Donnerstag, August 31, 2006

Ein Schwank aus Wulnikowskis Jugend (II)

Für V.

Wulnikowskis Stiefel schmatzten. Pfützenwasser durchdrang die Risse im Leder, ein Absatz drohte sich zu lösen; Lehmklumpen zerrten daran. Der Schnee war inzwischen geschmolzen, doch noch war der Frühling kalt. Kleine Nebelbänke schlangen sich um Eichen- und Pappelgruppen. Nicht gerade das erhoffte Wetter für die meilenweiten Fußmärsche auf ungepflasterten Feldwegen über Land. Immerhin regnete es nicht. Es hatte das große Geschäft werden sollen, doch gaben sich bislang nur Misserfolg und enttäuschungen in munterer Reihenfolge die Pranke.

Rechts des Weges pflanzte ein knorriger Landwirt Runkelrüben. Mürrisch hob er seinen verbeulten Hut zum Gruß, Wulnikowski erwiderte. Hinter der Hügelkuppe am Horizont kringelten sich seidige Rauchschwaden zwischen Baumwipfeln und verrieten eine Siedlung. Vielleicht ließ sich wenigstens hier ein kleines Geschäft machen. Und sei es nur ein einziges. Das allein wäre mehr als in den vergangenen drei Tagen zusammen.

Einen "irrwitzig lukrativen Deal" hatte es der GI genannt, als ihm Wulnikowski wenige Wochen zuvor beim Krämer um die Ecke begegnet war, und ihn zu einer Lagerhalle am Stadtrand geführt. Doch der einzige Irrwitz, der Wulnikowski bislang hierbei begegnet war, lag in seiner eigenen Gutgläubigkeit. Vielleicht hätte er sich doch vorher schlau machen sollen. Was half es?

"Fitness ist der kommende Trend", hatte ihm der GI ins Ohr geflötet.
"Fitness?" Wulnikowskis Stirn hatte Falten geschlagen.
"Schlank und lebendig bleiben durch Bewegung! Jeder will schlank und knackig bleiben oder wieder schlank werden, wenn die Schenkel zu schwabbeln beginnen, der Bauch sich wölbt und der Hintern erschlafft. Und dagegen hilft nichts besser als dies! Sie werden es Dir begeistert aus den Händen reißen! In den USA nutzt es inzwischen so gut wie jeder. Und gerade die alten, pummeligen Frauen auf dem Land werden es lieben!" Wulnikowski war kurz zusammengezuckt, weil es den Landfrauen gegenüber so abschätzig klang, aber der GI hatte ihn überzeugt. So hatte er sich einen Teil seines Erbes vorzeitig ausbezahlen lassen und von dem seltsamen Amerikaner vier Dutzend Wunderdinger "zum Schnäppchenpreis" erstanden.

Nun schlurfte er seit einer Woche zu Fuß über die matschigen Feldwege der schwäbischen Alb, klapperte Dorf für Dorf ab. Ein Moped besaß er nicht, ein Auto schon gar nicht. Wandelnden Latrinen war er begegnet, früh vergreisten Fettbergen in Kittelschürze, adipösen Backfischen und wuchtigen Hausherren. Doch argwöhnische Blicke waren meist noch die freundlichsten Reaktionen, die ihm entgegen schlugen. Niemand interessierte sich hier für die revolutionären Erfindungen aus Amerika in seinem Seesack.

Und dass dieser unverschämte Spargeltarzan mit seinem Oberlippenflaum, einem Sack auf dem Rücken und einem seltsamen Pappkoffer in der Hand auch nur für möglich hielt, sie könnten dieses Fitdings nötig haben oder gar eine Diät... Frechheit! So hetzten manche gar die Hofhunde auf ihn oder schlugen ihn mit dem Kehrbesen in die Flucht. Vierzehn Dörfer waren es nun, die er bislang abgeklappert hatte; ein einziger Verkauf stand bislang zu Buche. Nur zwei Prozent der ach so profitablen Ware hatte er verkaufen können. Doch vielleicht würde sich ja im nächsten Dorf endlich jemand finden, der den erstaunlichen Erfindungen aus Amerika gegenüber neugierig war? Seine Hoffnung diesbezüglich zerbröselte allmählich. Die Schwäbische Alb schien kein fruchtbares Pflaster zu sein für Hula-Hoop-Reifen.

Hier Teil 1 lesen.

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11 Wortmeldung(en):

Blogger Pe Pe meint...

Tja - vielleicht hätte der junge Geschäftsmann seine Zielgruppe besser studieren sollen.

In Schwaben gilt:
A Stück Brot em Sack, isch besser als a Feder am Hut.
(Man muß die Dinge des Lebens richtig einschätzen)

31/8/06 20:45

 
Blogger Oles wirre Welt meint...

Wulni hatte wahrscheinlich gehofft: Ein Reifen an den Hüften sei besser als das Brot im Sack. :)

31/8/06 21:36

 
Anonymous french kiss meint...

Wenn man an all die Spätzle und Wibele und Plätzle denkt, die schwäbische Frauen durch ihr Leben begleiten, dann versteht man schon, dass ihnen diese fleischgewordenen Köstlichkeiten näher sind als ein buntes, rundes Stück Plastik... ;-)

31/8/06 22:48

 
Blogger viktorhaase meint...

ha! großer wurf. es schwingt was sacht apokylptisches oder blechtrommeliges mit, wenn sich herr wulnikowski in schweren schuhen über noch schwereres geläuf vom bzw. über den acker macht. das ist in der schwäbischen alb bei herbststimmung zwar ein dauerzustand, wurde aber noch nie so schön beschrieben. richten sie herrn wulnikowski bitte aus, ich nehme zwei von den dingern.
geschmeichelte grüße,
V.

1/9/06 10:30

 
Blogger Oles wirre Welt meint...

Da Wulnikowski ständig umzieht, muss ich erst seine neue Adresse recherchieren, werde ihm aber ausrichten, dass heute, vierzig Jahre später, endlich jemand aufgetaucht ist, der ihm doch noch etwas abkaufen möchte, während ich selbst die leise Röte aus meinem Gesicht streichle. :)

1/9/06 10:39

 
Blogger Mephistascripts meint...

Oha, das' mal prima. Geht das auch danach weiter oder nur davor? Tolltolltoll!

1/9/06 12:10

 
Blogger Oles wirre Welt meint...

Loss Düsch übrrroschn... schnäll konnäääsgäschäyn... :)

1/9/06 12:35

 
Blogger Mephistascripts meint...

In unserem Wortschatz wird er niemals sterben...

1/9/06 14:34

 
Blogger Oles wirre Welt meint...

lang lebe uns Rüdy in der Erinnerung weiter...

1/9/06 14:44

 
Anonymous dieJulia meint...

Es tut jetzt zwar absolut nichts zur Sache, aber ich möchte loswerden, daß ich letzte Woche meinen Bürofranz, eine Pflanze von ungeahnter und nachgerade obszöner, jedenfalls aber äußerst beachtlicher Häßlichkeit, Wulnikowski getauft habe.

Und das ist als äußerstes Kompliment zu werten!

6/9/06 23:35

 
Anonymous gutscheine zum ausdrucken meint...

sehr guter Kommentar

15/3/13 14:31

 

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