschichte. Doch die zu erzählen, würde zu weit führen. Zumindest für heute.

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18 Wortmeldung(en):

Anonymous Opa meint...

Ein Wahnsinnsoutput - und das bei diesem Wetter.Ich werde die Sache von hinten aufrollen müssen, Hoffentlich schaffe ich das bis Mittwoch, dann gehe ich nämlich auf Südkurs :-)

11/3/07 17:03

 
Anonymous Opa meint...

Ich seh schon, ich bin wieder mal zu schnell übers glatte Eis getrabt... :-)

11/3/07 17:10

 
Blogger Oles wirre Welt meint...

@opa: So lange die Quantität die Qualität nicht plattmantscht, geht's doch. Und man muss Ideen knusprig brutzeln, so lange sie noch frisch sind. Darüber hinaus: Den größten Teil des Tages war ich unter Sontagssonne spazieren, lesen, fotografieren und Kaffee trinken. Das Wetter habe ich ausgiebigst genossen. :)

11/3/07 18:39

 
Blogger viktorhaase meint...

ich nicht. meine allergie hat letzte nacht meinen magen auf links gedreht. kir schlägt immer alles auf den magen. total platt heute. erst die geschichte hier, hat mich ein wenig aufgemöbelt.

11/3/07 20:09

 
Blogger Oles wirre Welt meint...

ich zittere ja noch vor der birkenpolleninvasion. aber noch kann ich mich raustrauen. gute besserung dir in jedem fall. :)

11/3/07 20:16

 
Blogger http://sillerbetrachter.twoday.net meint...

Hast Du eigentlich vor, ein Buch zu schreiben? Wenn ja, hier ist meine Vorreservierung! Das Foto des alten Sattels ist irre. Wie wäre es mit einem Kurzgeschichtenband mit Fotos?

11/3/07 22:50

 
Blogger Oles wirre Welt meint...

Pläne gibt's viele. Fotos auch einige. Derzeit ist die Zukunft ja noch voll kryptischem Nebel und unscharf. Mal schauen, was sich ergibt, wer Interesse zeigt und wohin es mich verschlagen wird. Möglich ist ne Menge. Vormerkung ist notiert. :)

11/3/07 23:01

 
Blogger Scheibster meint...

Das Foto habe ich erst für eine in Metall stilisierte Skeletthand gehalten, die greifend ausgestreckt sich auf den Betrachter richtet... Bis ich ein zweites Mal hingeschaut habe.

Schöne Geschichte!

12/3/07 12:14

 
Anonymous Wulnifan meint...

Wulnikowski ist wieder da, ist wohl aus dem winterschlaf aufgewacht. Welche Freude! Möge er noch viele Runden mit seiner alten Rostlaube drehen. Wer es noch nicht weiß: Wulnikowski wohnt in Absurdistan.

12/3/07 14:24

 
Blogger Ich bin erkaeltet meint...

Ich glaube, du bist Wulnikowski. Obwohl ein bisschen Wulnikowski in uns allen steckt.

12/3/07 21:19

 
Anonymous bittersweet choc meint...

du weisst ja, dass jetzt wieder mein herz aufgeht, ole :)

sag wulni bitte, er solle nicht zögern, mich zu fragen, sollte er eine chauffeuse benötigen!

12/3/07 22:47

 
Anonymous der texttourist meint...

Auch ein Drahtesel mit Eselsohr kann Herzen begeistern. :)

13/3/07 00:10

 
Blogger Oles wirre Welt meint...

@texttourist: Löffelknicke finde ich auch hochsympathisch. :)

14/3/07 16:59

 
Blogger Oles wirre Welt meint...

@scheibster: Du guckst zu viele Science-Fiction-Actionstreifen oder Horrorfilme. ;)

14/3/07 17:00

 
Blogger Oles wirre Welt meint...

@bsc: Falls er mal in die Hansestadt kommen sollte, sag ich ihm vorher Bescheid.

14/3/07 17:01

 
Blogger Oles wirre Welt meint...

@wulnifan: Freut mich, dass es Dich freut. Nur das mit seinem Wohnort - ich fürchte, da bist Du irgendeinem gefälschten Adressregister auf den Leim gegangen. Der ist und bleibt ebenso geheim wie jenseits von Absurdistan. :)

14/3/07 17:04

 
Blogger Oles wirre Welt meint...

@i.b.e.: Ich glaube nicht, dass die Gleichsetzung so einfach funktioniert. Keine einzige der Wulnikowski-Episoden korreliert näher mit irgendwelchen Erlebnissen in meinem Leben. Und wenn dann nur ganz am Rande. Ein Faible für Reptilien habe ich ebensowenig wie einen Pappkoffer. Aber da der Herr und seine Geschichtenverstrickungen immerhin meinem Hirn entsprungen sind, ist eine Verbindung natürlich unbestreitbar. Wie viel mehr Wulnikowski in mir steckt als in anderen - die Wissenschaft rätselt noch. :)

14/3/07 17:10

 
Blogger Markus Quint meint...

Die Klingeldeckelmangelerscheinung ist eine unter Drahteseln verbreitete Krankheit. Was passiert eigentlich mit den ganzen abhandenen gekommenen Klingeldeckeln? Bei Gelegenheit werde ich einen Traktat darueber schreiben.

15/3/07 15:27

 

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